Start Meinung Gamescom 2026: Zurück in die Zukunft (Fröhlich am Freitag)

Gamescom 2026: Zurück in die Zukunft (Fröhlich am Freitag)

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So berechenbar wie der Teleprompter: Die Opening Night Live der Gamescom 2026 sparte mit Überraschungen.
So berechenbar wie der Teleprompter: Die Opening Night Live der Gamescom 2026 sparte mit Überraschungen.

„Lust auf Zukunft“ wollte die Gamescom 2026 machen – tatsächlich ging es aber vor allem um Gegenwarts- und Vergangenheitsbewältigung.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

zu den tendenziell beschämenderen Erkenntnissen meiner Gamescom-Woche gehört die Feststellung, dass der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland mit hinreichender Wahrscheinlichkeit deutlich mehr Zeit an Gamepads verbracht hat als ich.

Denn zwischen all den Interviews, Präsentationen, Foto-Terminen, Receptions, Long-time-no-see-Smalltalks, Rundgängen, Grußworten und Hintergrundgesprächen blieb diesmal so gut wie keine Luft, um selbst mal eine Neuheit länger als für zwei Minuten anzuspielen. Hintergrundgespräch meint übrigens sinngemäß: „Wir unterhalten uns jetzt hier mal ganz offen unter Pastorentöchtern – aber wenn die Tür wieder aufgeht, will ich nichts davon im Netz lesen.“

Die Hauptthemen: die Lage der Branche (bitter), Künstliche Intelligenz (noch bitterer) und die düsteren Karriere-Optionen für 20-Somethings auf der einen und für 50-Somethings auf der anderen Seite – und für alle dazwischen.

Darüber redet man natürlich im LinkedIn-Abklingbecken nicht so gerne. Sofern ich all die Wraps und Blasts und Thrills und die Rückmeldungen und das mediale Echo richtig einordne, dann war es in Summe trotzdem eine überaus erfolgreiche Gamescom. Selbst das absehbare ÖPNV- und Baustellen-Chaos bekam Köln irgendwie gewuppt.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Dafür sprechen auch die offiziell gemeldeten Rekord-Zahlen und das Mittendrin-statt-nur-dabei-Gefühl am Gamescom-Freitag, als ich wider besseren Wissens den Versuch wagte, von Halle 4 zu Halle 8 vorzudringen – und unterwegs von einer Menschenmenge in den Außenbereich gespült und irgendwo in Halle 9 wieder ausgespuckt wurde. Wie Stagediving, nur ohne Stage.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich gerne auch in diesem Jahr den Appell an die Koelnmesse wiederholen, nach nur 16 Ausgaben endlich Barmherzigkeit walten zu lassen und einen Fast-Travel-Bypass zwischen Business Area und Entertainment Area zu legen. Liebe Grüße!

Und sonst so?

Mindestens in den Publikums-Hallen war der Vibe sehr gut. Viele Messestände: eine absolute Augenweide. Aber rein inhaltlich fand ich’s ehrlicherweise auch ein bisschen fad.

Ich kann mich zum Beispiel nicht entsinnen, jemals eine schwächere Gamescom Opening Night Live erlebt zu haben – was sich auch daran ablesen ließ, dass die 5.000 Zuschauer vor Ort häufig nur Höflichkeitsapplaus spendeten und nur selten aus dem Sattel gingen. Inmitten stromlinienförmiger, kaum voneinander unterscheidbarer Trailer war man schon fast dankbar, wenn entlang der zweistündigen Dauerwerbesendung mal ein LEGO Skylines aufblitzte. Noch dazu waren die Übergänge zwischen bezahlter Werbung und redaktionell ausgewählter Haute Couture so fließend, dass gelegentlich nur ein Blick auf die XXL-Teleprompter half – „Ah, wusst ich’s doch, ein Commercial“.

So richtig aus den Latschen gehauen hat mich nichts. Neue Geschäftsmodelle, neue Technologien, neue Plattformen, das eine Ding, über das alle sprechen (mit Ausnahme von GTA 6, klaro): Fehlanzeige. All die ‚Innovationstreiber‘, die von den Veranstaltern und der politischen Prominenz auf den Kölner Kanzeln beschworen werden, waren schlichtweg nicht auf dem Gelände spürbar.

So blitzte das amtliche Gamescom-2026-Motto „Lust auf Zukunft“ nur vereinzelt auf – stattdessen gab es sehr viel Vergangenheit und Nostalgie zu besichtigen:

  • Ubisoft legt ein 13 Jahre altes Jump & Run neu auf – CD Projekt Red ein Action-Rollenspiel, das vor 11 Jahren erschienen ist. Tomb Raider: Legacy of Atlantis ist ein Remake des vor 30 Jahren erschienenen ersten Lara-Croft-Spiels.
  • Microsoft verkauft weiterhin Xbox-Spielkonsolen, die technisch auf dem Stand von 2020 sind – aber 300 € mehr kosten als zur Markteinführung. Für das 25-Jahre-Sondermodell werden 899,99 € aufgerufen.
  • Auf überraschend vielen Gamescom-Monitoren und -Leinwänden liefen Fortnite oder Minecraft – als hätte man die letzten 10 Jahre eingefroren in einer Karbonit-Eistonne verbracht.

Und dann war da noch die Nummer mit dem (Un-)Sicherheitsgefühl, die sich natürlich leicht wegmoderieren lässt, wenn es einen selbst nicht (be)trifft. Aber ich habe selten unaufgefordert so viele irre Storys über Zugangs- und sonstige -Nicht-Kontrollen gehört und erlebt wie in diesem Jahr.

Es ist mir zum Beispiel unbegreiflich, wie einfach man in den Fachbesucher-Bereich gelangt – immer noch. Dazu muss man theoretisch nur mit einem selbstgemalten Badge wedeln, das aus zwei Metern Entfernung einigermaßen authentisch wirkt. Warum wird da nix gescannt?

Gleiches am Confex: In Anbetracht dessen, dass mich zwischenzeitlich keine 50 cm Luftlinie von Vizekanzler, Ministerpräsident oder Bundespräsident trennten, erschien es mir dann doch minimal irritierend, dass sich beim Einlass absolut niemand für den Inhalt meines Rucksacks interessierte. Ich habe mir das im Nachgang durch mein gewohnt hochseriöses, liebenswürdiges Auftreten erklärt – aber es sind wilde Zeiten, und ich würde mich wirklich wohler fühlen, wenn es etwas strenger zuginge.

Genaueres Hingucken hätte die gemeldeten Hardware-Diebstähle natürlich nicht zuverlässig verhindert. Aber wenn der Messe-Trend explizit „Kleine Teams, große Erfolge“ lautet, dann darf man jene kleinen Teams – die Herz und Budget in Köln lassen – nicht mit Thoughts & Prayers und dem Verweis auf die AGB allein lassen. Der internationale Backlash war so berechtigt und so übel, dass auf dem offiziellen Gamescom-X-Kanal seit Samstag nichts mehr gepostet wurde – noch nicht mal die Besucherzahlen.

Wenn die Messe wie geplant weiter wachsen soll, dann wird man sich deshalb abseits konzeptioneller und baulicher Neuerungen auch Gedanken machen müssen über die Krisen-Kommunikation. Aber da bin ich ganz zuversichtlich, dass man in Köln und Berlin die Signale von Besuchern, Cosplayern und Indies wahr und ernst nimmt.

Und wenn es richtig toll läuft, hab ich im kommenden Jahr ja vielleicht sogar die Chance, auf einer Gamescom was zu spielen. Wär ja mal was.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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