Der schwedische Medienkonzern MTG greift nach der Mehrheit bei Innogames (Foto: Innogames, Grafik: GamesWirtschaft)
Der schwedische Medienkonzern MTG greift nach der Mehrheit bei Innogames (Foto: Innogames, Grafik: GamesWirtschaft)

Die Schweden erobern Deutschlands viertgrößten Spiele-Hersteller: Was bedeutet der Einstieg des Medienkonzerns MTG für InnoGames?

Mittwoch, 17. August 2016: Am Abend des ersten Gamescom-Tags lädt InnoGames zur Beachparty am Rheinufer mit Blick auf die Kölner Skyline. Die Stimmung ist ausgelassen. Hunderte Gäste stapfen durch den aufgeschütteten weißen Sand, jonglieren Teller mit untertassengroßen Burgern und lassen Cocktailschirmchen zwischen den Fingern rotieren. Kurz nach 20 Uhr beugen sich InnoGames-Mitarbeiter über die Sitzgruppen und flöten: „Kommt ihr alle mal nach vorne? Der Hendrik möcht’ was sagen.“

„Der Hendrik“, das ist Hendrik Klindworth, CEO von InnoGames und zusammen mit Bruder Eike und Michael Zillmer einer der drei Gründer des Hamburger Free2play-Entwicklers. Er hat ein Mikro in der Hand und setzt sein charmantestes Hendrik-Klindworth-Lächeln auf.

Bei seiner englischsprachigen Ansprache sagt er dann das, was erfolgreiche Firmengründer bei solchen Gelegenheiten eben so sagen: super Firma, super Team, super Partner, super Gamescom, super Spiele, super Wetter, viel Spaß und schönen Abend. Was er nicht sagt, aber an diesem lauen Sommertag mutmaßlich schon weiß: Wenn alles läuft wie geplant, könnten er und seine Partner in knapp zwölf Monaten nicht mehr das Sagen haben in jenem Unternehmen, das sie 2007 gegründet haben.

Die drei Innogames-Gründer: Michael Zillmer, Hendrik Klindworth, Eike Klindworth
Die drei InnoGames-Gründer: Michael Zillmer, Hendrik Klindworth, Eike Klindworth

InnoGames Übernahme: Nicht China, sondern Schweden

Noch während der laufenden Gamescom 2016 wurden Gerüchte kolportiert, „die Chinesen“ stünden unmittelbar vor einem Einstieg bei InnoGames. Die Geschichte hat sich im Nachgang als richtig erwiesen – sofern man der Überzeugung ist, dass China in Skandinavien liegt. Denn wie am 13. Oktober 2016 bekannt wurde, sichert sich der schwedische Medienkonzern Modern Times Group (MTG) in zwei Schritten 35 Prozent der InnoGames-Anteile – und hat eine einseitige Option auf eine 51-Prozent-Mehrheit. Übersetzt: Die Firmengründer verkaufen das Unternehmen nach Schweden.

Das Gamescom-Gerücht „mit den Chinesen“ war insofern nicht völlig aus der Luft gegriffen, als einige Monate zuvor der Mobilegames-Publisher Youzu Interactive nur wenige Kilometer Luftlinie von InnoGames entfernt zugeschlagen hatte, nämlich bei Bigpoint. Möglicherweise war es auch einfach nur eines jener Gerüchte, die sich verselbstständigen, wenn ein Markt im Umbruch ist: Am Gamescom-Donnerstag hatte Konkurrent Goodgame Studios den Abbau von mehreren hundert Arbeitsplätzen bekannt gegeben.

InnoGames: Deutschlands viertgrößter Spiele-Hersteller

Mit 400 Mitarbeitern an den Standorten Hamburg und Düsseldorf ist InnoGames der viertgrößte Spiele-Entwickler des Landes. Betrachtet man nur den Umsatz von zuletzt 100 Millionen Euro, dürfte InnoGames bereits auf Rang 2 liegen. Das Unternehmen betreibt ein halbes Dutzend PC-Browserspiele und Spiele-Apps, die allesamt auf dem Free2play-Modell basieren.

Sprich: Die Strategiespiele sind kostenlos spielbar – wer Vorgänge beschleunigen will, gibt Geld aus. Das machen zwar nur wenige Prozent aller Nutzer, doch Intensiv-Spieler – die begehrten Whales („Wale“) – investieren auch schnell mal zwei-, drei-, vierstellige Euro-Beträge. Sie sind damit das, was man an den Spieltischen von Las Vegas die High Roller nennt.

InnoGames setzt damit auf dasselbe Geschäftsmodell wie Goodgame Studios, Gamigo und Bigpoint (Hamburg), Flaregames und Gameforge (Karlsruhe), Travian Games (München), Wooga (Berlin) und internationale Schwergewichte wie Supercell (Clash of Clans), Riot (League of Legends) oder King (Candy Crush Saga).

150 Millionen registrierte User hat InnoGames nach eigenen Angaben. Die Aussagekraft solcher Fabelwerte geht traditionell gegen Null, da dies nur die seit Firmengründung eingesammelten E-Mail-Adressen widerspiegelt. Wie viele Millionen Karteileichen und tatsächlich aktiven Spieler sich dahinter verbergen, bleibt unklar.

Neu in den Top 25 der deutschen Spielestudios im Oktober 2016: Whow Games und Sandbox Interactive.
Neu in den Top 25 der deutschen Spielestudios im Oktober 2016: Whow Games und Sandbox Interactive.

 

InnoGames: Schwarze Zahlen ab Jahr 1

In Deutschland gehört InnoGames zur zweiten Generation der Free2play-Anbieter, die ab 2008 mit Browsergames wie Die Stämme, Grepolis oder The West rasant gewachsen sind. All diese Spiele sind weiterhin in Betrieb. Die Stämme wurde ursprünglich von den drei Firmengründern selbst entwickelt und betrieben – also eine Start-Up-Story, wie sie im Lehrbuch steht. In den vergangenen Jahren sind unter anderem das preisgekrönte Fantasy-Aufbauspiel Elvenar und das Strategiespiel Tribal Wars 2 hinzugekommen.

InnoGames schrieb von Anfang an tiefschwarze Zahlen. Bereits 2009 lag der Umsatz bei 10 Millionen Euro, der Jahresüberschuss bei 2,5 Millionen Euro. Umsatzrentabilität: rund 25 Prozent – Werte, von denen andere Branchen allenfalls träumen.

Auch die Zahl der Mitarbeiter stieg kontinuierlich: von 50 (2009) auf 100 (2010) bis 400 (2016). Im Schnitt kamen also pro Jahr 50 neue Jobs hinzu. Damit legte InnoGames ein deutlich behutsameres Wachstum an den Tag als Konkurrent Goodgame, der zwischenzeitlich 10.000 Bewerbungen pro Monat bearbeitete.

Erst 2010 ist mit Fidelity Growth Partners Europe ein britischer Venture-Capital-Fonds mit einer Minderheitsbeteiligung eingestiegen. Der Fonds benannte sich 2015 in Eight Roads Ventures um.

InnoGames-Bewertung: über eine Viertelmilliarde Euro

Wie viel ist InnoGames nun wert? Exakt 260 Millionen Euro. Denn dies ist der Tarif, mit dem MTG die Hamburger Firma bewertet. InnoGames plant für 2016 mit einem Umsatz von rund 125 Millionen Euro, das EBITDA liegt bei 25 Millionen Euro. MTG zahlt demnach grob das Doppelte des Umsatzes und das Zehnfache des Gewinns vor Steuern und Abschreibungen – fast schon ein Schnäppchen angesichts der Profitabilität des Unternehmens, möchte man meinen.

Aus Sicht von MTG ist InnoGames mehr als drei Mal so viel wert wie Bigpoint oder Goodgame Studios. Dieser ungleich größere Mitbewerber meldete zwar 2014 doppelt so viel Umsatz wie InnoGames, wird aber von Anteilseigner Rocket Internet derzeit mit nur noch 93 Millionen Euro bewertet.

Für den 35-Prozent-Anteil kassieren die drei Firmengründer und Frühphasen-Investor Eight Roads Ventures insgesamt 91 Millionen Euro. Der Deal läuft in zwei Phasen ab: Zunächst verkauft die Venture-Capital-Firma Eight Roads bis Jahresende ihren 21-Prozent-Anteil – Wert: 55 Millionen Euro. Im zweiten Schritt, also Anfang kommenden Jahres, geben die drei Gründer insgesamt 14 Prozent ab und erhalten dafür etwas mehr als 36 Millionen Euro.

Noch einmal 41 Millionen Euro werden fällig, wenn MTG weitere 16 Prozent und damit die Mehrheit übernimmt – ein Preis, der bereits jetzt festgelegt ist. Sofern die Kartellbehörden grünes Licht geben, ist die InnoGames-Komplettübernahme durch die Schweden nicht mehr zu verhindern, zumal MTG weitere Anteile auf Basis der aktuellen Bewertung hinzukaufen darf. Neben Bigpoint und Gameforge stellt der Deal einen der größten (Teil-)Exits der deutschen Games-Historie dar.

Innogames-Hit Forge of Empires (hier die Browsergames-Variante).
InnoGames-Hit Forge of Empires (hier die Browsergames-Variante).

MTG: Der unbekannte Schwede

MTG ist hierzulande eher unbekannt, zählt in Schweden aber zu den Schwergewichten an der Börse. In Skandinavien, im Baltikum, in Russland und weiteren osteuropäischen Ländern betreibt MTG eine ganze Reihe von Free- und Pay-TV-Sendern sowie Radio-Stationen. Umsatz: rund 1,6 Milliarden Euro.

Im vergangenen Jahr kaufte sich MTG in den eSport ein: zunächst die Mehrheit an der Kölner Turtle Entertainment GmbH, dann 100 Prozent an der eSport-Veranstaltung Dreamhack. Turtle Entertainment betreibt die Electronic Sports League (ESL), ist also einer der wesentlichen Player bei der Organisation und Durchführung von Online- und Live-Turnieren. Im vergangenen Jahr hat MTG zudem das skandinavische Multichannel-Netzwerk Splay Networks und den Online-TV-Sender Zoomin.TV erworben.

Was will Modern Times Group mit InnoGames?

MTG-Präsentation: Lob für die "Intelligente Ingame-Monetarisierung" von Innogames
MTG-Präsentation: Lob für die “Intelligente Ingame-Monetarisierung” von InnoGames

TV, Radio, Youtuber: Die vorgesehene InnoGames-Übernahme mutet insofern etwas sonderbar an, da sich auf den ersten Blick wenig Synergien mit dem bestehenden MTG-Geschäft ergeben. Mit der Entwicklung von Computer- und Videospielen hat MTG faktisch keinerlei operative Erfahrung.

Die offizielle Pressemitteilung unter der Überschrift „MTG betritt den Multimilliarden-Online-Gaming-Markt“ zitiert die bekannt kühnen Wachstumsprognosen für den weltweiten Umsatz mit Computer- und Videospielen.

Etwas präziser geht die Strategie aus einer MTG-Präsentation hervor. Der Plan lautet: mehr Spieler, mehr zahlende Spieler, höhere Ausgaben pro Spieler. Explizit wird die „intelligente In-Game-Monetarisierung“ von InnoGames gelobt, wo Spieler – O-Ton- „absichtlich an Bezahl-Grenzen“ geleitet werden.

MTG investierte zuletzt massiv in Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen, die sich weltweit skalieren lassen. Dadurch sollen Marken und Communities aufgebaut werden, wodurch sich wiederum Netzwerk-Effekte ergeben. Konkret will MTG an der kompletten Wertschöpfungskette verdienen – egal ob man ein InnoGames-Spiel herunterlädt, ein Letsplay-Video anschaut oder bei einem eSports-Turnier mitfiebert.

Zwar eignen sich InnoGames-Spiele bislang weder für eSports noch für Letsplays, doch mit den kommenden Titeln kann und wird sich dies zwangsläufig ändern. Es spricht viel dafür, dass rund um die eine oder andere InnoGames-Neuheit eigene ESL-Ligen und -Turniere entstehen, analog zu Spielen wie League of Legends.

Vorteil InnoGames: Mehr Standbeine, weniger Abhängigkeit

Dem InnoGames-Konkurrenten Goodgame Studios wurde zum Verhängnis, dass der Unternehmenserfolg weitestgehend auf einem einzigen Mega-Erfolg – nämlich Goodgame Empire – beruht. Alle danach gestarteten Spiele sind gefloppt, wurden eingestellt oder sind erst gar nicht erschienen. Im Musikbereich würde man von einem klassischen One-Hit-Wonder sprechen. Das Unternehmen hat Belegschaft, Portfolio und Management umgebaut und befindet sich derzeit auf der Suche nach dem dringend benötigten Nachfolge-Hit.

Im Vergleich zu Goodgame Studios ist das InnoGames-Sortiment deutlich ausgewogener. Das Flaggschiff ist das 2012 gestartete Forge of Empires, ein Aufbau-Strategiespiel, das unter anderem mit Blue Bytes Die Siedler Online oder Goodgame Empire konkurriert. Der Spieler führt eine Zivilisation durch die Jahrhunderte, von der Steinzeit übers Mittelalter bis in die Zukunft. Nach und nach werden neue Technologien und Gebäude freigeschaltet.

Die geographische Umsatz-Verteilung bei InnoGames ist im Übrigen ähnlich strukturiert wie bei Goodgame Studios. Fast zwei Drittel aller Einnahmen kommen aus den USA, Deutschland, Frankreich und England. Der Rest Europas macht ein weiteres Drittel aus – alle anderen Territorien, insbesondere Asien und Südamerika, liegen bei gerade einmal zehn Prozent. Hier ist also noch viel Luft nach oben.

Die Zukunft von InnoGames

Für InnoGames sprechen das kontinuierliche Wachstum und das breite Portfolio an stabil laufenden Titeln. Natürlich hat auch InnoGames in den vergangenen Jahren manchen Flop hinnehmen und Hoffnungsträger beerdigen müssen. Doch die Abhängigkeit von einzelnen Hits ist deutlich geringer als bei Mitbewerbern.

Die Browsergames sorgen dabei für das Brot- und Butter-Geschäft, der Mobile-Bereich liefert die Fantasie. Für alle Neuheiten gilt deshalb “Mobile First”. Der Smartphone- und Tablet-Anteil am InnoGames-Umsatz liegt bei 25 Prozent, wird 2016 also eine Größenordnung von rund 31 Millionen Euro erreichen. Jeder zweite InnoGames-Kunde, der sich neu anmeldet, tut dies über eines der vielzitierten “mobilen Endgeräte” – was im Umkehrschluss heißt, dass das Browsergames-Geschäft weiterhin von exorbitanter Wichtigkeit für den Umsatz der Hamburger ist.

In den Investoren-Unterlagen gibt MTG einen Ausblick auf drei InnoGames-Spiele, die in den kommenden Monaten auf den Markt kommen:

  • ein Online-Strategiespiel
  • ein Action-Rollenspiel
  • ein Survial-Rollenspiel

Eines dieser Spiele stammt von der Düsseldorfer InnoGames-Niederlassung, in die vor wenigen Monaten das Funatics-Team (Cultures, Valhalla Hills) eingemeindet wurde.

Die drei Innogames-Hoffnungsträger für 2016 im Überblick.
Die drei InnoGames-Hoffnungsträger für 2016 im Überblick.

Die Messlatte liegt in all diesen Fällen extrem hoch. Bei öffentlichen Auftritten wurde immer wieder betont, dass InnoGames nur Spiele in Angriff nehme, die “lifetime” – also über die komplette Betriebszeit hinweg – ein Umsatzpotenzial jenseits von 100 Millionen Euro versprechen.

Zahlen, die auch das MTG-Management in Verzückung versetzt haben dürften. Bis September 2017 haben die Schweden nun Zeit, um die Mehrheit an InnoGames unter Dach und Fach bringen. Bis dahin wird sich auch die künftige Rolle der drei Firmengründer klären: Immer noch Vollzeit im operativen Tagesgeschäft, als CEOs und COOs? Nur noch beratend?

Die Frage lautet also: Teil-Exit oder Komplett-Exit? Köln oder Karibik? Wenn es nach CEO Hendrik Klindworth geht, dann werden er und seine beiden Mitstreiter auch zur Gamescom 2017 (ab dem 22. August) am Strand von Köln an Cocktails nippen. Gegenüber Gründerszene kündigt er an: “Wir werden noch viele weitere Jahre im Unternehmen sein, weit über 2020 hinaus. Auch als Gesellschafter. Dazu macht uns die Arbeit einfach zu viel Spaß, als dass wir uns das nehmen ließen.”

Was man als erfolgreicher Firmengründer bei solchen Gelegenheiten eben so sagt.

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