Die Gamescom stößt an ihre Grenzen – deshalb macht man sich in Köln Gedanken, wie das „größte Games-Event der Welt“ (Eigenwerbung) noch größer werden kann.
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
Luxusprobleme sind Probleme, von denen sich viele wünschten, dass sie sie überhaupt hätten. Das Koelnmesse-Vertriebs-Team hat so ein Problem.
Denn die vermarktbare Ausstellungsfläche der Gamescom 2026 ist ausgebucht. Zum ersten Mal überhaupt. Eine Meldung, die am Dienstag viele überrascht hat, zumal in diesen konjunkturell nicht unanspruchsvollen Zeiten – und in einer Branche, die kaum hinterher kommt mit dem Beklagen von Standort-Schließungen.
Wenngleich noch nicht mal der Aufbau in den Hallen begonnen hat, setzt bei der Koelnmesse und beim Branchenverband schon jetzt intensives Grübeln über die Gamescom 2027 und deren „Erweiterung“ ein. Man will ja vorbereitet sein auf einen möglichen Super-GAU – den Größten Anzunehmenden Umsatz, falls etwa Sony PlayStation nach siebenjähriger Abstinenz demnächst doch wieder einen Stellplatz begehren sollte. Auch andere solvente Großkunden – Roblox, Netflix, THQ Nordic, Take-Two, Blizzard – könnten zurückkehren. Und was dann?

Wie schon 2025 bespielt die Gamescom 2026 eine Bruttofläche von 233.000 qm, umgerechnet 33 Fußballfelder. Bruttofläche meint: Messestände zuzüglich Gedöns – also Flure, Übergänge, Foyers, der Boulevard, Kassenbereiche, Treppenhäuser, all das.
Theoretisch geht noch deutlich mehr: Die alle zwei Jahre ausgetragene Anuga schöpft aus dem Vollen und füllt eines der Top-10-Messegelände des Planeten bis auf den letzten Winkel aus – 8.000 Aussteller auf lauschigen 290.000 qm.
Der ‚Trick‘: Die Food- und Gastro-Messe ist eine reine Von-Profis-für-Profis-Veranstaltung mit gerade einmal 140.000 Teilnehmern (Gamescom: 357.000) – und damit einhergehend komplett anderen Anforderungen an Auslaufflächen, Schallpegel, Besucherführung, Standbau (Stichwort Warteschlangen). Eine Anuga kann also völlig problemlos die Halle 11 nutzen – die mit 5 bis 6 Metern lichter Höhe ähnliche Dungeon-Atmosphäre verströmt wie die weitläufige, verwinkelte Halle 10.
Nun ist es nicht so, dass die Koelnmesse in den vergangenen Jahren nicht Abermillionen in die Hand genommen hätte, um das innerstädtische Gelände zu sanieren und zu maximieren. Alles, was an frischen Kapazitäten hinzu kommt, saugt die Gamescom sogleich begierig auf.
So wird die recht neue Halle 1 mit ihren über 10.000 qm dringend für Events gebraucht, allen voran die Opening Night Live am Dienstag. Das frisch eröffnete Confex ist durchgängig für Begleit-Konferenzen reserviert: Am Gamescom-Donnerstag wird dem Bundespräsidenten der rote Teppich ausgerollt.
Der Schwierigkeitsgrad erhöht sich ab Herbst 2027, weil die doppelstöckige, in die Jahre gekommene Halle 3 – bislang Teil der Business Area – zugunsten eines feudalen Konzernzentralen-Neubaus weichen soll. Ich kann mir daher vorstellen, dass das Gamescom-B2B-Areal schon im kommenden Jahr einen neuen Zuschnitt erfährt. Die Halle 11 böte sich an – dies aber ehrlicherweise auch nur aus einer reinen Laien-Perspektive mit lückenloser Gamescom-Biografie.
Anknüpfend an die Frage, wie die angekündigte „Erweiterung“ konkret aussehen könnte: Wie viele Besucher vertragen Stadt und Gamescom eigentlich? Das Format kratzt schon jetzt bedenklich am Alltime-High des Jahres 2019. Neue Rekorde peilen die Veranstalter zwar nach eigener Darstellung nicht an, aber dagegen wehren würde man sich vermutlich auch nicht.
Wer am Morgen vor Messe-Öffnung durch die noch fast menschenleeren Gamescom-Hallen schnürt, denkt sich im ersten Moment: ‚Hui, da ist aber schon noch ne Menge Platz zwischen den Sperrholzwänden …‘. An einem Freitagnachmittag am Paulberger-Stand in Halle 9 beschleicht einen dann der exakt gegenteilige Gedanke.
Das Dilemma: Macht man beispielsweise die Flure schmaler, passt theoretisch mehr rein – mehr Mensch, mehr Maschine. In der Praxis sinkt sofort die vielzitierte Aufenthaltsqualität. Niemand will die Situation von 2011 oder 2015 zurück haben, als wegen Überfüllung keine weiteren Besucher aufs Gelände gelassen wurden.
Viele werden den Moment aus eigener Anschauung kennen, wenn die Security die Ein-, Aus-, Zu- und Übergänge oder Rolltreppen vorwarnungslos sperren lässt und per Flatterband Besucherstrom-Bypässe übers Außengelände legt. Eine Zumutung, gerade für Familien mit Kindern. Bis einer weint.
Noch heute werde ich auf ein gespostetes Video vom vergangenen Jahr angesprochen. Darauf zu sehen: Wie sich in den frühen Morgenstunden eine wogende Masse vom Messe-Bahnhof in Richtung Eingang Süd schiebt. Wo die Schlange anfängt und wo sie endet – wer vermag das schon zu sagen? Die Veranstalter können prophylaktisch eine Kerze im Dom anzünden, dass das Wetter auch künftig mitspielt.
Wie auch immer das XXL-Konzept ab 2027 aussieht: Es wird nicht trivial. Denn vielen Stammgästen (egal ob Aussteller, Fachbesucher oder Endverbraucher) graut schon jetzt vor dem Gedanken, dass die Cash-Cow Gamescom noch mehr Milch geben soll. Die Kostensteigerungen in einzelnen Gewerken sind immens. Vermeintliche Kleinigkeiten summieren sich: Alleine die ausgeweitete Kölner ‚Bettensteuer‘ hat die ohnehin irren Hotelkosten pauschal um 5 Prozent erhöht – einfach so, buchstäblich über Nacht.
Noch bleibt genügend Zeit, um kluge Lösungen für diese und andere Luxusprobleme zu finden. Doch zunächst muss die Gamescom 2026 seriös abgeschichtet werden. Alle Infos – von der Spiele-Liste bis zum Hallenplan – gibt es auch in diesem Jahr täglich frisch bei GamesWirtschaft.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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