Netflix und andere Streaming-Dienste müssen in der EU künftig eine Europa-Quote für Filme, Serien und Shows einhalten – ein Modell für die Games-Branche?

Fröhlich am Freitag 41/2018: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

das europäische Parlament verdonnert Netflix, Amazon Prime Video, Sky und andere Video-on-Demand-Anbieter dazu, dass künftig mindestens 30 Prozent ihrer Inhalte aus Europa kommen müssen. Dazu gehört auch eine bessere Sichtbarkeit dieser Produktionen in den Bibliotheken und in den Such-Ergebnissen, wie auch immer man das messen, kontrollieren und nötigenfalls sanktionieren will.

Für die Streaming-Marktführer und ihre Kunden wird sich nicht allzu viel ändern, denn die Quote wird laut Studien schon jetzt erreicht.

Die Entscheidung erinnert an die berüchtigte Radioquote, die seit Jahrzehnten immer wieder durch Wahlprogramme, Bundestags-Anhörungen und Offene Briefe mäandert. Jan Delay, Herbert Grönemeyer, Xavier Naidoo, Udo Lindenberg, Rosenstolz, Smudo – sie alle haben in ihrem Leben schon Petitionen unterschrieben, die eine feste Quote für deutschsprachige Popmusik vorsieht.

Daraus geworden ist nie etwas – auch deshalb, weil die Privatsender-Lobby regelmäßig ihre Programmfreiheit bedroht sah und behelfsweise mit Verfassungsklage drohte.

Aus heutiger Sicht muten die Forderungen ohnehin etwas irre an, denn das „Problem“ hat sich von selbst gelöst. Wer sich die Download-Charts anschaut, weiß: Deutsche Musik war noch nie so gefragt wie aktuell – von Helene Fischer und Andreas Gaballier über Santiano und Marteria bis Adel Tawil, Cro und Kraftklub. Selbst in Würde gealterte Interpreten wie Peter Maffay, die Toten Hosen, Rammstein, Udo Lindenberg oder die Fantastischen Vier musizieren in ausverkauften Häusern.

Auch im Kino und natürlich im Fernsehen bleiben deutsche Produktionen gefragt, wie derzeit „Babylon Berlin“ belegt. „Fack Ju Göhte 3“ liegt in der 2017-Gesamtabrechnung vor „Star Wars: Die letzten Jedi“.

Und die Games-Branche? Eine Europa-Quote wie im Fall der Streaming-Dienste braucht das Gewerbe sicher nicht – denn unsere Nachbarn können sich über die Nachfrage nach „Horizon: Zero Dawn“ (Holland), „Cyberpunk 2077“ (Polen), „Detroit: Become Human“ (Frankreich), „Clash Royale“ (Finnland) oder „Battlefield 5“ (Schweden) nicht beschweren.

Was hingegen stetig sinkt, sind die Marktanteile deutscher PC- und Konsolen-Spiele. Größere Produktionen wie „ELEX 2“, „The Surge 2“, „ANNO 1800“ oder das kommende „Die Siedler“ könnten die Lage stabilisieren, sind aber seltene Ausnahmen, vorfinanziert von internationalen Konzernen.

Wahr ist auch: Während sich ein Helene-Fischer-Album oder eine Til-Schweiger-Klamotte fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum verkaufen lässt, ist für die meisten deutschen Spiele-Studios der hiesige Absatzmarkt zu klein – und daher nur einer von vielen.

Trotzdem: Wenn es erklärtes Ziel des Games-Branchenverbands ist, den Heimatmarktanteil zu steigern, dann wird es nicht genügen, via Förderung einfach nur mehr und womöglich schönere Spiele mit Steuergeldern subventionieren zu lassen. Das Problem ist und bleibt die Sichtbarkeit: In einem Meer von Steam- und Appstore-Releases ist es eben irrsinnig schwer, manchmal aussichtslos, überhaupt wahrgenommen zu werden und sein Publikum zu erreichen – und sei es in der Nische.

Dass die Games-Branche eine Deutschland-Quote nach dem Vorbild der Netflix-Europa-Quote fordert, ist jedenfalls ziemlich unwahrscheinlich. Denn zum Gesamtpaket des EU-Beschlusses gehört die dringende Aufforderung zur Investition in europäische Produktionen – wer das nicht will, muss in nationale Fonds einzahlen. Und wenn die Videospiel-Majors eines scheuen, dann ein solches Pendant zur Filmförderabgabe, wie es sie in der deutschen Kino- und TV-Branche seit Jahrzehnten gibt.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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