Köln, Konsolen, Kanzlerin: Merkels Zusage zur Gamescom 2017 elektrisiert die Branche – der Kommentar von GamesWirtschaft-Chefredakeurin Petra Fröhlich.

[no_toc]Dienstag, 22. August 2017, gegen 10 Uhr. Köln, Messegelände. Zum Eingang Nord rollt ein schwarzer Audi A8 L mit Blaulicht, begleitet von weiteren Limousinen und Polizei-Eskorte. Personenschützer springen aus den Autos, verteilen sich entlang des blauen Teppichs.

In Begleitung ihres Pressesprechers Steffen Seibert und CDU-Generalsekretär Peter Tauber schreitet Kanzlerin Angela Merkel zum Begrüßungskomitee, bestehend aus BIU-Geschäftsführer Felix Falk, den Messe-Chefs Gerald Böse und Katharina C. Hamma, Gamescom-Direktor Tim Endres und Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, gleichzeitig Aufsichtsrats-Chefin der KoelnMesse.

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet wird dabei sein, ebenso FDP-Chef Christian Lindner, CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär (gleichzeitig Jury-Vorsitzende beim Deutschen Computerspielpreis) und Bundestagskandidaten wie Thomas Jarzombek.

Die Deutschland-Geschäftsführer von Electronic Arts, Sony Interactive, Activision Blizzard, Bethesda und Nintendo haben sich zum Spalier aufgereiht. Die Fotografen hinter der Absperrung brüllen, die Cosplayer, Youtuber und Star-Wars-Stormtrooper mögen doch bitteschön etwas näher an die Kanzlerin rücken.

Bei einem kurzen Statement wird Merkel von Digitalisierung reden, von Kulturgut, von Virtual Reality, von Breitbandausbau, von Innovation, von Gamification, von Industrie 4.0, vom Computerspielpreis, von Tetris und Solitär und Lara Croft, von der Mitte der Gesellschaft. Und falls ihre Redenschreiber gut gebrieft werden: vielleicht sogar von Förderung oder eSports.

Die anschließenden Fotomotive während des Rundgangs sind schon heute absehbar:

  • Merkel mit Super-Mario- und Rabbids-Walking-Acts
  • Merkel mit angelegter PlayStation-VR-Brille
  • Merkel mit Phil Spencer beim Xbox One X-Fachsimpeln
  • Merkel mit PietSmiet und/oder Gronkh und/oder LeFloid
  • Merkel mit Poldi oder einem anderen (Ex-)Nationalspieler beim „FIFA 18“ -Elfmeterschießen

Nur die obligatorische „Just Dance“-Einlage (zu der sich im vergangenen Jahr Dorothee Bär und Kölns Oberbürgermeisterin hinreißen ließen) wird sie sich mutmaßlich schenken – Hosenanzüge sind mit der Choreographie von „Naughty Girl“ wahnsinnig inkompatibel.

Nach gut zwei Stunden wird Merkel auf die Rückbank ihres Audi A8 klettern – der Autokorso verlässt das Messegelände spätestens gegen 12:30 Uhr, ehe 4.000 Wildcard-Ticket-Besitzer das Gelände entern.

So in etwa wird sie ablaufen, die diesjährige Gamescom-Eröffnung durch die Bundeskanzlerin.

Merkel @ Gamescom 2017: Kernkompetenz Messe-Eröffnungen

Nun gehört das Eröffnen von Messen, Autobahnbrücken und Veranstaltungen zu den Kernkompetenzen von Politikern, auch die Kanzlerin eröffnet viel und gern: die CeBIT, die Hannovermesse, die Elbphilharmonie, Kirchentage oder Unesco-Welterbe-Buchenwälder in MeckPomm.

Dass ein Mitglied der Bundesregierung eine Computerspielemesse eröffnet, kommt nur alle Jubel- oder Schaltjahre vor, genauer: kurz vor Bundestagswahlen. Vor vier Jahren war es Vizekanzler, FDP-Chef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler, der bei „Need for Speed“ zum Gamepad griff. Genutzt hat es nix, die Liberalen flogen aus dem Bundestag.

Dass Merkel die Gamescom eröffnet, hat natürlich vorrangig mit Wahlkampf zu tun – aber auch mit der Stellung der Gamescom als einer der größten und ausverkauftesten Messen des Landes. Und sicher auch damit, dass in diesem Jahr das unverdächtige Kanada zum Gamescom-Partnerland geadelt wurde – und nicht wie im Vorjahr die unberechenbare Türkei.

Kein Politiker, der seine fünf Sinne beisammen hat, lässt sich in dieser entscheidenden Wahlkampf-Phase die Gelegenheit für schöne Bilder entgehen – schließlich wird am 24. September, also nur wenige Tage später, gewählt und gerade Jungwähler registrieren solche Gesten sehr aufmerksam.

Gamescom 2017: Was die NRW-Wahlen mit der Zusage von Angela Merkel zu tun haben

Merkel @ Gamescom – das ist nicht weniger als ein Coup der Veranstalter. Die Top-Personalie dürfte auch davon profitiert haben, dass es vor kurzem einen Regierungswechsel in Düsseldorf gab. Wäre SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im Amt geblieben, hätte sie als Landesmutter sicher die Gamescom genutzt, um in einer Art Erweckungserlebnis ihr Faible für Games zu entdecken und mit Kanzlerkandidat Martin Schulz über die Messe zu mäandern. Merkel hätte sich für den 22. August also was Anderes vornehmen können.

Im vergangenen Jahr ließ sich Kraft noch entschuldigen – offiziell wegen „Terminproblemen“. Stattdessen ließ sie sich von ihrem Wirtschaftsminister Garrelt Duin vertreten. Und jetzt raten Sie doch mal spaßeshalber, wann Hannelore Kraft zum letzten Mal Zeit hatte für die Gamescom? Richtig, 2012, als in NRW ein neuer Landtag gewählt wurde.

Bilder und Botschaften: Merkels Gamescom-Auftritt in der heißen Wahlkampfphase

Nun ist Merkel nicht dafür bekannt, heimlich in ihrer Freizeit „Witcher 3“-Charaktere hochzuleveln oder mit dem „Landwirtschafts-Simulator“ die Rüben unterzupflügen. Das ist aber auch völlig nebensächlich. Wichtig sind die Botschaften und die erwartete Airtime in Tagesschau und Heute Journal. Dafür liefert die Gamescom eine perfekte Kulisse.

Wenn #Neuland-Zyniker nun von einem stumpfen und durchsichtigen Wahlkampfauftritt sprechen, dann ist das sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Gleichzeitig ist die Entscheidung von Merkels Umfeld pro Gamescom aber auch eines: schlicht klug und professionell.

Die Branche hat jahrelang darauf hingearbeitet, dass die Gamescom in einem Atemzug genannt wird mit Hannover-Messe, IAA oder Buchmesse. Spätestens mit dem geplanten Auftritt der einflussreichsten Politikerin im Land wurde dieses Achievement freigeschaltet.

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