70 bis 80 Euro für einen Stapel vorgestanzter Wellpappe? Unter die überwiegend begeisterten Reaktionen auf die Switch-Bastel-Neuheit „Nintendo Labo“ mischt sich Kritik am hohen Preispunkt – die Kolumne zur Meldung der Woche.

Fröhlich am Freitag: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Liebe GamesWirtschaft-Leser,

es ist ein inzwischen liebgewonnenes Ritual: Kaum hat Apple ein neues iPhone ausgeliefert, nehmen Blogger das Gerät auseinander und addieren die Preise der Bauteile auf. Daraus entstehen dann schöne Beiträge, die nachweisen, dass die Herstellung ja nur 200 oder 300 Dollar kostet, Apple aber dreisterweise Tarife von 800 oder 1.000 Dollar aufruft – und schon tobt der Furor durchs Netz.

Das ist umso absurder, weil sich ja noch nicht mal näherungsweise herleiten lässt, was Apple durch die Abnahme gigantischer Mengen de facto pro Bauteil bezahlt. Kühne These: Der Preis für die Kondensatoren, Akkus und Speicher-Chips liegt leicht unterhalb der Tarife, die der örtliche Conrad-Markt aufruft.

Entwicklung, Marketing, Vertrieb, Gehälter, Steuern sind in diesem Zusammenhang ohnehin vernachlässigbar. Weiß man ja.

Nach der Vorstellung des Trailers rund um die „Nintendo Labo“-Karton-Bastelsets hat es handgestoppte fünf Minuten gedauert, ehe die ersten Tweets ihre Fassungslosigkeit zum Ausdruck brachten, wie man denn für einen Stapel vorgestanzter Wellpappe 70 bis 80 Dollar verlangen könne, dessen Materialwert allenfalls bei einer Handvoll Dollar liegt.

Das ist in etwa so, als würde man den Wert eines Computerspiels oder eines Spielfilms daran festmachen, was dem Hersteller die Bespielung des BluRay-Rohlings kostet.

Die Begeisterung im Netz ob der Pfiffigkeit des Produkts ist jedenfalls unübersehbar. Unter den Jubel mischen sich nur vereinzelte Stimmen, die an der Robustheit oder am Wiederspielwert einmal zusammengefalteter Modelle zweifeln – Endstation Papiertonne.

Andere Kritiker erinnern an den übersichtlichen Erfolg früherer Spielzeug-Videospiel-Hybride – Stichwort Wonderbook. Das PlayStation-3-Zubehörteil setzte 2012 neben einer PlayStation 3 auch PlayStation-Move-Controller und die Kamera PlayStation Eye voraus – allein die Liste der erforderlichen Zutaten vermittelte alles, nur keinen „Auspacken & Losspielen“-Eindruck.

Genau das scheint aber bei „Nintendo Labo“ der Fall zu sein. Nintendo kultiviert damit weiterhin das Image einer Marke, die sich um innerfamiliäre Quality Time verdient macht – das reicht von der Wii über „Mario Kart“ bis hin zur Switch und demnächst eben „Nintendo Labo“, das von grundschulpflichtigen Kindern mutmaßlich nur mit elterlicher oder geschwisterlicher Unterstützung gebaut werden kann.

Die Games-Branche und ihre Kundschaft sollten dankbar und demütig sein, dass die Fantasie solcher Programmierer, Tüftler und Spieldesigner zu mehr in der Lage ist, als die Titel von alljährlichen Spieleserien um eine Ziffer weiterzudrehen.

Ein möglichst sturmfreies Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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