Start Meinung Fröhlich am Freitag 13/2020: Abbey Road

Fröhlich am Freitag 13/2020: Abbey Road

Die Abbey Road in London Ende Januar 2020
Die Abbey Road in London Ende Januar 2020

Binnen weniger Wochen hat das Coronavirus das gesellschaftliche Leben ausgebremst – Gelegenheit, um sich auf die „Zeit danach“ vorzubereiten. Und um Zebrastreifen zu sanieren.

Verehrte Leserinnen und Leser,

wenn man in London an der U-Bahn-Station St. John’s Wood aussteigt und die Grove End Road entlang schlendert, gelangt man nach zehn Minuten zu den berühmten Abbey Road Studios samt dem noch berühmteren Zebrastreifen, den einst die Beatles überquerten. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich erst vor kurzem, genauer: Ende Januar, dort war.

Außer einem abgewetzten Zebrastreifen und einem kleinen Souvenirshop gibt es dort übrigens exakt nichts zu sehen.

Vor wenigen Tagen wurde nun bekannt, dass die Stadtverwaltung die Streifen des Zebrastreifens an der Abbey Road frisch lackieren lässt. Der Zeitpunkt erscheint günstig, weil sich derzeit eben faktisch kaum Touristen in London aufhalten. Üblicherweise gleicht die Adresse einem Taubenschlag.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Der London-Trip ist jetzt gerade mal neun Wochen her. „Damals“ war die Welt noch in Ordnung, buchstäblich. Schon wenige Tage später, auf der Nürnberger Spielwarenmesse, mussten sich die Veranstalter kritischen Fragen stellen, ob den Fachbesuchern und Ausstellern das gesundheitliche Risiko einer größeren Menschenansammlung überhaupt zuzumuten ist. An Durch- und Übergängen grüßten Sagrotan-Spender und Hinweis-Schilder.

Es war eine der letzten Messen mit internationalem Publikum, die – so weit lehne ich mich aus dem Fenster – im Jahr 2020 überhaupt regulär stattfinden. Schon jetzt wurden alle bis Ende Juni terminierten Festivals, Kongresse, Events entweder abgesagt oder mutig ins zweite Halbjahr verschoben. Was unterstellt und voraussetzt, dass Europa, Asien und die USA in absehbarer Zeit ihre Schlagbäume zugunsten des Publikumsverkehrs wegräumen.

Sicher ist, dass nichts sicher ist – auch nicht die Gamescom im August. Erst heute Morgen hat die KoelnMesse per Newsletter abermals bekräftigt, dass die Vorbereitungen „nach aktuellem Stand“ planmäßig weiterlaufen. Gleichzeitig wird auf die möglichen Folgen einer Gamescom-Absage für Ticket-Besitzer eingegangen.

„Planmäßig“ hieße, dass im April normalerweise das offizielle Gamescom-Partnerland gekürt wird. Aber was ist dieser Tage schon „normal“? Auch bei intensiverem Draufrumdenken mag mir keine Nation einfallen, deren Proklamation im aktuellen Kontext nicht völlig zynisch anmuten würde. Dass die Gamescom Opening Night Live als reiner Stream mit Live-Schalten und aufgezeichneten Grußworten über die Bühne geht, erscheint mir mit jedem Tag wahrscheinlicher – jedenfalls deutlich wahrscheinlicher als eine Show vor Hunderten mundschutzbewehrter Fans in Halle 11.


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Immerhin: Noch wirkt der größte Teil der hiesigen Games-Industrie dank digitalem Geschäftsmodell weitgehend Corona-immun, wie eine Verbands-Umfrage unter Mitgliedern suggeriert. Doch die Unternehmer sind sich auch darüber im Klaren, dass die Krise gerade erst begonnen hat – mit zwangsläufigen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Umsätze, Release-Pläne, Investitionen, Logistik-Ketten und die zarten Pflänzchen einer aufkeimenden Gründer-Kultur. Viele deutsche Studios stellen sich zumindest vorübergehend auf einen deutlich höheren Schwierigkeitsgrad ein.

Dem Vereinigten Königreich ist an dieser Stelle zu wünschen, dass möglichst bald möglichst viele Touristen vom frisch lackierten Zebrastreifen an der Abbey Road profitieren. Es wäre ein untrügliches Signal, dass das Gröbste überstanden ist.

Bleiben Sie bitte zu Hause, auf Abstand und vor allem gesund!

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


Alle Kolumnen und Gastbeiträge finden Sie in der Rubrik „Meinung“.

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