Start Meinung Squid Game: Dabei sein ist … nichts (Fröhlich am Freitag)

Squid Game: Dabei sein ist … nichts (Fröhlich am Freitag)

Netflix-Hit Squid Game (Abbildung: Netflix / Noh Juhan)
Netflix-Hit Squid Game (Abbildung: Netflix / Noh Juhan)

Der Netflix-Straßenfeger Squid Game zeigt wie unter einem Brennglas, warum Battle-Royale-Games so verflixt gut funktionieren.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

auch als Nicht-Netflix-Abonnent werden Sie momentan große Mühe haben, dem Squid GameWahnsinn zu entkommen. In dieser Woche brachten Pädagogen und Politiker ihre große Überraschung und noch größere Sorge zum Ausdruck, weil die Inhalte der eigentlich ab 16 Jahren freigegebenen Streaming-Serie auf Deutschlands Schulhöfen und sogar in Kindergärten nachgespielt werden.

Wer jemals eine Lehranstalt von innen gesehen hat, wird wissen, dass „Ab 16“ gleichbedeutend ist mit: Mindestens Grundschüler sind vollumfänglich im Stoff.

Falls Sie zu den 7,4 Milliarden Menschen gehören, die Squid Game noch nicht gesehen haben: 456 überschuldete oder anderweitig verzweifelte Freiwillige werden für einen ziemlich perversen Wettbewerb akquiriert und kaserniert. In jeder Runde überleben nur die Cleversten oder jene mit dem glücklichsten Händchen. Das Versprechen: Wer am Schluss übrig bleibt, kassiert den immer größer werdenden Jackpot.

Das Perfide: Niemand ahnt, was auf ihn/sie zukommt. Die Runden bestehen aus Kinderspiel-Klassikern wie Murmeln, Tauziehen oder Rotes Licht – Grünes Licht, das in unserer Region „Fischer, Fischer, wie leuchten die Farben“ heißt. Das Fachblatt BRAVO hat diese Woche die ehrenvolle Aufgabe übernommen, die Spielregeln zu erklären.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Squid Game ist erst seit wenigen Wochen bei Netflix im Sortiment, aber schon jetzt Popkultur, wie schon zuvor Haus des Geldes, Game of Thrones oder Stranger Things. Wer auf Social Media unterwegs ist, wird mit immer neuen Zuckerspiel-Memes versorgt. Prognose: An Halloween und in der Karnevals-Zeit werden die ikonischen rosafarbenen Uniformen der Wachposten dauerpräsent sein. Die schwarzen Gittermasken samt der aufgedruckten, weißen Dreiecke, Quadrate oder Kreise sind noch dazu völlig coronakonform.

Die zugrunde liegende Idee der aus Südkorea stammenden Serie ist natürlich nicht völlig neu. Die morbide Faszination ergibt sich aus dem maximalmöglichen Delta aus simplen Kinderspielen und tödlicher Konsequenz – und daraus folgend, dass man sich als Zuschauer ständig fragt: Wie hätte ich in dieser Disziplin abgeschnitten? Welche Strategie hätte ich verfolgt? Zumindest ging es mir so.

Doch das ‚Mitfiebern‘ ist nur ein Aspekt. „Viele Kandidaten starten – einer kommt durch und gewinnt alles“: Dieses The-Winner-Takes-It-All-Prinzip ist seit jeher Grundlage massentauglichen Entertainments – egal ob Gladiatorenkämpfe in antiken Arenen, Deutschland sucht den Superstar oder Super Bowl.

Selbst beim Monopoly oder beim Poker gibt es immer nur einen Sieger. Der für maximale (An)Spannung sorgende Twist besteht darin, dass der Preisgeld-Topf immer größer wird: Chancen und Risiken eskalieren, weil die Einsätze (hier: Small / Big Blinds, Schlossallee-Mieten) ansteigen und es zwangsläufig zu einer schnellen Abfolge von Showdowns kommt. Erst eine Ko-Phase sorgt also für den nötigen Nervenkitzel, weil selbst Favoriten unerwartet straucheln können – schöne Grüße an die Säbener Straße.

Natürlich endet ein Champions-League-Finale selten tödlich; anders als bei Squid Game werden die Zeiger in der nächsten Saison wieder auf Null gestellt. Nur: Wenn man sieht, mit welcher Verve sich Zweitplatzierte ihre Silbermedaille wenige Sekunden nach Sieger“ehrung“ vom Hals reißen, dann lautet die unmissverständliche Botschaft: Platz 2 ist nichts wert – nicht in der Netflix-Serie, nicht im Stadion, nicht im Real-Life. Dabei sein ist oft nicht alles.

Anders als Politiker und Pädagogen kann niemand in der Games-Industrie vom Squid Game-Erfolg überrascht sein: Denn die Branche hat das zugrunde liegende Prinzip längst auf die Spitze getrieben. Der immense kommerzielle Erfolg von Battle-Royale-Formaten wie Fortnite, PUBG, Call of Duty Warzone, Valorant, APEX Legends oder Fall Guys und ungefähr jedem anderen E-Sport-Titel ist so gesehen kein Zufall. Zumal diese Titel erwiesenermaßen auch beim Twitch- und YouTube-Publikum irrsinnig gut funktionieren.

Wer gehofft hatte, dass sich der Squid Game-Hype schnell wieder legt, wird mutmaßlich enttäuscht: Bei Netflix denkt man nicht nur über eine Fortsetzung nach, sondern auch über ein „Spiel zur Serie“. Erst vor wenigen Wochen hat der US-Konzern angekündigt, die Investitionen im Videospiele-Business massiv auszubauen.

Denn wie heißt es so schön in der Serie: „Zuschauen macht nie so viel Spaß, wie selber mitzumachen.“

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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1 Kommentar

  1. Ich fand das Format so unangenehm und schäbig anzuschauen und dazu wäre die Dialoge völliger Quatsch, die Schauspielleistung in den meisten Fällen komplett unglaubwürdig und das Charakterdesign ebenso. Die Motivation für die Teilnahme an dem Schlachtfest ist mir absolut schleierhaft geblieben.
    Hänge ich überdurchschnittlich stark an meinem Leben oder bin ich zu optimistisch eingestellt?
    Das Schauen hat mir keine Freude bereitet und ich hasse Battle-Royale – ich will mein Team zum Sieg führen und nicht einsam bei dem Versuch draufgehen.

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