Start Meinung Kein Ponyhof (Fröhlich am Freitag)

Kein Ponyhof (Fröhlich am Freitag)

Zuckerbrot und ... noch mehr Zuckerbrot: Studios und Publisher umsorgen die Belegschaft in bisher kaum gekannter Weise (Foto: GamesWirtschaft)
Zuckerbrot und ... noch mehr Zuckerbrot: Studios und Publisher umsorgen die Belegschaft in bisher kaum gekannter Weise (Foto: GamesWirtschaft)

Die deutsche Games-Industrie wirbt mit einer Charme-Offensive um Personal. Das geht mit innovativen Arbeitszeitmodellen – oder mit Geld.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

die mit Abstand meistbeachtete, -geklickte und -kommentierte Meldung in dieser Woche war nicht die Jetzt-PlayStation-5-vorbestellen-aber-nach-Weihnachten-kriegenAdvents-Aktion von Sony. Sondern die Ankündigung des Hamburger Online-Games-Studios Bytro Labs, dass die 80 Angestellten im 15. Stockwerk des Astra-Towers gegenüber von Fischmarkt und Landungsbrücken derzeit testweise nur an vier statt der üblichen fünf Tage arbeiten.

Bedeutet: Statt durchschnittlich 20 Prozent werden pro Tag 25 Prozent der wöchentlichen Last weggeschafft. Also täglich ein bisschen mehr Gas geben, dafür dann früher ins verlängerte Wochenende. What’s not to love?

Zumal in anderen Branchen ja eher mit dem kompletten Gegenteil geliebäugelt wird, also mit noch höherer Wochenarbeitszeit, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. In Bayern soll der Wegfall der bisherigen Zehn-Stunden-pro-Tag-Obergrenze gar zu einer „besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ führen – dabei viel Glück.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Noch bis Jahresende will Bytro Labs das Konzept testen – dann wird analysiert und ausbaldowert, ob und wenn ja: wie sich das Wochenpensum künftig tatsächlich in kürzerer Zeit hinkriegen lässt. Außerdem soll zusätzliches Personal eingestellt werden.

Wer ehrlich zu sich selbst ist, weiß natürlich, dass ein absurd großer Teil der täglichen Arbeitszeit nicht in die eigentliche Abarbeitung von Quests fließt, sondern in … alles andere. Oder wie es Bytro-Manager Tobias Kringe formuliert: „Wenn sich jeder auf seinen Output und nicht auf seine Stunden konzentriert, können unsere Teams in kürzerer Zeit mehr leisten.“

Gerade Team-Besprechungen sind echte Zeitdiebe – auch Sie werden Vorgesetzte und Geschäftspartner kennen, die aus solchen Events regelrechte Krönungsmessen mit Einbahnstraßen-Kommunikation machen. Erkenntnisse wie „This meeting could have been an e-mail“ haben längst Meme-Status.

Das große Interesse innerhalb und außerhalb der Branche an der Meldung ist auch damit zu erklären, dass sich mancher Arbeitnehmer, Gründer oder Selbstständige gefragt haben dürfte: „WTF? Vier statt fünf Tage? Eigentlich würde meine Aufgabenliste auch locker für sechs oder sieben Tage reichen…“

Aus reiner christlicher Nächstenliebe heraus kommt das Arbeitszeitmodell natürlich nicht zum Test-Einsatz: Das Bytro-Management verspricht sich davon nicht nur glücklichere, robustere und damit loyalere Mitarbeiter, sondern auch eine höhere Attraktivität auf dem chronisch angespannten Arbeitsmarkt.

Denn Hamburg ist Hochburg, gerade im Bereich Online- und Mobilegames. Kleine wie große Games-Unternehmen buhlen um fähiges Personal: In der Freien und Hansestadt sind unter anderem die Bytro-Konzernschwestern Goodgame Studios und Playa Games, InnoGames, Bigpoint, Gamigo, Tivola, Sviper und Xyrality zu Hause – plus PC- und Konsolenspiel-Entwickler wie DS Fishlabs, Daedalic Entertainment oder Rockfish Games, dazu Niederlassungen internationaler Publisher wie Capcom und Square Enix plus eine beachtliche Liste an Startups.

Und die meisten suchen Leute. Dringend.

Weshalb das sogenannte „Employer Branding“ immer wichtiger wird. Motto: Tu deinen Leuten Gutes – und sprich auch darüber, um Himmelswillen.

Die meistgeklickte Meldung der Vorwoche stammt folgerichtig von Gameforge: Gründer und Inhaber Alexander Rösner lindert die Heizkosten-Sorgen seiner Angestellten, indem er eine knappe Million Euro in 3.000-€-Portionen aufteilt und die November-Gehälter der mehr als 300 Beschäftigten aufstockt.

Warum gerade 3.000 und gerade jetzt? Der Clou: Bis zu dieser Höhe sind Zuwendungen für den Arbeitnehmer steuer- und sozialversicherungsfrei. Brutto für netto. Die sogenannte „Inflationsausgleichsprämie“ gilt seit Oktober und noch bis einschließlich Dezember 2024.

Diese und andere finanzielle Wohltaten muss man sich freilich leisten können – und wollen. Dass der Regensburger Online-Rollenspiel-Betreiber CipSoft seinen rund 90 Mitarbeitern zum wiederholten Male ein zusätzliches Jahres- (nicht Monats-, Jahres!) Gehalt als Bonus überweist, hat viel damit zu tun, dass bei einem Umsatz von 25 Millionen € zuletzt eben 14 Millionen € vor Steuern übrig blieben.

In dieser kommoden Situation sind nicht alle Studios und Publisher – das gehört zur Wahrheit dazu.

Wer sich als Berufseinsteiger oder Führungskraft nach einem neuen Arbeitgeber umschaut, wird solche „perks and benefits“ bei seiner Entscheidung zwangsläufig berücksichtigen. Tischkicker, Billardtische und Tischtennisplatten sind längst eingepreist – und auch mit einer bunten Auswahl an Kaffeespezialitäten und Gratis-Obstkörbchen wird man nur noch bedingt punkten können.

Immer wichtiger werden – neben den rein finanziellen Komponenten und Karrierepfaden, versteht sich – flexible Arbeitszeiten inklusive Home-Office-Option und ein verantwortungsbewusstes Management. Denn in der Vergangenheit sind Gründer und Geschäftsführer nicht immer seriös mit ihren Schutzbefohlenen umgegangen.

Weil gerade die Spiele-Industrie eine unrühmliche Historie mit Blick auf Überstunden und Wochenend-Schichten aufweist, sieht sich zum Beispiel das Bremer Traditions-Studio King Art veranlasst, auf der Website explizit das Thema ‚Crunch‘ anzusprechen: „Wir glauben nicht an Crunch Time, weil man die besten Ergebnisse nicht unter Druck erzielt. Wir haben kein Interesse daran, unsere Leute zu verheizen.“

Keine Frage: Kleine wie große Games-Unternehmen mühen sich derzeit viel mehr um ihre Belegschaft – Veteranen werden sich auch an ungleich düsterere Hire & Fire-Zeiten erinnern.

Nicht geschadet haben dürften dabei einerseits die erheblichen Mittelzuflüsse durch große Übernahmen – und zum anderen Games-Subventionen von mehreren hundert Millionen Euro. Wenn der Staat die Hälfte der Kosten trägt, nimmt das zwangsläufig etwas zeitlichen und finanziellen Druck vom Kessel.

Bei allen erfreulichen Fortschritten mit Blick auf Wertschätzung und Arbeitskultur: Niemand sollte sich bitte der Illusion hingeben, die Games-Branche käme künftig einer Wellness-Oase gleich. Dazu ist der Wettbewerb einfach zu intensiv und das Geschäft zu schnelllebig.

Nachhaltige Games-Entwicklung ist weiterhin kein Ponyhof. Oder zumindest: noch nicht. Denn gerade in Deutschland stehen Dutzende Studios vor der Herausforderung, ihr erfolgreiches One-Trick-Pony in den kommenden Jahren überhaupt erst zu einem Ponyhof weiterzuentwickeln.

Und dafür braucht es, mehr denn je: motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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