Start Meinung Fröhlich am Freitag 18/2020: Eine Wette auf die Zukunft

Fröhlich am Freitag 18/2020: Eine Wette auf die Zukunft

Szene aus
Szene aus "Assassin's Creed Valhalla" (Abbildung: Ubisoft)

Ob sich Investments in Spiele mit mehrstelligen Millionen-Etats rechnen, zeigt sich erst nach vielen Jahren. Computerspiele-Hersteller müssen auf die Zukunft wetten.

Verehrte Leserinnen und Leser,

wenn wir eines in dieser Krise mittlerweile begriffen haben, dann das, dass sich die politischen Entscheidungen von heute nicht adhoc, sondern frühestens zwei Wochen später in den Zahlen besichtigen lassen. Also: Was passiert Mitte Mai, wenn man morgen die Schulen öffnet, die Biergärten, die Elektromärkte? Das Land fährt notgedrungen auf Sicht, agiert schrittweise, muss ständig nachjustieren und konkretisieren, möglicherweise die Notbremse ziehen.

Und immer wieder: testen, testen, testen.

Diese Vorgehens- und Arbeitsweise ist der Videospiel-Branche nicht fremd, insbesondere im Online-Games- und Apps-Gewerbe. Vielfach gibt es mindestens wöchentliche Updates, ganze Abteilungen sind mit der Analyse des Spieler-Verhaltens beschäftigt. In den Foyers vieler Studios hängen Monitore, auf denen sich die Vitalwerte der Produkte in Echtzeit ablesen lassen: Wie viele Leute sind in diesem Moment online, wie viele waren es gestern?

Und dann gibt es da noch die Blockbuster-Industrie, die in weitaus längeren Zyklen denkt. Zu einem sehr, sehr, sehr frühen Zeitpunkt müssen Wetten darauf abgeschlossen werden, dass ein Videospiel viele Jahre später überhaupt einen Nerv und somit auf Nachfrage trifft.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Ein Beispiel: An einem PlayStation-Blockbuster wie „The Last of Us 2“ (erscheint im Juni) wird seit mindestens 2014, also seit sechs Jahren gearbeitet – in den Abspännen sind üblicherweise Tausende Spieldesigner, Programmierer und Grafiker aufgelistet. Mitten in eine globale Pandemie hinein wird ein Spiel veröffentlicht, bei dem man glauben könnte, Covid-19 hätte die Idee für das Drehbuch geliefert – und die Spieldesigner hätten den Fortgang der Geschichte nur noch bei einer guten Flasche Rotweins in den roten Bereich drehen müssen.

Vergleichbare Vorlaufzeiten darf man für das Wikinger-Epos „Assassin’s Creed: Valhalla“ annehmen, das zwar erst vorgestern angekündigt wurde, aber schon Ende 2020 auf den Markt kommt. Ein Monster von einem Spiel, soviel scheint schon nach dem ersten Trailer sicher – quasi die Erwachsenen-Version von „Wickie“. Zu den Features gehören „instinktgesteuerte Kämpfe“, wie es auf der Website heißt: „Köpfe deine Gegner im Nahkampf, spicke sie mit Pfeilen oder töte sie unauffällig mit deiner Versteckten Klinge“ – wenn das nicht absolut verheißungsvoll klingt.


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An der „Valhalla“-Entwicklung sind ein gutes Dutzend Ubisoft-Studios auf dem gesamten Erdball beteiligt – in Montreal, Singapur, Softia, Barcelona, Shanghai, Bukarest, selbst auf den Philippinen. Eine echte globale Gemeinschaftsproduktion also, die in den kommenden Monaten unter erhöhtem Schwierigkeitsgrad fertiggestellt werden muss.

Für Belegschaft und Aktionäre von Sony und Ubisoft wird sich erst mit mehrjähriger Verzögerung zeigen, ob sich diese vor Jahren angestoßene Multi-Millionen-Investments als richtig erweisen – und somit buchstäblich auszahlen. Games-Entwicklung dieser Größenordnung bleibt also auch weiterhin eines: eine Wette auf die Zukunft.

Ein schönes extralanges Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle Kolumnen und Gastbeiträge finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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