Laxe Kontrollen, Diebstähle, überforderte Security: Die Gamescom muss aufpassen, dass sie nicht Opfer des eigenen Erfolgs wird.
Ein Kommentar von Petra Fröhlich
Wer Ryan Laley bis vor wenigen Tagen nicht kannte, kennt ihn jetzt: In einem hoch-emotionalen Video berichtet der Solo-Entwickler, dass ihm über Nacht die Laptops aus der Business Area der Gamescom geklaut wurden.
Was folgte, war eine Welle der Anteilnahme. Andere Indies, Hardware-Hersteller und Aussteller wie CD Projekt Red boten dem Briten umgehend ihre Hilfe an.
Im Nachgang wurden weitere Fälle bekannt – die Koelnmesse sah sich daher zu einem Statement veranlasst: Man nehme die Vorfälle ernst und verstehe den Frust der Aussteller. Im selben Atemzug verweist die Konzernzentrale darauf, dass ja auf eigene Rechnung Standwachen gebucht und Versicherungen abgeschlossen werden könnten – alles nachzulesen in den Regularien.
Dieser Lifehack mag inhaltlich korrekt und juristisch wasserdicht sein, sendet aber auch eine unangenehme „Naja, dumm gelaufen – selber schuld“-Botschaft. Im Angelsächsischen gibt es dafür den Fachbegriff ‚Tone Deaf‘.
Die internationalen Reaktionen: nicht weniger als verheerend. Mein The Verge-Kollege Tom Warren fasste es folgendermaßen zusammen: „What an utterly shit response“ – und bekam dafür 4.000 Likes.
Wo die Koelnmesse richtig liegt: Dass bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung mal was weg kommt oder kaputt geht, wird sich nie verhindern lassen. Was sich aber verhindern lässt, ist der Deal-with-it-Umgang damit. Der jetzige PR-GAU wird noch jahrelang nachhallen.
Der Vorfall steht stellvertretend für ganz viele unschöne Vorkommnisse, die sich im Nachgang angesammelt haben – und die den Eindruck verstärken, dass Aussteller und Besucher zu oft allein gelassen werden.
Gerade Laleys Gamescom-Erlebnis wird und darf niemanden überraschen: Jeder kennt aus eigener Anschauung jene Situationen, wo etwa im Business-Bereich Menschen herumlungern, die dort erkennbar nichts zu suchen haben.
Doch das Problem beginnt noch deutlich früher, nämlich bei den Eingangs-‚Kontrollen‘. Die Hightech-Detektoren haben dem Vernehmen nach eine extrem hohe Trefferquote – doch dass Besucher, Taschen und Rucksäcke einfach durchgewunken werden, trägt nicht gerade zu einem subjektiven Sicherheits-Gefühl bei.
Meine Zugangskontrollen-Quote in diesem Jahr: 1 flüchtiger Taschen-Blick in 6 Gamescom-Tagen – die Rundgänge mit Vizekanzler, Ministerpräsident und Bundespräsident schon eingerechnet.
Dass bei 16 Vor-Ort-Ausgaben seit 2009 nie Nennenswertes passiert ist (mal abgesehen von Influencer-Backpfeifen), mag also tatsächlich auf das ausgeklügelte Sicherheitskonzept zurückzuführen sein. Oder halt einfach: janz viel Glück.
Damit einher geht: Je größer der Andrang, desto kürzer die Zündschnur des Security-Personals. Auf der Gamescom gibt es sie in drei Geschmacksrichtungen:
- diejenigen, die ihren Job ernst nehmen, sich als Teil des Gastgebers verstehen, selbst im allergrößten Stress freundlich bleiben, die Wörtchen „Bitte“ und „Danke“ im Vokabular haben, einen „Guten Morgen“ und „Viel Spaß“ wünschen – von Herzen danke dafür!
- dann diejenigen, die wahlweise desinteressiert und gelangweilt ihr Pensum abspulen und einfach nur hoffen, dass der Tag möglichst schnell rumgeht
- und schließlich jene, die sich ihrer Privilegien sehr bewusst sind – und das auch jedem unaufgefordert zum Ausdruck bringen. Laut, aggressiv, mit der Tendenz zur Übergriffigkeit.
Mein persönlicher Cringe-Moment entstand entlang des ansonsten hervorragend vorbereiteten und organisierten Steinmeier-Rundgangs.
Wir Fotografen und Medienvertreter wurden jeweils vorab zur jeweils nächsten Station gebracht, um uns dort zu postieren. Den Weg dorthin räumte die Security frei – und zwar buchstäblich. Alles und jedes, was im Weg stand, wurde vorwarnungslos weggeschubst oder anderweitig körperlich angegangen – inklusive Kindern, die zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort standen. Ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich es als betroffener Ticket-Vollzahler bei einem „Sachma, geht’s noch?!?“ belassen hätte.
Mehr noch: Weil wir einem Schildchen mit der Aufschrift ‚Press Tour‘ folgten, mussten die umstehenden Besucher zwangsläufig davon ausgehen, dass wegen uns Presse-Fuzzis so ein Gewese gemacht wird – als wären wir ein 4.000-Follower-TikToker oder so. Wie gesagt: cringe. Ich hab mich im Nachhinein geärgert, meinen Unmut nicht direkt vor Ort zu formulieren – hiermit nachgeholt.
Man muss es leider so klar sagen: Die Gamescom-Security ist in viel zu vielen Fällen entweder überfordert oder nicht hinreichend gebrieft oder beides. Dieses Personal trifft dann auf Rolltreppen, die nicht funktionieren. Wegweiser, die ins Nichts führen. Auf anlasslos abgesperrte Zu- und Ausgänge. Heruntergelassene Rolltore. Auf Einbahnstraßen und Umleitungen übers Außengelände. Auf internationale Gäste, die sich wundern, warum ihr Gegenüber so gut wie kein Englisch versteht – ein Witz mit Blick auf die Internationalität des weltgrößten Games-Events.
In der Gesamtschau entsteht das unangenehme Gefühl, dass schlichtweg an der falschen Stelle gespart wird. Dass es sich bei den Sicherheits-Teams um externe Firmen handelt, ist in diesem Zusammenhang ein kleines bisschen egal. Die Verantwortung tragen jene, die Ausstellungsflächen und Tickets verkaufen und für die „Aufenthaltsqualität“ zuständig sind – also Verband und Koelnmesse.
Meine Erwartung lautet daher, dass das Feedback seriös aufgearbeitet und die richtigen Schlüsse gezogen werden – gerade mit Blick auf eine noch größere Gamescom ab 2027. Der Austausch der Security-Dienstleister wäre ein erster Schritt.













