Start Meinung Games-Förderung: Das Schweigen der Länder (Fröhlich am Freitag)

Games-Förderung: Das Schweigen der Länder (Fröhlich am Freitag)

Wir fordern, ihr fördert: Filme und Games werden mit Millionen-Beträgen von Bund und Ländern bezuschusst (Foto: Fröhlich)
Wir fordern, ihr fördert: Filme und Games werden mit Millionen-Beträgen von Bund und Ländern bezuschusst (Foto: Fröhlich)

Die Games-Förderung von Bund und Ländern hat ein massives Transparenz-Defizit – das schleunigst korrigiert werden sollte.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

„Sorry, aufgrund Dreharbeiten, sind nur wenige Parkplätze frei.“

So steht es geschrieben auf einem hingetackerten A4-Zettel an der Zufahrt eines benachbarten Ausflugslokals. Und tatsächlich kann man seit mehreren Tagen geschäftiges Treiben in den Nebenstraßen beobachten: ganze Geschwader an Filmverleih-LKWs, vollgepackt bis unters Dach mit Kameras, Stativen, Scheinwerfern, Kabeltrommeln, flankiert von Wohnmobilen für Maske und Kostüm, Catering-Buden, Miet-Klos und übermotivierter Weitergehen-hier-gibt-es-nix-zu-sehen-Security.

Ein Hauch von Beverly Hills liegt in der Luft – und das direkt vor der Haustür.

Dass der Kinofilm 15 Jahre mit Hannah Herzsprung und Desirée Nosbusch überhaupt hier in der Region gedreht wird, ist selbstverständlich kein Zufall: Denn zum Gelingen der 4 Minuten-Fortsetzung steuert alleine der FilmFernsehFonds Bayern stramme 380.000 € bei.

Quid pro quo, wie es Hannibal Lecter in Das Schweigen der Lämmer formulierte. In diesem Fall: Ihr fördert, wir drehen. Oder auch: Wir fordern, ihr fördert.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Ähnlich läuft es auch bei der Games-Förderung. 50 Millionen € per anno vom Bund, 800.000 € für die Gewinner beim Deutschen Computerspielpreis, in Summe achtstellige Fördertöpfe der Bundesländer, dazu EU-Subventionen und lokale Ansiedlungsanreize – seit einigen Jahren werden deutsche Games-Entwickler förmlich zugeworfen mit staatlichen Geldern.

Dagegen ist grundsätzlich nix einzuwenden, zumal: Die anderen machen’s ja auch – die Franzosen, die Engländer, die Polen. Das Argument der Videospiel-Branche: Wenn wir bei den Kosten nicht auf Augenhöhe agieren, dann gehen Jobs und Gründer eben ins europäische Umland. Der zuständige Fachbegriff lautet: „Level playing field“ – also vergleichbare Standortbedingungen.

Die Games-Industrie setzt demnach auf das gleiche Narrativ, mit der die Film-Lobby immer neue Fördermillionen generiert. Die unverhohlene Botschaft: keine Subventionen – kein Hollywood. Dann werden Matrix und Uncharted eben nicht in Babelsberg, sondern in Tschechien gedreht. Oder in Kroatien. Oder auf Malta. Wär ja schade, irgendwie.

Den für Film und Games zuständigen Förderanstalten ist es deshalb ein großes Bedürfnis, dass die Meldungen mit Blick auf die investierten Gelder zügig Verbreitung finden.

Ungleich unentspannter ist die Auskunftsfreudigkeit der verantwortlichen Stellen, wenn es um die Frage geht: Was hat die Förderung eigentlich gebracht – und zwar nicht nur gefühlt, sondern ganz konkret? Kam das Mobile- oder VR-Spiel jemals auf den Markt? Hat jemand dafür Geld ausgegeben? Existiert die UG oder GbR überhaupt noch? Sind sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze entstanden, gab es womöglich gar Rückflüsse?

Naheliegende Fragen, möchte man meinen. Die in der Realität aber überraschend oft in Hammwanich, Wollnwanich oder Könnwanich resultieren. Der Datenschutz, wissense.

Die alljährlich im Frühjahr publizierten Jahresberichte liefern so gut wie keine Erkenntnisse. Zwar werden Fördersummen, Nominierungen und Auszeichnungen fein säuberlich in langen Tabellen aufgelistet, aber eine echte Leistungsbilanz fehlt eben. Keine einzige Fördereinrichtung veröffentlicht Statistiken, ob und wann die subventionierten Games überhaupt erschienen sind.

Immerhin: Vom FFF Bayern ist auf Anfrage zu erfahren, dass in den vergangenen zwei Jahren drei Rückzahlungen stattgefunden haben – Ostwind, Shift Happens und Die Legenden von Andor. Das Medienboard Berlin-Brandenburg meldet für 2020 Rückflüsse von sieben Berliner Spielestudios in Höhe von 500.000 €. In Baden-Württemberg waren es 2021 rund 77.000 €. In NRW konnte das Studio Inkyfox 70.000 € für OMNO zurückzahlen.

Doch mangels belastbarer Indizien bleibt zwangsläufig ungelöst, inwieweit der Inlands-Marktanteil profitieren könnte, der ja regelmäßig als Kronzeuge für die zwingende Notwendigkeit der Förderung geladen wird. Zur Erinnerung: Von 100 €, die 2020 hierzulande für Games ausgegeben wurden, entfielen 4,20 € auf hiesige Studios. In der Disziplin PC-, PlayStation-, Xbox- und Switch-Games waren es 1,31 €. Der Rest: importiert.

Argument des Verbands: Der Standort sei „noch nicht stark und breit genug aufgestellt“. Die volle Wirkung der Förderung würde sich erst in einigen Jahren entfalten. Das mag man gerne glauben, weil auf dieser Verheißung ja das komplette Subventions-Wesen fußt, egal ob Autofabrik, Gebäude-Sanierung, Landwirtschaft oder eben der gewerbsmäßige Games-Anbau.

Und beim Bund? In der Pilotphase zwischen 2019 und 2021 hat Scheuers Behörde exakt 223 Projekte mit 27 Millionen € bezuschusst. Was daraus geworden ist? Gute Frage. Hinter dir, ein dreiköpfiger Affe!

Der Eindruck: Das Schweigen der Länder hat System. Wenn die Kohle erst mal verteilt ist, fragt niemand mehr nach. So richtig wissen will man lieber nicht, was das alles bringt – und kommunizieren erst recht nicht. Und so bleibt es beim Prinzip Glaube, Liebe, Hoffnung, dass die Schecks schon dort ankommen, wo sie möglicherweise Wirkung entfalten.

Und come on, solange das geförderte Spiel eine Computerspielpreis- oder Entwicklerpreis-Nominierung abräumt, ist es doch auch irgendwie ein kleines bisschen egal, wenn das Produkt im Steam- oder Appstore-Reallife einige hundert Installs erreicht – best case. Was nur noch in Nuancen mit Wirtschafts-, sondern bestenfalls mit Kulturförderung zu tun hätte.

Im Ernst: Es wäre meines Erachtens nicht zu viel verlangt, der Öffentlichkeit aka dem Steuerzahler an dieser Stelle etwas mehr – genauer: überhaupt irgendeine – Transparenz zuzumuten. Um erst gar nicht den Verdacht reifen zu lassen, das schöne Geld würde in einem Quid-pro-Quo-Ökosystem wechselseitiger Abhängigkeiten versickern.

Ein schönes (langes) Oster-Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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1 Kommentar

  1. Zu dem Thema kann ich nur einen bekannten von mir anführen, der selbst schon mehrfach eine Förderung erhalten hat. Sein „dream-game“ hat er mangels irgendeiner technischen Ausbildung einen Mitarbeiter und ein paar Praktikanten machen lassen, er selbst war als Firmeneigner lediglich für die Geschäftsführung verantwortlich. Als gelernter Vertriebsmensch kann er eben ganz gut Leute bequatschen. Kurz und bündig, dank einiges an Crunchtime durch seine(n) Mitarbeiter wurde das Spiel auch mit Hilfe eines Publishers, der nochmals Gelder zugeschossen hatte, letztendlich auf Steam veröffentlich.

    Das Studio selbst ging danach pleite, und der Publisher freute sich natürlich, denn die Marke gehörte laut Vertrag jetzt denen. Anschließend hat mein Bekannter dann kurzerhand einfach ein neues Unternehmen gegründet und sich mit dem Publisher in einen Rechtsstreit begeben, da dieser „sein Spiel ja nicht angemessen vermarktet hätte“. Die Steam reviews waren wenige aber durch die Bank weg eher negativer Natur.

    Kurzum, es sieht so aus als sei die Marke jetzt wieder bei meinem Bekannten und seinem neuen Studio gelandet, denn es wurde wieder eine Games Förderung beantragt, um das selbe Spiel zitat: „in der Atmosphäre und Qualität zeigen zu können, wie sie von Anfang an geplant war“. Doppelt gezahlt hält besser.

    Im Endeffekt würde ich aber, gerade weil sich am Gameplay offensichtlich nichts geändert hat, mich wieder dazu hinreißen lassen gegen das Spiel zu wetten. Am Ende wird es Steam zeigen.
    Jedenfalls so viel zu versenkten Steuergeldern.

    Meine Meinung zu dem Thema: So wie bei allem anderen auch haben weder unsere Länder noch der Bund die nötige Expertiese um feststellen zu können, ob ein Spiel am Ende Spaß macht und sich die 50.000€, 100.000€ oder gar 500.000€ am Ende auszahlen werden. Das müssen sie auch überhaupt nicht, da sie dafür zuständig sind gute Politik im Sinne des Volkes zu machen. Es bedeutet aber auch, dass jeder einfach sein Wunschdenken in einer Summe X Ausdruck verleihen kann und alles schön weiter aus Steuergeldern finanziert wird

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