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Xbox Series X: Warum Fans auf dem Trockenen sitzen (Fröhlich am Freitag, dem 13.)

Das Microsoft Top-Modell Xbox Series X ist seit sechs Wochen so gut wie nicht lieferbar (Abbildung: Microsoft)
Das Microsoft Top-Modell Xbox Series X ist seit sechs Wochen so gut wie nicht lieferbar (Abbildung: Microsoft)

Hätte, hätte, Lieferkette: Durch die Pandemie sind die Konsolen-Warenströme immer noch extrem anfällig – frag nach bei Xbox-Hersteller Microsoft.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

die Logistikbranche befindet sich seit Monaten in einem gefühlt nie enden wollenden Freitag, dem 13. Angefangen hat die Pechsträhne im März, als sich das Containerschiff Ever Given im Suezkanal verkeilt hat. Wenige Wochen später wurde der chinesische Seehafen Yantian wegen eines Corona-Falls dichtgemacht – 90 Prozent aller chinesischen Elektronik-Exporte finden dort statt. Und in dieser Woche kam noch Ningbo-Zhoushan hinzu, immerhin unter den Top 3 der Welt hinter Shanghai und Singapur.

Schon jetzt stauen sich zwei Dutzend Containerschiffe vor den Terminals und warten auf die Be- und Entladung. Falls Sie mal einen unverbindlichen Eindruck vom Irrsinn auf den Weltmeeren bekommen möchten: Auf dieser Website lässt sich in Echtzeit besichtigen, was sich vor den asiatischen Häfen abspielt – rauszoomen und staunen.

Wegen der engen Just-in-Time-Taktung der weltweiten Warenströme führen bereits geringfügige Verzögerungen zu dramatischen Kettenreaktionen. Verbände prognostizieren schon jetzt: Die Folgen werden Industrie und Verbraucher bis weit in den Herbst inklusive Bescherung zu spüren bekommen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Denn der schon jetzt eingetretene Rückstau trifft nicht nur den Maschinenbau oder die Automobilbauer, sondern auch den Handel: Wer Falt-Pavillons, Akku-Rasenmäher oder Stand-Up-Paddling-Boards bei Aldi und Lidl kaufen wollte, stand in diesem Jahr schon mehrfach vor leeren Regalen – und zwar deshalb, weil die Container mit wochenlanger Verspätung irgendwo zwischen Rotem Meer, Mittelmeer und Arabischem Meer herumgurkten.

Anders ist auch nicht zu erklären, warum Microsofts 500-Euro-Konsole Xbox Series X seit nunmehr fast sechs Wochen nur noch in homöopathischen Mengen nach Europa gelangt, wenn überhaupt. Gab es im Juni kurzzeitig vergleichsweise viel Ware, ist der Nachschub Anfang Juli stumpf abgebrochen. Auch dass es im gesamten April gerade einmal zwei (!) Gelegenheiten zum Xbox Series X-Kauf gab (einmal Otto, einmal MediaMarkt), führen meine Handels-Kontakte „mit großer Wahrscheinlichkeit“ auf das Ever-Given-Chaos zurück.

Welcher Händler wann die Xbox Series X verkauft hat (Stand: 9. August 2021)
Welcher Händler wann die Xbox Series X verkauft hat (Stand: 9. August 2021)

Und wann ist die Xbox Series X wieder zu haben? Hier lässt sich im Handel eine gewisse Ratlosigkeit feststellen – Lieferungen seien kurzfristig jedenfalls nicht in Sicht. Dabei lautete die Prognose Ende Juli noch „August!“. Aber weil der Monat schon wieder zur Hälfte rum ist, muss man hier zumindest ein vorsichtiges Fragezeichen setzen.

Ohne Hardware wird es zwangsläufig schwierig, Abos für den Xbox Game Pass oder 80-Euro-Games an den Mann oder die Frau zu bringen. Ein Halo Infinite oder der Kauf eines Zusatz-Controllers wird möglicherweise ’nachgeholt‘. Aber jeder Tag, an dem keine In-Game-Provisionen fließen, ist verlorener, unwiederbringlicher Umsatz.

Die Zeit drängt auch aus anderem Grund: Schon in wenigen Wochen wird das Weihnachtsgeschäft eingeläutet, ab Oktober geht es dann Schlag auf Schlag – FIFA, Far Cry, Call of Duty, Battlefield. Für November ist mit dem Rennspiel Forza Horizon 5 der erste richtig große Microsoft-Exklusiv-Titel seit Markteinführung der Xbox Series X/S in November 2020 eingeplant. Dieser und andere Blockbuster wie Halo Infinite sind eigentlich prädestiniert für Bundles, also Pakete aus Konsole plus Spiel.

Eigentlich.

Nicht hilfreich ist es zudem mit Blick auf die Marktanteile, dass bei Mitbewerber Sony Interactive die Ketten noch halbwegs intakt sind: Der Juli war einer der bislang stärksten PlayStation 5-Monate – und auch der August hat gut angefangen. Für die kommenden Tage sind weitere Kontingente im deutschsprachigen Raum zu erwarten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der japanische Konzern noch Einiges abzuarbeiten hat: Zwischen April und Juni wurden weltweit ’nur‘ 2,3 Millionen Stück ausgeliefert – bis März 2022 fehlen zum Erreichen der Planzahlen noch über 12 Millionen Geräte.

Die Games-Industrie – vom Indie-Entwickler bis zum Publisher – hat ein vitales Interesse daran, dass die „installed base“ bei Microsoft und Sony schnell eine vernünftige Reiseflughöhe erreicht. Wie die umsatztechnisch wichtigste Zeit des Jahres abläuft, wird sich also daran festmachen lassen, wie gut es beiden Herstellern gelingt, hinreichend Lieferungen aus Fernost zu organisieren.

Denn im Konsolen-Geschäft gilt zwar weiterhin die Faustregel: Software verkauft Hardware. Doch umgekehrt stimmt’s eben genauso.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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