Start Meinung E-Sport-Ausverkauf: Generation Golf (Fröhlich am Freitag)

E-Sport-Ausverkauf: Generation Golf (Fröhlich am Freitag)

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FIFA-Boss Gianni Infantino und Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman bei der Ankündigung des Esports World Cup 2024 (Foto: Saudi Press Agency)
FIFA-Boss Gianni Infantino und Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman bei der Ankündigung des Esports World Cup 2024 (Foto: Saudi Press Agency)

Ohne Saudi-Arabien geht nichts im E-Sport. Das Königreich finanziert auch Aufbau und Auftritt der deutschen E-Sport-‚Nationalmannschaft‘. 

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

ein bisschen irre ist es ja schon, dass der Profi-Fußball in diesen Tagen seine philanthropische Seite entdeckt.

Anlass: FIFA-Boss Infantino will trotz massiver Widerstände drüber abstimmen lassen, ob die Fußball-WM in eine eigene Gesellschaft ausgelagert wird – inklusive Sponsoring, Lizenzen, Ticketing, TV-Rechte. Investoren können bis zu 20 Prozent an diesem Konstrukt erwerben. Die Kontrolle über Wettbewerbe, Kalender, Regelwerk, Halbzeit-Shows und Trinkpausen bliebe bei der FIFA.

Die 211 Mitgliedsverbände sollen sich nun bis Mitte September dazu verhalten. Bei Zustimmung winken üppige Überweisungen aus der FIFA-Zentrale in Zürich – je kleiner das Land, desto größer die Versuchung. Kommt keine Mehrheit zustande, bleibt alles so lukrativ, wie es schon jetzt ist.

Die UEFA droht mit Boykott, falls das Projekt weiter verfolgt werde. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Furors, der seit Tagen durch die Fußballwelt rollt.

Die lautesten Proteste kamen von Anfang an aus Europa, den Erfindern von Champions League, Premier League, Super League und Paris Saint-Germain. Funktionäre, Manager und Trainer mit Millionen-Salär bezichtigten Infantino, es ginge ihm und der FIFA nur ums Geld. Was ja für sich genommen schon mal eine gewisse Komik birgt.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Auch der Deutsche Fußballbund ist sehr entrüstet. Jener DFB, der zugunsten eines kolportierten 100-Mio-Euro-Ausrüster-Deals mit Nike die jahrzehntelange Beziehung mit Adidas gekappt hat. Die zusätzliche Nike-Kohle soll dem Amateur-Fußball zugute kommen. Nicht viel anders geht die Argumentation der FIFA: Von den WM-Mehreinnahmen würden Infrastruktur-Projekte sowie der Kinder- und Frauenfußball profitieren. Wer oder was auch sonst?

Die Kritik am WM-Ausverkauf zeitigt Erstaunliches. FC Bayern-Sportvorstand Max Eberl gab zum Beispiel zu Protokoll, es „ekele“ ihn beim Gedanken an die FIFA-Pläne – und er habe das „Gefühl“, der Weltverband sei nur dazu da, um Profit zu machen. Er ist womöglich einer ganz heißen Sache auf der Spur.

Der ungleich größere Skandal besteht meines Erachtens nach allerdings darin, dass ihm offenbar niemand Bescheid gesagt hat, dass Adidas, Audi und die Allianz als „strategische Partner“ in Summe rund 25 Prozent der Anteile seines Arbeitgebers halten – und das Ihrige dazu beitragen, Eberl den Einkauf von Kickern mit achtstelligen Gehältern zu ermöglichen.

Überhaupt die Bayern: Bis vor wenigen Jahren brauchte es erst Tumulte auf Mitgliederversammlungen, um das Ende der Zusammenarbeit mit Groß-Sponsor Qatar Airways einzuleiten.

Seit ziemlich genau einem Jahr gibt es nun neben Krypto- und Sportwetten-Buden einen neuen ‚Platin-Partner‘ beim Rekordmeister: Electronic Arts. Der EA Sports FC-Produzent wird künftig von der lupenreinen und überaus untadeligen Monarchie Saudi-Arabien kontrolliert, die in der Weltspitze in der Disziplin „Vollzogene Hinrichtungen“ mitmischt.

Über diese und andere Entwicklungen könnte man mit „Ach, andernorts passieren auch schlimme Dinge“-Achselzucken hinweg stolpern. Oder aber man begibt sich wie der kommerzielle E-Sport erst recht in vollumfängliche Abhängigkeit eines Königsreichs, das sich Reichweite, Renommee und Zuneigung mit der Auslobung von „life-changing prize money“ erkauft.

Doch das ist nur die Kirsche auf der Sahnetorte. Denn ab dem 2. November richtet Saudi-Arabien den ersten Esports Nations Cup (ENC) in Riad aus. Disclaimer: sofern sich bis dahin die Lage am Golf stabilisiert hat. Zur Stunde sieht sich das Auswärtige Amt veranlasst, auf das „Risiko der Ausweitung der Kampfhandlungen sowie Sperrungen des Flugverkehrs“ hinzuweisen.

Die deutsche E-Sport-‚Nationalmannschaft‘, die in drei Monaten nach Riad reist, wird von Adidas eingekleidet und von der Kölner Esports Player Foundation koordiniert. Deren alleiniger Gesellschafter: der Branchenverband Game.

Mit einem eigens eingerichteten ENC Development Fund (Gesamtvolumen: 45 Mio. $) subventionieren die Saudis neben Team-Managern, Trainer-Stäben, Logistik, Unterkunft und Reisen auch „KPI-basierte Marketing-Dienstleistungen“, etwa Content-Produktionen für Social Media und Show-Matches. Was davon für Team Germany abfällt? Betriebsgeheimnis.

Seit jeher enger Partner der Esports Player Foundation ist die Deutsche Telekom. Jener Konzern, der sehr offenkundig kein Problem damit hat, das Thema Diversity und Equality ganz groß auf die Regenbogen-Fahnen zu schreiben – und gleichzeitig interessiert dabei zuguckt, wie sich Deutschland beim Aufbau einer ‚E-Sport-Nationalmannschaft‘ von Saudi-Arabien aushalten lässt.

Es sind just diese und viele, viele andere Fälle kognitiver Dissonanz, die Streaming-Star Maximilian Knabe alias HandOfBlood schon vor einem Jahr angesprochen hat – und die ihn „ankotzen“. Wie sich alle engagieren oder aufkaufen lassen. „So traurig“ sei das. Einst sind Ubisoft und Riot Games nach Fanprotesten zurückgezuckt – jetzt nicht mehr.

Knabe ist sich natürlich dessen bewusst, dass er aus einer privilegierten Warte heraus argumentiert. Aber er sagt auch: Sollte der Fall eintreten, dass sein E-Sport-Klub Eintracht Spandau nur mit Scheich-Geld über die Runden kommt, dann ist er raus. Das muss man sich leisten können und wollen, denn wer im Profi-E-Sport was werden oder gelten will (egal ob Club, Coach, Consultant, Spieler oder eben ‚Nationalmannschaft‘), dessen Weg führt nun mal über Riad.

Damit da kein falscher Zungenschlag rein kommt: Dass die Games-Branche wie alle anderen Industrien ein riesiges Delta zwischen gefühligem Werte-Kanon und tatsächlichem Handeln kultiviert, ist weder neu noch ungewöhnlich. Und natürlich muss irgendjemand auf diesem Planeten die E-Sport-Party organisieren und finanzieren. Falls es Saudi-Arabien eines Tages nicht mehr tut, dann tut es niemand. Dann käme es zur Kernschmelze. Dann ist „Exodus“, wie es Knabe formuliert.

Die Lebenserfahrung lehrt indes auch (und hier schließt sich der Kreis zu den FIFA-Investoren): Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt meistens auch die Musik.

Und genau dieses immer offensivere Rascheln mit Geldbündeln ist es, was Kummer bereiten muss.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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