Spieldesigner und -vermarkter spüren regelmäßig den eisigen Hauch des Kapitalmarkts im Nacken – jüngstes Beispiel: Activision Blizzard.

Fröhlich am Freitag 7/2019: Die wöchentliche Kolumne aus der Chefredaktion

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

„Nie wieder #ActivisionBlizzard!“

Stundenlang entlud sich Mitte dieser Woche die Wut der Spieler in den sozialen Netzwerken. Grund: Videospiele-Weltmarktführer Activision Blizzard setzt 800 Mitarbeiter auf die Straße, also rund acht Prozent der Belegschaft. US-Medien berichten, dass sich darunter auch Beschäftigte befinden, die teils seit Jahrzehnten im Unternehmen tätig waren.

Für den Laien (und mutmaßlich auch die betroffenen Mitarbeiter) wäre der Stellenabbau halbwegs nachvollziehbarer, würde es sich bei Activision Blizzard um einen Sanierungsfall handeln, der tiefrote Zahlen schreibt. Das Gegenteil ist der Fall. Nie zuvor in seiner Geschichte hat das Unternehmen mehr umgesetzt und mehr verdient, doch in Ermangelung von Blockbustern sind die Aussichten für 2019 gedämpft. Deshalb will Activision Blizzard sparen – und leitet „Umstrukturierungsmaßnahmen“ ein. Ziele: erstens Kostensenkung, zweitens Gewinnsteigerung.

Nun sind derlei Vorgänge keine Games-Branchen-exklusive Angelegenheit – man kennt sie von Banken, von Warenhausketten, von Auto- und Maschinenbauern. Steter Druck von Aktionären, Fonds und Analysten hat zur Folge, dass „gut“ selten „gut genug“ ist. Schließlich ist Activision Blizzard kein mittelständischer Familienbetrieb, sondern ein NASDAQ-100-Gorilla mit einer Marktkapitalisierung von 30 Milliarden Euro. Hätte das Unternehmen seinen Sitz in Deutschland, sprächen wir von einem DAX-Konzern, in der Größenordnung von Continental, Münchner Rück oder Deutscher Post.

Der Aktienkurs fungiert in diesem Zusammenhang wie ein Fieberthermometer für das Zutrauen in die Talente des Managements: Wer vor fünf Jahren Activision-Aktien gekauft hat, konnte seinen Einsatz bis Herbst 2018 glatt verfünffachen. Im Vergleich zu diesem Allzeit-Hoch ist die Firma mittlerweile nur noch die Hälfte wert – gerade einmal vier Monate liegen dazwischen.

Trotzdem ist anzunehmen, dass Activision-CEO Bobby Kotick bei allem Endverbraucher-Groll auch künftig prima in den Schlaf finden wird. Denn dass der verspätete Neujahrsvorsatz „Nie wieder #ActivisionBlizzard“ flächendeckend in die Praxis umgesetzt wird, darf als wenig wahrscheinlich gelten. Mitbewerber Electronic Arts ist mehrfach durch solche Phasen gegangen (zuletzt mit „Battlefield 5“) und erlebt mit dem Battle-Royale-Überraschungs-Hit „Apex Legends“ derzeit eine kaum noch für möglich gehaltene Sympathie-Welle.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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