Alles richtig gemacht – so lautet der Tenor der jüngsten Games-Standort-Studie. Für Entwarnung besteht kein Anlass: Die Branche hängt am Tropf der Politik.
Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,
es geschah am Dienstagmorgen: Inmitten des Zähneschrubben-Rituals versiegte plötzlich der Wasserdruck – aus dem Hahn rann nur noch ein dünnes Rinnsal. Und dann ging gar nix mehr.
Mich kann man mit solchen Alltags-Fehlermeldungen ja sehr zuverlässig in einen Ad-hoc-Panik-Modus versetzen: Vor dem geistigen Auge entwickeln sich dann apokalyptische Szenarien – in diesem Fall entlang der Frage, ob wohl noch hinreichend Katzenstreu im Haus wäre. Obwohl wir gar keine Katze haben.
Der erste Weg führte in den Keller, wo ich mich schon in Gummistiefeln durch hüfthoch treibende Aktenordner und Kartons waten sah. Stellt sich raus: Alles bestens.
Eine „Moin. Habt ihr Wasser?“-Abfrage in der WhatsApp-Nachbarschafts-Gruppe ergab, dass die komplette Straße auf dem Trockenen saß. Der Anruf bei den Stadtwerken sorgte zuerst für minutenlange Besetzt-Zeichen, dann für eine generische Bandansage: Jepp, es gäbe da ein Problem – wir sagen aber nicht, wo und was.
Nun ist Bayern nicht Berlin: Nach gerade mal einer halben Stunde war das Problem gelöst. Im Nachgang sollte sich herausstellen, dass es einige Kilometer entfernt zu einem Wasserrohrbruch gekommen war, der kurzzeitig das komplette Stadtgebiet lahm legte. Als Laie ist man bass erstaunt und beeindruckt, wie rasch und präzise sowas verortet, aufgebuddelt, freigelegt und geflickt werden kann. Und das im Winter.

Gäbe es eine Kundenzufriedenheits-Umfrage, würde ich trotzdem nur eine aufgerundete 7 von 10 vergeben. Denn auf ihrer Website verzichten die Stadtwerke vorsichtshalber auf Live-Updates zu Störungen – wodurch zumindest verhindert würde, dass Hunderte betroffener Kunden gleichzeitig die Hotline aus dem Bett bimmeln.
Stattdessen gab es ein zeitversetztes Keine-Panik-Posting auf der Alte-Leute-Plattform Facebook, deren Algorithmus ja erfahrungsgemäß auswürfelt, ob ein Beitrag ausgespielt wird oder halt nicht. Ich hab die Seite abonniert, bekam die „Alles unter Kontrolle, Kavallerie unterwegs“-Info aber auch nur mit Verzögerung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Blutdruck längst wieder runterkalibriert.
Entwarnung gab es auch am gestrigen Donnerstag, nämlich entlang einer gut einstündigen Pressekonferenz in Berlin. Forschungsministerium, Verband und Marktforscher präsentierten die Ergebnisse der Studie „Die Games-Branche in Deutschland 2025“ – ein 93seitiges Konvolut an Zahlen, Daten, Tabellen, Balken- und Tortengrafiken.
Wer genauer reinliest, empfindet an vielen Stellen ein gewisses Survivor-Bias-Störgefühl, das vielen Statistiken und Studien inne wohnt. Denn befragen kann man natürlich nur jene, die noch da sind. Dabei wäre es ja mal ganz spannend zu erfahren, wo die Leitung leckt – um im Wasserrohrbruch-Bild zu bleiben.
Stattdessen richtet sich das öffentliche Scheinwerferlicht für gewöhnlich auf die sprudelnden Best Practices – die Annos, die Enshroudeds, die Everspaces. Unter anderem.
Für die Games-Ministerin des Landes dient die Verbands-Studie auch als eine Art Arbeitsnachweis, dass die mühsam errungene Entwicklungshilfe ankommt: Dorothee Bär sitzt seit einem Vierteljahrhundert im Bundestag – und fand Games schon cool, bevor sie cool wurden. Ein Umstand, auf den die CSU-Politikerin entlang der Präsentation proaktiv hinwies, indem sie daran erinnerte, dass „wir“ (gemeint ist die Bundesrepublik) „von einer ganz krassen Killerspiel-Debatte kommen“. Was stimmt.
Wann immer missgünstige Spaßbremsen künftig die Frage aufwerfen, ob die vielen hundert Millionen Euro an Steuerzahlerkohle gut im 200-Mrd.-$-Videospiele-Gewerbe investiert sind (und nicht etwa in peruanischen Fahrradwegen), lässt sich lässig auf diese Studie verweisen. Takeaway: Jeder subventionierte € triggert Sechsfuffzich an Investments, zuzüglich Steuern und Sozialabgaben. Mehr Firmen, mehr Spiele, mehr Jobs. Läuft.
Zumal: Welche andere Industrie kann in diesen Zeiten schon mit einem 20-Prozent-Plus bei den Beschäftigtenzahlen aufwarten? In gerade mal sechs Jahren? Okay, von 12.300 auf 14.800. Aber trotzdem.
Dieser Zuwachs lässt sich fast vollständig auf Neugründungen und Indies zurückführen. Dass wir davon ziemlich viele und ziemlich herausragende im Land haben, daran besteht kein Zweifel. Woran es mangelt, sind große Arbeitgeber mit großen Budgets und großen Spielen.
Diese Kennzahl wächst nicht – sie schrumpft. Messbar. Sechs Jahre nach Einführung der Förderung gibt es bundesweit keine 20 Games-Produzenten mit 100+ Beschäftigten mehr. Kurzfristig wird sich daran nicht viel ändern, wie ein schüchterner Blick in die ‚Karriere‘-Rubriken zeigt. Bleibt nur zu hoffen, dass die im Koalitionsvertrag aufgeschriebenen Steuer-Rabatte noch rechtzeitig genug kommen, um per saldo mehr Jobs zu schaffen, als durch KI obsolet werden.
Denn nur mit mehr Groß-Produktionen wird sich der magere Inlands-Marktanteil deutscher Games substanziell hebeln lassen. Gerade 5,5 von 100 Euro, die hierzulande für Games ausgegeben werden, bleiben bei hiesigen Unternehmen – und das in einem der größten Games-Absatzmärkte der Welt (hinter China, USA, Japan, Südkorea). Zum Vergleich: An Deutschlands Kinokassen waren es zuletzt 27 Prozent, bei den Musik-Streaming-Diensten über 40 Prozent. Alleine zu Helene Fischers Stadion-Tour werden 750.000 Besucher erwartet – umgerechnet zwei ausverkaufte Gamescoms. Sag’s nur.
Es ist unübersehbar: Die Abhängigkeiten von der Politik steigen. Ohne die Zuschüsse von Bund und Ländern wäre die auskömmliche Produktion von Computerspielen vielfach kaum darstellbar – was sich allein an den Verwerfungen ablesen lässt, die durch mehrmaligen Antragstopp-Rohrbruch ausgelöst wurden.
Zumindest dieses Risiko ist vorerst gebannt: 125 Mio. € hat allein Bärs Ministerium eingeplant. Fürs Grundrauschen ist also gesorgt.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft













