
Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit – und das gilt auch für die Games-Politik: Der Verband übt sich im rechten Umgang mit der AfD.
Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,
eine mehr als halbierte Union, ein angezählter Kanzler, die höchste Wahlbeteiligung seit der Jahrtausendwende, die AfD nur Millimeter vor der absoluten Mehrheit – und eine noch gespaltenere Republik: Fünf Tage nach dem Wahl-Sonntag in Sachsen-Anhalt herrscht weiterhin eine Melange aus Frust, Dopamin und Ratlosigkeit.
Und wie das mit einschneidenden Ereignissen so ist: Mit jedem Tag, der ins Land zieht, wird aus den „Es darf kein Weiter-So geben“-Textbausteinen allmählich wieder ein gepflegtes Weiter-So – so wie die Silvestervorsätze, die oft nicht mal Heiligdreikönig überdauern.
Eisenhart ist hingegen die Haltung des Branchenverbands Game e. V. – und zwar seit immer: Gleichsam zum Gründungsmythos gehört die Festlegung, dass keinerlei Zusammenarbeit mit der Alternative für Deutschland stattfindet. Zu Veranstaltungen mit Verbands-Beteiligung – allen voran Computerspielpreis und Gamescom – werden keine AfD-Mandatsträger und -Funktionäre eingeladen oder empfangen. Das Maximale der Gefühle sind Verbands-Stellungnahmen, die serienmäßig auch im Posteingang von AfD-Abgeordneten und Ausschuss-Mitgliedern landen.

Der Game leitet die Entscheidung aus dem eigenen Bekenntnis ab – zu Vielfalt, Diversität, Meinungsfreiheit, Toleranz, wertschätzendem Umgang und zu einer offenen Gesellschaft.
Eines von unzähligen Beispielen, wie die Branche ‚tickt‘: Seit einigen Jahren gibt es für Förder-Anträge in Hamburg eine ‚Diversity Checklist‘ (PDF), die unter anderem abfragt, ob Personen aus unterrepräsentierten Gruppen (BIPoC, queere Menschen etc.) Teil des Entwickler-Teams sind oder als Charaktere im Spiel auftauchen. Wer an dieser Stelle punktet, bekommt einen Bonus bei der Bewertung durch das Vergabegremium.
Am diametral anderen Ende der Skala steht die AfD, die Sachsen-Anhalt „zum Musterland der Kulturpolitik“ machen und eine „neue, patriotische Kulturpolitik“ durchsetzen will. Für „antideutsche Kunst und Kultur“ soll es künftig kein Staats- und Steuergeld mehr geben. Stattdessen sollen vorwiegend solche Projekte gefördert werden, die einen „Beitrag zu deutscher Identitätsfindung“ leisten.
Siebenstellige Förder-Schecks für das Oktoberfest-VR-Spiel würden in diesem Szenario also vermutlich nicht verhindert. Aber man macht sich eine ungefähre Vorstellung, warum sich etwa die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) zu einem Appell für „kulturelle Vielfalt“ als Reaktion auf die Wahl veranlasst sieht.
Entlang der Gamescom 2026 hat Game-Geschäftsführer Felix Falk die klare Abgrenzung seines Verbandes gegenüber der AfD bekräftigt – auf offener Bühne und mit bewusstem Hinweis auf die anstehenden Landtagswahlen.
Natürlich sind Formate wie die Gamescom immer auch Foren für wirtschaftliche Interessen: Allein im 2027-Haushalt stehen erneut Subventionen über 120 Mio. € im Feuer – Klingbeils Zuneigung ist zwingende Voraussetzung für die Umsetzung der Tax Credits. Aber ich kenne die Strukturen und die handelnden Personen auch lange und gut genug, um anzuerkennen, dass hier aus tiefer Überzeugung gehandelt wird. Und ich habe großen Respekt davor, sich in den Wind zu stellen und zu sagen: Mit denen nicht.
Ich fürchte nur, die AfD-Brandmauer des Verbands wird nicht gut altern.
Erstens besteht zumindest das abstrakte Risiko, dass man absehbar den Osten des Landes ‚verliert‘ – und damit den Zugang zu rund 13 Millionen Menschen.
Laut Forsa-RTL-ntv-Trendbarometer von dieser Woche kommt die AfD im Osten auf 45 Prozent – deutlich vor der Linken (15 %) und der Union (12 %). Allein das Prinzip Hoffnung, dass diese Klientel zeitnah wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehren könnte, ist etwas dünn.
Natürlich sind Sachsen-Anhalt und MeckPomm (noch) nicht die Epizentren der deutschen Games-Industrie. Aber die Szene ist hochdynamisch. Erst zur Gamescom hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) die sächsischen Spiele-Entwickler gleichsam adoptiert, indem er die Schirmherrschaft für das Computerspiel-Gewerbe im Freistaat übernommen hat. Next Level Saxony soll Investitionen in einer Region triggern, die schon jetzt erfolgreiche Studios, prosperierende Messen und renommierte Hochschulen aufweist.
Zweiter Punkt: Die Verbands-Reihen mögen nach außen maximal geschlossen wirken. Indes braucht es ein gerüttelt Maß an Naivität, um zu glauben, dass Hunderte Mitglieds-Unternehmen und 30.000 Beschäftigte der erweiterten Games-Branche politisch auf ein- und derselben Wellenlänge surfen. Auf Bundesebene liegt die AfD bei allen Instituten stabil im Korridor von 27 bis 28 Prozent.
In Köln haben mich gleich mehrere honorige Unternehmer und Gründer angesprochen, die Verantwortung als Arbeitgeber tragen und auch deshalb einen nüchternen Blick auf die Lage haben – zu diesem Zeitpunkt noch in Unkenntnis der Sachsen-Anhalt-Ergebnisse.
Ein Einwand: Wenn man sich so laut von AfD-Politikern distanziert – gilt das nicht in gleicher Weise für deren Wähler? Und wie demokratisch ist es, wenn man den Dialog mit Leuten verweigert, die auf Zustimmungswerte von 20, 30, 40 Prozent kommen? Also eine ganz ähnliche Argumentationslinie von Unternehmen anderer Industrien, die nicht im Verdacht stehen, der AfD das Wort zu reden.
Mit Blick auf die aufgeheizte Debatte muss man diesen und anderen Skeptikern innerhalb der Branche glatt zuraten, ihre Position bestenfalls intern, aber keinesfalls öffentlich zu formulieren – weil dann sofort die Müllermilch-Boykott-Dynamik reinkickt. Allein dieser Befund muss schon Kummer bereiten, weil er die marianengrabengroße Kluft dokumentiert, die nur binäres „Für oder gegen die?“ kennt.
Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die Anti-AfD-Haltung in der deutschen Games-Branche von einer breiten Mehrheit getragen wird. Wenn der Game-Vorstand morgen beschlösse (Konjunktiv!), ganz offiziell zarte bilaterale Beziehungen mit der AfD aufzunehmen, würde übermorgen die Hälfte der 500+ Mitglieds-Unternehmen aus dem Verband austreten. Mindestens. Verbündete aus dem politischen Berlin und aus den Ländern würden die Gefolgschaft kündigen.
Sie merken: Natürlich hab‘ auch ich keine coole ‚Lösung‘ für das Dilemma, in dem sich das Land bewegt – ein Land, in dem jede/r Zweite spielt und jeder Vierte AfD wählen würde.
In meiner Funktion als Hauptstadt-Korrespondentin stelle ich nur fest: Das Einmauern war bislang so semi-erfolgreich, um nicht zu sagen: kontraproduktiv. Wäre Politik ein Computerspiel, würde man die angewandte Strategie spätestens jetzt überdenken.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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Die (politische) Brandmauer erreicht das Ziel niedriger AfD-% nicht, weil der demokratische Teil der Politik die Realität und (in der postfaktischen Zeit vermutlich genauso wichtig) die Gefühle der Bürger nicht aufgreift. Und bis heute nicht verstanden hat, dass das ein Problem ist.
Davon trennen darf und sollte man die Brandmauer als grundsätzliche Haltung, mit menschensverachtenden Faschisten keine gemeinsame Sache zu machen. Es ist keine 24h her dass Herr Siegmund über die Notwendigkeit von Rüstungsgütern zur Remigration gesprochen hat.
Wer in dem Kontext und trotz wirtschaftlicher Zwänge weiter eine klare Abgrenzung verteidigt, der verdient Mut und Anerkennung. Wie es anders geht kann man (noch) in jedem Geschichtsbuch nachlesen.