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Anerkennung von eSport: Bundesregierung rudert zurück

Die Bundesregierung sieht derzeit keinen Handlungsbedarf mit Blick auf eine Anerkennung von eSport als Sport (Foto: Bundesregierung / Steffen Kugler)
Die Bundesregierung sieht derzeit keinen Handlungsbedarf mit Blick auf eine Anerkennung von eSport als Sport (Foto: Bundesregierung / Steffen Kugler)

„Schau’n mer mal“ – so lässt sich die Antwort der Bundesregierung auf eine FDP-Anfrage zum Thema eSport zusammenfassen. Die Verbände reagieren mit Unverständnis.

Mehrere Abgeordnete der FDP-Bundestagsfraktion wollten am 10. August von der Bundesregierung wissen, wie weit denn die Pläne für die Anerkennung des eSport als Sport gediehen seien. Genau das wurde nämlich im Februar bei den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD vereinbart. Der Fragenkatalog dieser „Kleinen Anfrage“ umfasst fast 50 Einträge – zwei Wochen später liegt die zwölfseitige Antwort vor, die wenig Licht und sehr viel Schatten aus Sicht der Branche enthält.

Eine eigene Definition von eSport kann und will die Bundesregierung nicht liefern, weil sie dafür auch gar nicht zuständig sei. Stattdessen verweist sie auf das Verständnis der organisierten Sportverbände wie dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): Der DOSB hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die bis Ende des Jahres 2018 eine Position erarbeiten will. Gleiches gilt für die Anerkennung als Sport: Ein förmliches „Anerkennungsverfahren“ gäbe es ohnehin nicht.

Auch bei der Frage nach der „olympischen Perspektive für den eSport“ – wie es wortwörtlich im Koalitionsvertrag vereinbart ist – bleibt die Auskunft im Vagen. Man wolle zunächst abwarten, wie sich der eSport entwickelt – unter Beachtung der Autonomie des organisierten Sports.

Besonders unter den Nägeln brennt den Verbänden die Anerkennung von eSport-Vereinen als „gemeinnützig“, weil damit zum Beispiel die steuerliche Geltendmachung von Spenden möglich wird. Bereits nach geltendem Recht könnten Vereine die Voraussetzungen erfüllen, so die Bundesregierung. Eine Änderung der Abgabenordnung sei Aufgabe der  Gesetzgebungsorgane. Der eSport habe bislang „keines der für die Aufnahme in den Anwendungserlass zur Abgabenordnung relevanten Kriterien in vollem Umfang erfüllt“.

Bei der Frage der Gemeinnützigkeit sollte nach Auffassung der Regierung auch die Alterseinstufung von Spielen sowie die „dahinter stehende Frage einer Jugendbeeinträchtigung bzw. Jugendgefährdung“ Berücksichtigung finden.

Anerkennung von eSport: Bundesregierung will abwarten

Weit oben auf der Wunschliste der eSport-Unternehmen und -Verbände steht auch das Thema Visa-Erteilung für ausländische Turnier-Teilnehmer. Hier habe es in der Vergangenheit regelmäßig Probleme gegeben. Die Bundesregierung widerspricht – ihr seien „keine spezifischen aufenthaltsrechtlichen Problematiken von ausländischen eSportlern bekannt“. Eine neue Erkenntnis enthält das Dokument trotzdem: Eine Teilnahme an Turnieren in Deutschland sei „als Darbietung sportlichen Charakters“ zu werten – was grundsätzlich eine Tätigkeit an maximal 90 Tagen im Zeitraum von zwölf Monaten ermöglicht.

Darüber hinausgehenden Änderungsbedarf beim Aufenthaltsgesetz sieht die Bundesregierung nicht.

Den im November gegründeten eSport-Bund Deutschland (ESBD) stuft die Bundesregierung nicht als Spitzensportverband ein, weil der eSport bislang nicht als Sportart in Deutschland anerkannt ist. Dadurch darf der ESBD bis auf Weiteres auch keine Bescheinigungen für Berufssportler ausstellen.

Damit nicht gut genug – wörtlich heißt es: „Die Anerkennung einer Sportart und die Aufnahme eines Sportverbandes in den DOSB setzen u. a. voraus, dass es sich um eine Betätigung handelt, die eine eigene, die Sportart bestimmende motorische Aktivität der Sportler zum Ziel hat. Dass die von eSportlern/innen benötigten Fähigkeiten (z. B. Hand-Augen-Koordination und Reaktionsvermögen) diesem Erfordernis entsprechen, ist derzeit nicht allgemein anerkannt.“

Auch die Inanspruchnahme der Leistungssportförderung hält die Regierung für nicht erforderlich – bislang habe es auch keine entsprechenden Anträge gegeben.

Die Eignung des Landes als Austragungsort für eSport-Veranstaltungen beurteilt die Regierung als „attraktiv“ – insbesondere mit Blick auf die Infrastruktur und die „Kompetenz im Veranstaltungsmanagement“. Als Zuschauer hat bislang kein Mitglied der Bundesregierung an einem solchen Turnier teilgenommen – bis auf Weiteres sei das auch nicht geplant.

eSport: „Regierung bleibt hinter ihren eigenen Plänen zurück“

In Summe sind die Auskünfte der Bundesregierung für den eSport-Sektor mehr als ernüchternd, zumal sie in weiten Teilen den Koalitionsvertrags-Formulierungen widersprechen.

Entsprechend enttäuscht fallen auch die Reaktionen aus: Der Industrie-Verband Game kritisiert insbesondere, dass die Anerkennung der Gemeinnützigkeit von eSport-Vereinen nicht zur Debatte steht. „Die Regierung bleibt hinter ihren eigenen Plänen zurück“, stellt Game-Geschäftsführer Felix Falk fest.

Die Würdigung des eSport und seiner Potenziale mit Blick auf die Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe seien zwar positive Signale. Gleichzeitig nimmt die Regierung die Rolle des Begleiters und Beobachters ein – stattdessen seien konkrete Schritte erforderlich.

Der eSport-Bund Deutschland rügt die Intransparenz mit Blick auf die Gemeinnützigkeit von eSport-Vereinen sowie Sportvereinen mit eSport-Abteilung. Für die mehr als 100 Vereine bestehe weiterhin Rechtsunsicherheit. Als positiv bewertet ESBD-Präsident Hans Jagnow den vereinfachten Zugang von ausländischen Spielern zu Turnieren: „Deutschland kann so ein starkes Gastgeberland für die internationale eSport-Gemeinschaft werden“, so Jagnow. Für die Entwicklung eines Liga-Systems mit „internationalen Spitzen-Athleten“ – wie es etwa die Fußball-Bundesliga darstellt – sowie für die Ausbildung von Trainern sei aber der dauerhafte Aufenthalt erforderlich. ESBD-Vizepräsident Martin Müller fordert eine bundeseinheitliche Klarstellung für eSport-Vereine, damit auch Mehrspartenvereine nicht womöglich ihre Gemeinnützigkeit als Sportverein aufs Spiel setzen.

Kein Verständnis hat Jagnow für das Rückrudern der Bundesregierung hinsichtlich der versprochenen Anerkennung von eSport als Sport, die im Februar versprochen wurde. „Nur wenige Monate später distanziert sich die Bundesregierung von diesem Versprechen und schiebt die Verantwortung auf den DOSB. Diese Henne-und-Ei-Situation muss endlich ein Ende haben. Wenn die Bundesregierung im Aufenthaltsrecht den sportlichen Charakter zugesteht, aber an anderer Stelle sich nicht zuständig sieht oder den sportlichen Charakter bezweifelt, dann ist das absolut inkonsequent. Das schafft nur Verwirrung.“

Mit der Beurteilung des Sportcharakters von eSport bleibe die Bundesregierung sogar hinter der Einordnung durch den DOSB zurück, der selbst von einer „vergleichbaren sportlichen Aktivität“ spricht – hier sei man in der Debatte schon viel weiter gewesen.

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