Start Meinung GTA 6-Leak: Gemischter Hack (Fröhlich am Freitag)

GTA 6-Leak: Gemischter Hack (Fröhlich am Freitag)

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Unbekannte sind in die GTA 6-Server eindrungen und haben Material entwendet (Abbildung ähnlich / Grafik: Rockstar Games)
Unbekannte sind in die GTA 6-Server eindrungen und haben Material entwendet (Abbildung ähnlich / Grafik: Rockstar Games)

Rockstar Games ist mit dem GTA 6-Leak das passiert, wovor jedes Unternehmen zittert: Hacker haben die Server geplündert und vertrauliches Material erbeutet.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

egal ob im Fernsehen musiziert, gekocht, gebacken, Autos getunt, Wohnungen renoviert oder LEGO-Steine verbaut werden: In so gut wie jedem Casting-Format ist es guter Brauch, dass ‚Coaches‘ oder Juroren bereits während des laufenden Prozesses bei den Kandidaten ‚vorbeischauen‘ und sich kundig machen, wie es denn so läuft.

Dann hebt der sterne-dekorierte TV-Koch beiläufig den Topfdeckel, schnuppert am aufsteigenden Dampf und schöpft ein Löffelchen blubbernden Fischfond ab. Das Sößchen oszilliert erkennbar zwischen Gaumen und Backen, wie in einem Cognac-Schwenker. Der Meister wiegt den Kopf, überlegt kurz und sagt dann Sätze wie: „Da fehlt’s aber noch ordentlich an Säure …“

„Ja, klar, ist ja noch nicht fertig, du Dödel!“ möchte man stellvertretend für den Prüfling in den Bildschirm bellen. Dem Kandidaten schießt wiederum das Adrenalin ins Gebälk, weil er mit Blick auf die heruntertickende Uhr ahnt, dass ihm bis zum Anrichte-Vorgang die Zeit davonläuft und es knapp werden könnte. Sehr knapp.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Was uns zum Aufreger der Woche bringt. Am vergangenen Sonntag wurde nämlich der Topfdeckel über jenem Erzeugnis gelüftet, an dem die sehr renommierte Spiele-Manufaktur Rockstar Games seit einigen Jahren brutzelt. Offiziell bekannt ist nur, dass es sich um das nächste Grand Theft Auto handelt. Mangels amtlichem Untertitel firmiert das Spiel notgedrungen unter „GTA 6“, um zum Ausdruck zu bringen, dass es sich um den Nachfolger von GTA 5 handelt – der irgendwann auf den Markt kommt, eher nicht vor 2024.

Genaueres hat der Hersteller noch nicht verraten, was die Kundschaft einigermaßen unruhig auf dem Gaming-Stuhl hin und her rutschen lässt. Denn bei Grand Theft Auto sprechen wir schließlich nicht von irgendeiner Spiele-Serie. Vielmehr ist GTA 5 dermaßen resilient und populär, dass es seit drei Konsolen-Generationen verkauft wird: für PlayStation 3 / Xbox 360, für PlayStation 4 / Xbox One und seit kurzem für PlayStation 5 / Xbox Series X.

Seit dem 17. September 2013 hat das Produkt mehr als 165 Millionen Abnehmer gefunden. Abnutzungserscheinungen sind nicht erkennbar: Kein PS4-Spiel wurde 2021 häufiger im PlayStation Store heruntergeladen. Im abgelaufenen Jahr war es das zweitmeistgekaufte Konsolenspiel in Deutschland, hinter FIFA 22. Im Geschäftsbericht des börsennotierten Mutterkonzerns Take Two ist ein ganzer Abschnitt allein der Frage gewidmet, welch irre Bedeutung die Marke für Wohl und Wehe des Unternehmens hat: Jeder dritte Dollar/Euro entfällt auf Irgendwas-mit-GTA.

Dies nur als Kontext, um zu verstehen, was vor gut einer Woche passiert ist. Über ein Forum wurden nämlich mehrere Gigabytes an Daten mit Bildern und Videos aus „GTA 6“ öffentlich. Es handelt sich um erkennbar überholtes Work-in-progress-Material aus der laufenden Entwicklung, inklusive behelfsmäßig animierten Figuren, Einblendungen aus Analyse-Tools und vielen, vielen Platzhaltern.

Was zunächst wie ein „inside job“ eines vom Leben oder Gehaltszettel enttäuschten Mitarbeiters anmutete, soll sich doch als astreiner Server-Hack von Dritten entpuppt haben. Zumindest nach Darstellung des Studios, das seitdem fieberhaft Sicherheitslücken identifiziert und abdichtet.

Die offizielle Reaktion macht auch klar: Dieses Material – es ist kein Fake, sondern ‚echt‘.

Den zurecht besorgten Fans sowie Take-Two-Aktionären wurde eilig versichert, dass der gemischte Hack keine negativen Auswirkungen auf den GTA 6-Zeitplan hat. Was eine logische Folge hätte sein können. Zumindest solange, wie die vermeintlichen Hacker nicht die zweite Stufe zünden und weiteren Stoff oder gar Quellcodes veröffentlichen, die sich angeblich in ihrem Besitz befinden. Was einem Super-GAU gleich käme.

In der Zwischenzeit sieht sich Rockstar Games veranlasst, das entwischte Material aus dem Netz zu fischen, etwa durch YouTube-Copyright-Strikes. Ein gleichermaßen kühnes wie aussichtsloses Unterfangen. Die Zahnpasta ist aus der Tube.

Schon zweieinhalb Minuten nach Veröffentlichung der Videos hat – natürlich – umgehend die Exegese begonnen, was sich denn aus den Bildern deuten ließe: Jede Silbe, jedes Icon, jedes Nummernschild wurde seziert, interpretiert, dokumentiert, auch und gerade von Fachmedien. Also ungefähr so, wie es in der Automobil-Industrie anhand von Erlkönigen mit abgeklebten Heckpartien passiert.

An dieser Vorgehensweise gab und gibt es Kritik. Die Berichterstattung trüge zur Verbreitung von internen und noch dazu illegal zutage geförderten Unterlagen bei, die niemals zur Veröffentlichung bestimmt waren. Betriebsgeheimnisse, sozusagen.

Tatsächlich fürchten Publisher und Studios wenig mehr, als wenn sie während der laufenden Entwicklung vorübergehend die lückenlose Kontrolle über Timing, Kanal oder Inhalt ihrer Neuheiten verlieren. Oder wie es in der Stellungnahme heißt: „Wir sind maßlos enttäuscht, dass euch Details unseres nächsten Spiels auf diese Weise erreichen.“

Warum es für Spiele-Entwickler so unangenehm ist, wenn vorwarnungslos der Topfdeckel gelupft wird und das Publikum einen willkürlichen, unfertigen Zustand sieht und bewertet, ließ sich in dieser Woche auch auf Social Media besichtigen. „Sieht ja gar nicht mal so gut aus“, hieß es sinngemäß in Kommentaren. Oder: „Hätte echt mehr erwartet.“

Was wiederum hauptberufliche Entwickler, Vermarkter, Analysten und andere Branchenvertreter in Schnappatmung versetzte – Stichwort: „Ja, klar, ist ja noch nicht fertig, du Dödel!“.

Echte Leaks (nicht zu verwechseln mit bewusst gezündeten Marketing-‘Leaks’) sind also ausnahmslos immer ein Albtraum fürs Entwickler-Team. Nervt kolossal. Braucht niemand. Zerstört oft jahrelange Vorarbeit und Diskretion. Wer könnte nicht nachempfinden, wie es sich anfühlt, wenn zwei Monate vor Release auf sehr niederträchtige Weise gestreut würde, dass und vor allem: wie einer der Publikumslieblinge frühzeitig im Spielverlauf dahingemeuchelt wird – so geschehen 2020 beim Sony-Blockbuster The Last of Us 2?

Im vorliegenden Fall hält sich der angerichtete Schaden durch den GTA 6-Leak in ungleich überschaubareren Grenzen, Stand jetzt. Wirklich Schlimmes – sprich: Adhoc-Pflichtiges – ist bislang nicht passiert, zumal es sich um einen sehr frühen und noch dazu mikroskopischen Ausschnitt einer mutmaßlich gigantisch großen Spielwelt handelt.

Die Anteilseigner sehen das offenkundig weniger entspannt: Der Take-Two-Börsenwert hat im Wochenverlauf knapp 10 Prozent eingebüßt.

Im besten Fall gerät die Marketing- und PR-Choreographie etwas durcheinander. Aber besser jetzt als 2025 kurz vor Release – oder wann immer Rockstar Games den Deckel draufmacht.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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2 Kommentare

  1. Es tut mir immer wieder leid wenn ich so etwas lesen muss, auf der anderen Seite aber kann ich das aber auch sehr begrüßen. Ob das jetzt an mir als Person liegt oder der Generation aus der ich komme, kann ich nicht zweifelsfrei sagen. Jedoch finde ich es gut wenn mehr öffentlich gemacht und auch in den Köpfen der Spieler ein Bewusstsein herangezüchtet wird, dass Spiele eben genau wie Autos und Filme enen Entwicklungsprozess durchlaufen und man nach dem Motto arbeitet „Erst muss es funktionieren, dann mach ma’s hübsch!“. Deswegen liebe Entwickler, liebe Publisher, steckt euch eure NDAs sonst wo hin und erarbeitet stattdessen einen Plan die Fans an der Entwicklung teilhaben zu lassen!

    • Was für eine Logik!
      Einerseits wehmütig wirken wollen, dann aber mal wieder nur Forderungen stellen!
      Das hat nicht mit Generationen zu tun, sondern mit Werteverlust.
      Heute ist doch kaum jemandem etwas wert, erst recht keine Medien. Die sollen gefälligst kostenlos sein, oder zumindest fast.
      Jetzt wollen Spieler auch noch teilhaben an der Entwicklung. Natürlich! Was denn sonst! Und gefälligst soll alles dann genau so werden wie Millionen Spieler es sich vorstellen. Bitte auch jeden nach der eigenen Meinung fragen…
      Was es doch für Leute hier gibt…

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