Start Meinung Fortnite-Handelskrieg: Die 30-Prozent-Frage (Fröhlich am Freitag)

Fortnite-Handelskrieg: Die 30-Prozent-Frage (Fröhlich am Freitag)

Fortnite-Provokation: Wer Apple überspringt, bekommt einen
Fortnite-Provokation: Wer Apple überspringt, bekommt einen "Mega"-Rabatt (Abbildung: Epic Games)

Im Appstore-Konflikt um „Fortnite“ streiten sich die Gelehrten, wer nun eigentlich ‚die Guten‘ sind: Epic Games? Apple? Google? Spoiler: Es ist kompliziert.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

pi mal Daumen irgendwo zwischen 30 und 40 Prozent liegt die Spanne, die ein Buchhändler bekommt, wenn Sie ihm einen Roman abkaufen. Kostet das Buch also 20 Euro, gehen nach Abzug der Mehrwertsteuer zwischen 5,50 und 7,50 Euro an den Händler, der davon Miete, Personal, Werbung, Strom, Heizung und den Verlag beziehungsweise Großhändler bezahlt. Bei Kunden wie Amazon ist alles ein bisschen größer: das Hochregallager, die Mengen, die Marge. Der Autor bildet üblicherweise das letzte Glied in der Kette, wenn er nicht gerade J. K. Rowling oder Dan Brown heißt.

Im Videospiele-Gewerbe übernehmen Apple, Google, Nintendo, Sony, Valve (Steam) und Microsoft die Rolle des Buchhändlers. Als Industriestandard gilt, dass der Plattformbetreiber pauschal 30 Prozent Provision einbehält.

Der Haken: Die allerwenigsten Apps werden noch per Einmalkauf erworben. Stattdessen sind 99 Prozent aller Smartphone-Spiele zunächst ‚free-to-play‘, also kostenlos – der Profit liegt im Verkauf virtueller Spielwährung: Münzen, Diamanten, Rubine, GTA-Dollar, Fortnite-V-Bucks, was auch immer. Das heißt: Der Digitalhändler verdient bei jedem einzelnen Cent mit, quasi auf Autopilot.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Allein in Deutschland wurden mit In-App-Käufen im vergangenen Jahr mehr als 1,8 Milliarden Euro umgesetzt – davon geht fast ein Drittel an Apple und Google. Beide bilden ein lupenreines Duopol: Googles Android kommt auf 85 Prozent, Apples iOS auf roundabout 15 Prozent. Der Rest: homöopathisch.

Wenn ein Markt derart zementiert ist, verschieben sich die Machtzentren – meist zu Ungunsten von Zulieferern und Verbrauchern. Deshalb gibt es überhaupt eine EU-Wettbewerbskommissarin, ein Bundeskartellamt und die Federal Trade Commission.

Nicht erst seit gestern wehrt sich nun „Fortnite“-Entwickler Epic Games gegen das ungeschriebene und aus ihrer Sicht nicht mehr zeitgemäße 30-Prozent-Gesetz. Jetzt aber werden die Bandagen härter: Epic Games implementiert unabgesprochen eine eigene Direkt-Bezahlmethode in Fortnite, umgeht damit Apple und Google, verstößt mit Karacho gegen die Appstore-Regeln und fliegt mit Ansage aus dem Sortiment. Gleichzeitig reicht Epic Games eine Klage gegen Apple ein und instrumentalisiert Hunderte Millionen überwiegend junger „Fortnite“-Spieler, sich via #Freefortnite dem „Kampf anzuschließen“.

„Wir“ gegen „die“: Wie die Social-Media-Sympathien in diesem Fall verteilt sind, liegt nahe.

Natürlich ist auch vielen Publishern und Entwicklern die zuweilen willkürlich anmutende Türsteher-Geschäftspolitik der Plattformbetreiber ein Dorn im Auge. Selbst Anbieter von der Größe eines Sony oder Microsoft beißen sich die Zähne aus, wenn sie Produkte und Services anbieten wollen, die Googles und Apples Eigeninteressen zuwider laufen. Jüngstes Beispiel: der Xbox Game Pass, der nicht auf iPhones erscheinen wird, weil Apple den Zugriff auf Cloud-Gaming- und Spieleabodienste verweigert.

Free2Play-Apps generieren fast so viel Umsatz wie der komplette deutsche Musik- und Kino-Markt (Stand: 22. Juli 2020)
Free2Play-Apps generieren fast so viel Umsatz wie der komplette deutsche Musik- und Kino-Markt (Stand: 22. Juli 2020)

Wer sich nun vornimmt, Monopole oder monopol-artige Strukturen aufzubrechen, braucht neben einem langen Atem auch tiefe Taschen – beides ist bei Epic Games unzweifelhaft vorhanden. Nach der jüngsten Finanzierungsrunde wird das Studio mit knapp 17 Milliarden Dollar bewertet. Im Zweifel stünde der chinesische Großaktionär Tencent bereit, der annähernd die Hälfte der Epic-Anteile hält und als einer der wertvollsten Konzerne der Welt gilt – nach Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet, also Google.

Auf einer Meta-Ebene findet der „Fortnite“-Handelskrieg also nicht nur zwischen zwei Tech-Giganten, sondern auch zwischen China und den USA statt.

Was Epic Games als ‚fairen‘ Anteil betrachtet, lässt sich übrigens am hauseigenen Epic Games Store besichtigen – dort sind es 12 Prozent. Weshalb sich Publisher wie Ubisoft ermutigt fühlten, ihre Ware bei Marktführer Steam abzuziehen und stattdessen bei Epic Games feilzubieten – um dort die gleichen Tarife aufzurufen wie zuvor bei Steam. Auch die temporäre Mehrwertsteuersenkung wird sicherheitshalber einbehalten.

Inwieweit Appstore-Kunden letzten Endes vom epischen Kampf für Gerechtigkeit (und Marge) profitieren, bleibt also abzuwarten. In der Zwischenzeit freut sich die Epic Games International Sàrl im landschaftlich reizvollen Luxemburg weiterhin über #Freefortnite-Wahlkampfspenden in Form von V-Bucks.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Immer freitags, immer kostenlos: Jetzt GamesWirtschaft-Newsletter abonnieren!

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here