Besucherzahlen, Highlights, Sicherheit: Wie gut lief die Gamescom 2016 – und welche Lehren ergeben sich daraus für die Gamescom 2017?

Seit der allerersten Gamescom anno 2009 ist die Spielemesse in Köln-Deutz kontinuierlich gewachsen. Inzwischen ist die Kölner Spielemesse so groß, dass nur zwei, drei andere Standorte in Deutschland überhaupt in der Lage wären, eine Veranstaltung dieser Größenordnung zu stemmen. Die Gamescom gehört zu den zehn besucherstärksten Messen der Republik – noch deutlich vor der Frankfurter Buchmesse oder der Hannover Messe, immerhin die bedeutendste Industriemesse der Welt.

Gamescom 2017: Großbaustelle, Bundestagswahlkampf, neue Tagefolge

Inzwischen liegen alle relevanten Kennzahlen vor, um die Gamescom 2016 einordnen zu können. GamesWirtschaft zieht einen Strich unter die Gamescom-Woche und wirft einen Blick voraus auf die Gamescom 2017, die vom 22. bis 26. August 2017 stattfindet.

Auf hohem Niveau: Besucherzahlen und Fläche der Gamescom 2016 bleiben gegenüber 2015 konstant.
Auf hohem Niveau: Besucherzahlen und Fläche der Gamescom 2016 bleiben gegenüber 2015 konstant.

1) 345.000 Besucher: Messegelände am Limit

Egal welchen Maßstab man anlegt: Die Gamescom bleibt die weltweit größte Spielemesse. Die Besucherzahlen sind seit mehreren Jahren bei plusminus 350.000 Spielefans weitgehend stabil.

Mehr geht nicht, will man Aufenthaltsqualität und Sicherheit nicht opfern.

Soll die Messe wachsen, führt der Weg nur über die Hinzunahme weiterer Flächen. Ungenutzt ist derzeit unter anderem die Halle 11. Eine besondere Herausforderung: Ab der Gamescom 2017 wird die Halle 10 – derzeit unter anderem Heimat der Indie Arena Booth, des Cosplay Village, der Social Media Stage und des Gamescom Campus – im Rahmen des Konzepts KoelnMesse 3.0 umfassend saniert.

Bis Mitte 2017, also rechtzeitig zur Gamescom 2017, soll auch der erste Bauabschnitt eines neuen Parkhauses fertiggestellt werden. Anfang 2017 starten zudem die Arbeiten am neuen überdachten „Terminal“, der die Eingänge Ost und West miteinander verbindet.

Heißt: Die Gamescom 2017 findet auf einer Großbaustelle statt.

Full House: Auf dem Gamescom-Messestand von Sony PlayStation herrscht traditionell dichtes Gedränge (Foto: KoelnMesse).
Full House: Auf dem Gamescom-Messestand von Sony PlayStation herrscht traditionell dichtes Gedränge (Foto: KoelnMesse).

2) Die Gamescom ist international wie nie

Für Computer- und Videospiel-Hersteller jedweder Größenordnung ist die Gamescom ein Pflichttermin. Das belegen die Zuwächse bei den Ausstellerzahlen und bei den Nationalitäten: 877 Unternehmen aus 54 Ländern beteiligten sich 2016 – ein neuer Rekordwert.

Im Gegensatz zur E3, der zuletzt Electronic Arts und Activision Blizzard eine Absage erteilten, ist die Gamescom im Messe-Kalender mehr denn je fest gesetzt. Das gilt auch für Fach- und Privatbesucher, die aus rund 100 Ländern nach Köln kamen.

3) Gefühlte Sicherheit: Das Dilemma der Taschenkontrollen

Nach den vorangegangenen Anschlägen in Frankreich, Belgien und Deutschland hatte die KoelnMesse nur wenige Wochen Zeit, auf das erhöhte Sicherheitsbedürfnis zu reagieren. Die Ausrichter sahen sich hier einem Dilemma gegenüber: Einerseits wollte man die Unbeschwertheit des Events beibehalten, andererseits sollte die erhöhte Wachsamkeit auch sicht- und spürbar sein.

Das Ergebnis war ein Kompromiss: Taschenkontrollen ja – Taschenverbot nein. Im Gegensatz zu vielen Festivals und Volksfesten hat sich die KoelnMesse dagegen entschieden, Rucksäcke generell zu verbieten.

Natürlich bietet der mehr oder minder flüchtige Blick des Personals in die mitgebrachten Taschen allenfalls gefühlte, aber keine ultimative Sicherheit – die würden auch Röntgen-Scans, Metalldetektoren oder Leibesvisitationen nicht liefern. Ob das umstrittene „Anscheinwaffenverbot“ für Cosplayer auch zur Gamescom 2017 wieder zur Anwendung kommt, wird sicher erst kurz vor der nächsten Messe aufgrund der dann geltenden Lage-Einschätzung entschieden. Die Taschenkontrollen dürften beibehalten werden.

Die wichtigste Botschaft aber lautet: Alles lief gesittet und geordnet ab, die Gamescom bleibt eine zwar laute, aber friedliche Veranstaltung.

Mit oder ohne Tasche? Schon im Zugangsbereich wurde der Besucherstrom aufgeteilt.
Mit oder ohne Tasche? Schon im Zugangsbereich wurde der Besucherstrom aufgeteilt.

4) Der Gamescom Congress boomt

eSport, Virtual Reality, Jugendschutz, Fortbildung: Überwiegend hochkarätig besetzte Panels und Vorträge bescherten dem Gamescom Congress erneut großes Interesse. 730 Teilnehmer und damit 100 mehr als im Vorjahr strömten am Gamescom-Donnerstag in das Congress-Centrum. Einzelne Formate waren so gefragt, dass alle Sitzplätze belegt waren und manch einer im Stehen den Vorträgen lauschen musste.

Hingegen blieben andere Formate hinter den Erwartungen zurück. Explizit die Veranstalter des schwach besuchten Women in Tech Day werden das Konzept für 2017 überarbeiten müssen.

5) Rückgänge bei Fachbesuchern und Journalisten

Die Zahl der Fachbesucher und akkreditierten Journalisten ist gegenüber 2015 um jeweils gut zehn Prozent gesunken. Ein Indiz für geringeres Interesse an der Gamescom? Das wäre zu kurz gesprungen. Denn die Veranstalter haben in diesem Jahr genauer hingesehen und strenger ausgewählt, wer Zutritt zur Business-Area erhält. Unter anderem musste sich jeder einzelne Fachbesucher gesondert online registrieren und seine Legitimation via Gewerbeschein oder Einladung nachweisen. Das Prozedere dürfte im Einzelfall dazu geführt haben, so manchen Privatbesucher auszusieben, der es in den Vorjahren noch hinter die Absperrungen geschafft hat.

6) Die Gamescom ist keine Ankündigungsmesse (mehr)

Wer die Meldungen der Vorjahre studiert, stolpert zwangsläufig über die Fülle an „Welt- und Europa-Premieren“. Diese Zeiten sind vorbei. Unter anderem verzichteten Sony, Microsoft und Electronic Arts auf die einst üblichen Pressekonferenzen und konzentrierten sich stattdessen auf Anspiel-Veranstaltungen. Die „Community“ soll im Vordergrund stehen: Microsoft veranstaltete ein „Xbox Fan-Fest“, Electronic Arts lud ins „EA Village“, Blizzard baute im Gürzenich ein „Legion Café“ auf.

Abgesehen von den großen E3-Pressekonferenzen nehmen nur noch wenige Hersteller Rücksicht auf das Timing von Spielemessen – auch aus Sorge, die Meldung könnte im Schlagzeilengewitter untergehen. Neuigkeiten werden unterjährig oder im Rahmen eigener Hausmessen verkündet.

7) Aus für Gamescom-Sonntag: Konferenz-Veranstalter kalt erwischt

Ab der Gamescom 2017 wird die Messe um einen Tag nach vorne verlegt – startet also bereits am Dienstag und endet am Samstag. Dafür mag es gute Gründe geben. Einer besteht darin, dass der Gamescom-Sonntag traditionell wenig nachgefragt wird. Da der Fachbesucher- und Medientag auf den Dienstag rückt, müssen die Veranstalter der zweitägigen Entwicklerkonferenzen umdisponieren.

Natürlich sind die Respawn und die Game Developers Conference Europe (GDCE) nicht Teil des offiziellen Gamescom-Messezirkus. Nichtsdestoweniger ist mindestens die GDC Europe als Ableger der wichtigsten Games-Konferenz international so relevant und eng mit der Gamescom verwoben, dass man sich verwundert die Augen reiben musste, wie sehr die Veranstalter offenkundig mit vollendeten Tatsachen konkrontiert wurden.

Stand heute gibt es seitens der GDC nach wie vor keine Entscheidung, wie das Format im kommenden Jahr aussehen soll. Denn: Folgt die GDC dem Beispiel der Respawn, muss die Konferenz am Sonntag starten. Gerade Teilnehmer aus Übersee müssten somit schon am Samstag anreisen.

Ab der Gamescom 2017 startet die Messe am Dienstag und endet am Samstag.
Ab der Gamescom 2017 startet die Messe am Dienstag und endet am Samstag.

8) Noch größerer Run auf Gamescom-Samstag ab 2017

Die Gamescom-Ausrichter nehmen ab 2017 keine Rücksicht mehr auf das Timing der Sommerferien in Nordrhein-Westfalen. Denn dann findet die Gamescom grundsätzlich in der letzten August-Woche statt. Das schafft einerseits Planbarkeit für Aussteller und KoelnMesse – ist aber andererseits eine schlechte Nachricht für berufstätige oder schulpflichtige Besucher aus etlichen Bundesländern. Grund: Wenn die Gamescom startet, hat längst die Schule wieder begonnen.

In Kombination mit dem gestrichenen Gamescom-Sonntag bleibt Schülern und Familien aus Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und weiteren Regionen einzig der Gamescom-Samstag. Ausgerechnet jener Messetag, der traditionell als erster ausverkauft ist, meist schon im Mai. Gamescom-Fans aus diesen Bundesländern sind also gut beraten, sich die Tickets unmittelbar zum Vorverkaufsstart zu sichern.

9) Die Gamescom wird zum Foodcourt

A la carte: Nicht nur der Gemeinschaftsstand Games Bavaria kredenzte lokale Spezialitäten.
A la carte: Nicht nur der Gemeinschaftsstand Games Bavaria kredenzte lokale Spezialitäten.

Bockwurst mit Senf und Brötchen, dazu ne Cola – so sah über Jahrzehnte die klassische Verpflegung auf Messen aus. Inzwischen hat der Besucher die Qual aus Wahl aus Dutzenden von kulinarischen Highlights. Durch den Foodcourt in Halle 10 und über die Außenbereiche wabert der verführerische Duft von frischen Crêpes, asiatischen Spezialitäten aus dem Wok, dampfenden  Süßkartoffelfritten oder à la minute gebauten veganen Burgern.

Noch spektakulärer ist das gastronomische Angebot in der business area, also dort, wo Einkäufer, Geschäftspartner und Journalisten bewirtet werden. Am Gemeinschaftsstand von Games Bavaria – stilecht mit Maibaum, Bierbänken und Kunstrasen – liegen regelrechte Tageskarten aus, auf denen unter anderem „Hausgemacher Blechkuchen“ lockt.  Andere Stände servieren Antipasti und Pasta vom lokalen Edel-Italiener, verteilen Sauerkraut-Haxen-Wraps oder bauen gar eine eigene Cocktail-Bar auf.

Doch den buchstäblich feinen Unterschied macht die Qualität des Kaffees. Unter den Ausstellern herrscht inzwischen ein regelrechter Wettbewerb um den besten Espresso und Café Crema nördlich von Mailand.

10) Die Politik fremdelt

Dass Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker der Gamescom einen Besuch abstattet, ist obligatorisch – schließlich hat sie mindestens als Aufsichtsratsvorsitzende der KoelnMesse ein vitales Interesse daran, dass alljährlich 500.000 Menschen nach Köln strömen.

Staatssekretäre aus den Berliner Verkehrs- und Wirtschaftsministerien, NRW-Wirtschaftsminister und rheinländische Bundestagsabgeordnete täuschen indes nicht darüber hinweg, dass die erste Garnitur des Politikbetriebs mit der Gamescom fremdelt.

Nun hat die Gamescom längst nicht die Tradition und Strahlkraft einer Hannover Messe, die zuletzt von der Bundeskanzlerin und dem amerikanischen Präsidenten eröffnet wurde. Mag sein, dass Urlaubssaison und drängendere Termine eine Teilnahme erschweren. Doch für eine Leitmesse eines „Leitmediums“ ist es schwer nachvollziehbar, dass im Gegensatz zur IAA oder zur Grünen Woche selbst die zuständigen Kabinettsmitglieder und Ministerpräsidenten durch Abwesenheit glänzen.

Doch es besteht Hoffnung: Die Gamescom 2017 findet unmittelbar vor den Bundestagswahlen im September 2017 statt. Die Chancen stehen gut, dass der Wahlkampf-Tross auf der Gamescom 2017 Station macht. Wie 2013, als Wirtschaftsminister Philipp Rösler – seinerzeit immerhin Vizekanzler – die Kölner Spielemesse eröffnete.

11) Die Gamescom ist mehr als nur Spiele

Wenn die Veranstalter gerne von einem „360-Grad-Event“ sprechen, dann klingt das zunächst wie eine PR-Floskel. Aber die Gamescom 2016 hat erneut bewiesen, dass in Köln eben nicht nur eine Leistungsschau des Videospiel-produzierenden Gewerbes stattfindet, sondern tatsächlich das gesamte Spektrum abgedeckt wird.

Natürlich stehen die großen Blockbuster im Mittelpunkt: Vor den Messeständen von Ubisoft, Blizzard und Sony herrscht traditionell das dichteste Gedränge. Doch Initiativen wie die Indie Arena Booth lenken den Blick auch auf kreative Konzepte von Ein-, Zwei-, Fünf-Mann-Studios. Daneben bleiben Retro, Cosplay-Area, die Letsplayer auf den Showbühnen und die Fanshop-Area absolute Publikumsmagneten. Aus- und Fortbildung, Verbände, Jugendschützer und regionale Zusammenschlüsse haben ihren festen Platz auf der Gamescom. Entsprechend bunt ist das Publikum – auch Familien mit kleineren Kindern lassen sich vom Getümmel nicht abschrecken. Das begleitende Gamescom City Festival in der Kölner Innenstadt bildet zudem einen entspannten Gegenpol zum Trubel auf dem Messegelände.

Der Mix aus Business- und Endverbrauchermesse bleibt in dieser Form einzigartig. Es wird jeder Menge Hirnschmalz und harter Arbeit bedürfen, dieses hohe Level zu halten und 2017 neue Akzente zu setzen – dann unter neuer Leitung.

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