Start Marketing & PR Arcade One abgesagt: Tod auf Raten

Arcade One abgesagt: Tod auf Raten

Glow Media sagt die Arcade One 2017 ab.

Aus der „fettesten Schlacht seit Mittelerde“ wird nichts: Die Arcade One in der Dortmunder Westfalenhalle findet nicht statt. Grund: enttäuschende Resonanz.

Nur wenige Tage vor dem großen Knall zeigte sich Arcade-One-Veranstalter Christoph Post „begeistert, mit der ESL einen weiteren namhaften Partner für die Arcade One“ gewonnen zu haben. Die ESL Frühlingsmeisterschaft mit den eSports-Disziplinen FIFA 17, Counter-Strike GO und League of Legends sei „ein zusätzliches Programmhighlight“ für das Gaming-Festival – mehr noch: eine „Win-Win-Situation für beide Partner“.

Das war am 8. Februar. Kaum eine Woche später, am Vormittag des 17. Februar, wurden alle bereits verpflichteten Show-Acts, Youtuber, Mitarbeiter und Kooperations-Partner vorab informiert, am Nachmittag folgte dann die offizielle Verlautbarung: Die Arcade One findet nicht statt.

Es war ein Tod auf Raten.

Absage der Arcade One: Entsetzen hinter den Kulissen

Die gleichermaßen überraschende wie kurzfristige Entscheidung hat das Team, die Partner und die Branche kalt erwischt. Auch in Dortmund dürfte die Botschaft für mittelschweres Entsetzen gesorgt haben. Noch am 20. Januar hatte Westfalenhallen-Geschäftsführerin Sabine Loos auf einer eigens anberaumten Pressekonferenz zu Protokoll gegeben, dass man mit der Arcade One der ganzen Welt live im Internet zeigen wolle, „dass Events und Messen mit höchsten technischen Ansprüchen in Dortmund hervorragend aufgehoben sind.“

Auch die Dortmunder Wirtschaftsförderung hatte das Projekt von Stunde Null an unterstützt und die Arcade One als „echtes Digital-Event“ gepriesen. Die Veranstalter warben mit einer Reichweite von 100 Millionen Social-Media-Kontakten, vorrangig getrieben durch die eingebundenen Influencer. „Das heißt, dass Dortmund entsprechend oft an diesem Wochenende online besucht werden wird“, so die optimistische Kalkulation von Wirtschaftsförderer Thomas Westphal.

Doch er hatte die Rechnung ohne die Wirtschaft gemacht.

Thomas Westphal (Wirtschaftsförderung Dortmund), Sabine Loos (Westfalenhallen Dortmund) und Mitinitiator Elmar Giglinger bei der Arcade One-Pressekonferenz am 10. Januar 2017.
Thomas Westphal (Wirtschaftsförderung Dortmund), Sabine Loos (Westfalenhallen Dortmund) und Mitinitiator Elmar Giglinger bei der Arcade One-Pressekonferenz am 10. Januar 2017.

Arcade One: Erst Verschiebung, dann Absage

Ursprünglich war die Premiere des Gaming-Festivals bereits für den 5. und 6. November 2016 vorgesehen – Ende September erfolgte kurzfristig die Verschiebung auf den 22. und 23. April 2017. Eine nochmalige Terminverlegung wäre niemandem vermittelbar gewesen.

Das Konzept sah unter anderem Live-Lets Plays, Show-Turniere, Profi-eSport, Talkrunden, Autogrammstunden und Cosplay-Wettbewerbe vor. Neben einer „Main Stage“ planten die Ausrichter einen Retro-Bereich mit Spielautomaten, Fanartikel-Stände und einen Expo-Bereich mit Neuheiten, verteilt auf zwei Hallen.

Die Arcade One auf den Weg gebracht hat die Berliner Glow Media Group, die ihr Geld mit der Vermarktung von Lifestyle-Influencern plus Veranstaltungen wie der Beauty-Messe GlowCon verdient. Mit der Arcade One wollte man das – O-Ton – „Lager der Gaming-Industrie in Angriff nehmen“.

Doch aus dem „Must-Visit für jeden Gaming-Fan“ wird bekanntlich nichts.

Arcade One: 15.000 Besucher, 100 Millionen Social-Media-Kontakte

„Vielleicht waren wir mit unserer Idee einfach zu früh im Markt…“ heißt es resigniert auf der Arcade One-Facebook-Seite. Doch die Gründe für das Scheitern der Arcade One sind vielschichtiger – dass das Image unter der Verschiebung schwer gelitten hat, ist nur eines davon.

Am schleppenden Kartenvorverkauf hat es dem Vernehmen nach jedenfalls nicht alleine gelegen, trotz der stolzen Vorgabe von 15.000 Tickets für beide Festival-Tage. Noch drei Tage vor der Absage sollte die Nachfrage mit einer Zahl-1-Bekomme-2-Valentinstags-Aktion stimuliert werden.

Immerhin hat die Glow Media Group schon recht frühzeitig der Versuchung widerstanden, die Ticket-Struktur der firmeneigenen Beauty-Messe Glowcon zu übernehmen – inklusive preislich gestaffelter Gold- und Platin-Tickets samt „Early Babe Pass“.

So war die Arcade One-Tageskarte für 30 Euro zu haben, 50 Euro wurden für das Wochenend-Karte fällig. Zum Vergleich: Schüler und Studenten zahlten zuletzt für ein Gamescom-Tagesticket maximal 12,50 Euro. Die Kölner Role Play Convention verlangt im Vorverkauf 12 Euro.

Arcade One Tickets: Kein Schnäppchen, aber Blackbox

Social-Media-Stars wie LeFloid trommelten auf ihren Kanälen für die Arcade One.
Social-Media-Stars wie LeFloid trommelten auf ihren Kanälen für die Arcade One.

Wer sich für Spiele interessiert, aber außerhalb von Facebook-, Twitter- und Instagram-Sphären lebt, hatte gute Chancen, bis zum heutigen Tag noch nie etwas von einer Arcade One gehört zu haben.

In der Berliner Zentrale von Glow Media wird man sich daher selbstkritisch fragen, ob es klug war, sich auf Marketing-Seite fast ausschließlich auf die Millionen-Reichweite von gebuchten Youtubern wie LeFloid, Sarazar und PietSmiet zu verlassen, die ihre Anhängerschaft zumindest bis zum Tag der Absage nicht im erforderlichen Ausmaß mobilisieren konnten.

Der Hamburger Youtube-Sender Rocket Beans TV – immerhin „strategischer Partner“ der Veranstaltung – wollte ursprünglich die Sendezentrale nach Dortmund verlegen und dort ein ganzes Wochenende live berichten.

Abseits dieser prominenten Zugpferde blieb bis zuletzt weitgehend unklar, was für den geforderten Tarif ganz konkret auf den angepeilten 13.000 Quadratmetern geboten wird. Auch das mag die Zurückhaltung der Kundschaft erklären.

Arcade One: Festival ohne Headliner

Zu Fall gebracht hat die Arcade One aber letztlich die ausbleibende Unterstützung der Games-Branche. Während die Ausrichter schon frühzeitig ihre Hausaufgaben in der Disziplin „Social-Media-Reichweite“ gemacht haben, sei die Resonanz der großen Publisher und Konsolen-Bauer „enttäuschend“ ausgefallen.

Von Anfang war allen Beteiligten klar: Ohne die enge Einbindung von Microsoft, Nintendo, Sony, Electronic Arts, Activision Blizzard, Bethesda, Square Enix oder Ubisoft ist ein solches Event kaum vorstell- und erst recht nicht finanzierbar. Mangels zugkräftiger Spiele-Neuheiten hätte sich die Veranstaltung angefühlt wie „Rock am Ring“ ohne Metallica, Rammstein, Red Hot Chilli Peppers oder Alice Cooper.

Nach GamesWirtschaft-Informationen haben sich namhafte Spielehersteller wechselseitig „belauert“, wer als Erster in den Ring steigt – um dann bei Bedarf nachzuziehen. Als offizielle Ankündigungen ausblieben und stattdessen die ersten Absagen in der Branche kursierten, haben sich nach und nach potenzielle Aussteller und Sponsoren zurückgezogen.

Zudem war es ein offenes Geheimnis, dass der mächtige Branchenverband BIU ein eher unterentwickeltes Interesse daran hatte, abseits eigener Aktivitäten noch ein externes Konkurrenzprojekt entstehen zu lassen. Der BIU vertritt mehr als 85 Prozent Marktanteil der deutschen Games-Wirtschaft.

Noch am 10. Februar - eine Woche vor der Absage - veröffentlichte das Team den vorläufigen Hallenplan.
Noch am 10. Februar – eine Woche vor der Absage – veröffentlichte das Team den vorläufigen Hallenplan.

Arcade One: Eine Kurzgeschichte ohne Happy-End

Die kurze Historie der Arcade One kennt nicht allzu viele Gewinner – und hinterlässt bei Beteiligten einen Mix aus Ratlosigkeit und Frust.

Natürlich wird die ESL schnell einen neuen Austragungsort für die Meisterschaft festlegen und auch für die Dortmunder Westfalenhalle wird sich eine Anschlussverwendung finden. Dennoch bleibt die bittere Erkenntnis: Nach dem Flop der „Meet & Play“ in Oberhausen – die nur 2.500 der geplanten 4.000 Besucher anzog – ist die Arcade One das zweite Games-Veranstaltungs-Opfer binnen weniger Wochen.

Während sich die hiesigen Business-Konferenzen vermehren wie Grippe-Viren in einem Kinderhort, ist es nicht gelungen, neben der Role Play Convention (27./28. Mai in Köln), dem Tournee-Format „Games For Families“ und der Gamescom (22.-26. August, ebenfalls Köln) ein weiteres Endverbraucher-Event zu etablieren, das die Unterstützung der Branche findet.

Allzu schnell wird sich niemand mehr zu einer überregional relevanten Show in vergleichbarer Größenordnung motivieren lassen.

All jenen, die sich bereits auf die „fetteste Schlacht seit Mittelerde“ gefreut und Tickets für die Arcade One erworben hatten, bleibt nur der schwache Trost, dass der Kaufpreis selbstverständlich erstattet wird. Informationen über die Abwicklung teilt der Ticketdienstleister via E-Mail mit.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here