Start Meinung Gamescom 2026: Spielt Klingbeil mit? (Fröhlich am Freitag)

Gamescom 2026: Spielt Klingbeil mit? (Fröhlich am Freitag)

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Als SPD-Generalsekretär war er schon zu Gast in Köln - zur Gamescom 2026 reist Lars Klingbeil als Finanzminister und Vizekanzler.
Als SPD-Generalsekretär war er schon zu Gast in Köln - zur Gamescom 2026 reist Lars Klingbeil als Finanzminister und Vizekanzler.

Wenn das politische Berlin in der kommenden Woche auf der Gamescom gastiert, geht es – auch und vor allem – ums Geld.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

dass die Gamescom 2026 endgültig in die heiße Phase eintritt, kann ich ziemlich präzise an einem ganz bestimmten Phänomen festmachen: In dieser Woche ist es mir mehrmals passiert, dass im Posteingang schneller Pressemitteilungen, Briefings, Termin-Anfragen und freundliche Reminder eintrafen, als ich physisch und psychisch imstande war, auf die „Entf“-Taste zu donnern.

Für jede Mail, die ich in Sekundenbruchteilen als Medium-Wichtig/-Dringlich einstufte und kurzerhand löschte oder stumpf prokrastinierend in einen Sanktnimmerleins-Ordner verschob, kamen hydraesk zwei, drei frische Mails hinterher. Ding-ding-ding-ding-ding-ding.

Ja, ja, ich weiß, Augen auf bei der Berufswahl … trotzdem irre.

Und das war nur ein leiser Vorgeschmack auf eine Woche, die wie immer zehrend und anstrengend wird, in jeder Hinsicht. Aber wem erzähl ich das? In Köln laufen ja längst die Aufbau-Arbeiten in den Hallen. Am Sonntag geht’s los mit ersten Events, ab Montag dann die Konferenz Gamescom Dev, am Dienstag die Opening Night Live, am Mittwoch der Fachbesucher-und-was-mit-Medien-Tag und am Donnerstag dann der erste reguläre Publikumstag, eskalierend am Wochenende, wenn die Business-People schon wieder in umgekehrter Wagenreihung im ICE Richtung Heimat sitzen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Hallenplan, Event-Abfolge, kaum für steigerungsfähig gehaltenes Baustellen-Chaos in und um Köln: Vieles spricht für eine Gamescom as Usual. Eins ist diesmal aber erkennbar anders als sonst, nämlich das politische Programm.

Dabei ist die Gamescom spätestens seit 2017 ein Aufgalopp der Spitzen-Politik. Dereinst kam erstmals eine amtierende Kanzlerin nach Köln: Merkel ließ sich vom PlayStation-Boss die Sony-VR-Strategie erklären – und von Ubisoft die Kostennachteile am Standort Germany. Zu einem kurzen Cringe-Moment kam es am Microsoft-Stand, als sie zu einem Mausklick auf ihre rot geblazerte Minecraft-Merkel gedrängt wurde, um … nun ja … eine Kuh fliegen zu lassen.

Dass NRW-Landesvater Hendrik Wüst und Forschungsministerin Dorothee Bär (die mittlerweile unironisch als ‚Games-Ministerin‘ angekündigt wird) auch diesmal vor Ort sind, gilt als gesetzt. Am Donnerstag kommt dann der Bundespräsident – eine Premiere.  Mit etwas Glück bleibt Steinmeier das Schicksal erspart, mit einem batteriebetriebenen Laserschwert für die Fotografen rumfuchteln zu müssen.

Ranghöchster Gamescom-Besucher aus der Bundesregierung ist tags zuvor Lars Klingbeil. Der Vizekanzler, Finanzminister und SPD-Co-Chef wird vermutlich ganz glücklich sein, wenn er den zermürbenden Umfragewerten, den unbarmherzigen Hauptstadt-Podcastern und den parteiinternen Schmähungen mal für ein paar Stunden entfliehen kann, um sich mit einem Switch- oder Xbox-Controller als Einer-von-euch-Gamer ablichten zu lassen.

Was zumindest früher sicher gestimmt hat. Als Klingbeil noch nicht Herr des Geldes, sondern ’nur‘ netzpolitischer Sprecher war, forderte er forsch, dass „hochwertige Computerspiele“ gefördert werden müssten. Die Pressemitteilung aus dem Frühjahr 2017 könnte man hier und heute in weiten Teilen unverändert übernehmen, weil die Gesamtsituation immer noch so betrüblich ist wie dereinst.

Sprich: Absatzmarkt wächst (ein bisschen) – Arbeitsmarkt schrumpft (schleichend, aber stetig).

Nur ums mal einzuordnen: Der regionale, mittelständische Heizungsbauer, der uns vor ein paar Jahren eine Klimaanlage ins Gebälk geschraubt hat (bestes Invest ever), beschäftigt inklusive Azubis knapp 70 Leute. Wäre dieser Heizungsbauer ein Spiele-Entwickler, läge er in allen Bundesländern komfortabel in den Top 10 der größten Games-Arbeitgeber – im Gamescom-Gastgeberland NRW auf Platz 4, im Osten unangefochtene Nummer 1.

Im selben Jahr gehörte Klingbeil zum wiederholten Male der Hauptjury des Deutschen Computerspielpreises an – wie fast immer. 2012 verteidigte er das Votum für die Spiel-des-Jahres-Auszeichnung des Crytek-Shooters Crysis 2 mit Verve gegen Alte-weiße-Männer-Genöle aus dem konservativen Spektrum.

Einige Monate zuvor hatten die Kollegen vom SPIEGEL bei Scheuers Digital-Staatssekretärin und heutiger Games-Ministerin im Vorfeld der Gamescom 2016 nachgefragt, wie sie denn auf die deutsche Computerspiele-Brache blickt. Ihr Befund: „Wer sich als Gamer identifiziert, steht in Deutschland immer noch schnell unter Verdacht, zu viel Zeit zu haben. Spiele sind immer noch nicht als Kulturgut anerkannt, dabei sind sie das.“

Jeder noch so schlechte Film habe ein gesellschaftlich besseres Ansehen als ein gutes Spiel – und das sei schon schade: „Dabei werden viele Innovationen künftig von den Spielentwicklern kommen, die Branche hat riesiges Potenzial.“

Heute – 10 Jahre später – hat sich daran so wenig geändert, dass die Nummer mit dem Potenzial immer noch so gebetsmühlenartig bemüht wird, als handele es sich um ein Bundesliga-Zauberfüßchen, das in der kommenden Saison endgültig vor dem Durchbruch steht. Diesmal wirklich.

Potenzial, Potenzial, Potenzial, wohin man blickt. Wer Pressemitteilungen, Konferenz-Programme und Studien durchgeht, gewinnt den Eindruck, die Branche stünde gemeinsam mit ihren Kunden unter nicht enden wollendem Rechtfertigungsdruck. Was daran liegt, dass das Gewerbe seit jeher unter dringendem Verdacht steht, ein Klientel anzusprechen, das – um mit Bär zu sprechen – zu viel Zeit hat. Daraus resultiert jene unselige Melange aus Stolz und Vorurteil, die sich unterjährig unter anderem an auf sämtlichen Hinterläufen hinkenden Äpfel-mit-Birnen-Vergleichen mit der Film- und Musik-Industrie zeitigt.

Beim Gamescom-Besuch des Finanzministers geht es – natürlich – ums Geld. Die Erwartungshaltung der Branche ist unmissverständlich: substanzielle Fortschritte bei jenen „steuerlichen Anreizen“, wie sie der Spiele-Branche im Koalitionsvertrag in Aussicht gestellt wurden – also zusätzlich zu den bereits eingetüteten Zuschüssen von jährlich 125 Mio. €.

Ob es dazu auf der Gamescom belastbare An- und Zusagen an den Rednerpulten gibt? Schwer zu prognostizieren. Klingbeil formuliert ja traditionell etwas verbindlicher als Habeck und Lindner. Beide Ampel-Männer ließen bei Games-Branchen-Events stets wenig Rest-Zweifel, dass sie ja wirklich gerne wollen würden, aber kein Geld haben.

Und auf eins ist Verlass: Der Finanzminister hat auch keins.

Aber das können wir jetzt auch noch in aller Gelassenheit abwarten. Bis dahin wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende und natürlich ganz viel Spaß und gutes Gelingen auf und neben dem Gamescom-Gelände – ob als Aussteller, Dienstleister, Fach- oder Privatbesucher.

Alle Informationen bekommen Sie während der Messe-Woche wie immer auf GamesWirtschaft und auf den Social-Media-Kanälen – live aus Köln.

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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