Die Freizeitpark-Industrie entdeckt den ‚Gamer‘ – umgekehrt gucken sich Gamescom-Aussteller und -Messebauer ab, was in den Theme Parks gut funktioniert.
Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,
offenkundig gibt es eine Art Naturgesetz, das besagt: Je verschlafener das Nest, desto größer der Freizeitpark.
Anders ist nicht zu erklären, dass die üppigsten Anlagen des Landes in Glitzer-Metropolen wie Sierksdorf, Soltau, Bestwig, Meckenbeuren, Schlangenbad, Günzburg, Haßloch oder Rust zu finden sind.
Seit dem vergangenen Wochenende weiß ich nun auch, dass es a) Cleebronn gibt und b) wo es liegt, nämlich knapp 30 Auto-Minuten von Heilbronn entfernt. Bummelig 3.000 Einwohner, malerisch eingebettet zwischen Weinbergen und Apfel-Plantagen.
Cleebronn ist die Heimat des Erlebnisparks Tripsdrill, der demnächst seinen 100. Geburtstag feiert – was ihn zu Deutschlands ältestem Freizeitpark macht. Der Park ist in den 1920er Jahren rund um die sagenumwobene ‚Altweibermühle‘ entstanden, die sich rasch einen Namen als Ausflugsziel machte.

Längst ist Tripsdrill mit allem ausgestattet, was man von einem Freizeitpark erwarten darf – vom Waschzuber-Rafting bis zum Suspended Thrill Coaster. Alles wunderschön angelegt, blitzsauber, mit liebevollen Details und aufmerksamem Bahn-Personal, das schwäbisch-schwätzend jede noch so saubeutelige Zurechtweisung („Ey! Hasch du die Linie net g’sehe?“) charmant erscheinen lässt. Notorische Vordrängler und Unruhestifter werden gern mal rausgefischt und ans Ende der Warteschlange zurückgestuft – da kennt der Schwabe nix.
Die erste positive Überraschung gibt es noch vor dem Betreten des Park: Denn die Parkplätze sind … kostenlos! Gratis! Umsonst! Für umme! Wer regelmäßig in Theme Parks unterwegs ist, weiß: Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der Heide-Park will 14 €, Disneyland Paris nimmt 30 €. Wer sein Fahrzeug in der Nähe des Legoland-Haupteingangs abstellen will, wird 25 € los – ohne auch nur einen Klemmbaustein aus der Nähe gesehen zu haben.
Bei herrlichem Anfang-Mai-Wetter war der Erlebnispark Tripsdrill voll, aber nicht übervoll. Länger als 30 Minuten musste man selten anstehen, ganz ohne Fast-Track-Gewese. Und auch hierfür gilt: keine Selbstverständlichkeit.
Von der Corona-Unwucht haben sich die Parks offenkundig längst erholt. Fast vergessen sind die dramatischen Folgen für die meist mittelständisch geführten Parks durch Lockdowns, Kapazitäts-Beschränkungen, Abstandsregeln, Maskenpflicht. Allein der deutsche Marktführer Europa-Park musste 2020 Einbußen in dreistelliger Millionen-Höhe hinnehmen. Jetzt macht die Branche wieder knapp 2,2 Mrd. € Umsatz. Aus Gründen: Inklusive Tickets, Anfahrt und Verpflegung ist eine mehrköpfige Familie rasch 300 – 400 € los.
Was mit Blick auf die riesigen Flächen, Personaleinsatz, Instandhaltung und Neuentwicklung überrascht: Gut geführte Parks sind eine echte Cashcow. In den Bilanzen der The Walt Disney Corp. standen Offline-Angebote wie Disneyland, Disney World & Co. samt Hotels zuletzt für mehr als 70 Prozent (!) des Ergebnisses.
Mittlerweile sickern immer öfter Games-Themen und -Technologien in Freizeitparks:
- Der Europapark-Ableger Mack Rides baut ganze Storylines für VR-Brillen, die aus gewöhnlichen Achterbahnen virtuelle Welten machen.
- 2025 hat im Universal Orlando Resort in Florida bereits die dritte Super Nintendo World gebaut – inklusive Fahrgeschäften, Toadstool Café und Nintendo-Shops.
- Und im kommenden Jahr eröffnet vor den Toren Londons die Minecraft World im englischen Chessington World of Adventures mit einer Minecraft-Achterbahn und dem weltweit größten Minecraft-Merchandise-Store.
Umgekehrt guckt sich die Spiele-Industrie Vieles von den Freizeitparks ab: Achten Sie beim Gamescom-Besuch gerne mal darauf, mit wieviel Aufwand einzelne Messestände und einzelne ‚Themenbereiche‘ gestaltet sind. Wie 2-Stunden-und-mehr-Warteschlangen inszeniert sind. Wie Walking-Acts und Cosplay ineinander greifen. Wie gezielt social-media-taugliche Fotospots geschaffen werden. Sogar ein Fastpass-System ist seit einigen Jahren serienmäßig am Start. Vorläufiger Höhepunkt: 2024 hat Blizzard einen World of Warcraft-Ride in der Messehalle aufgebaut.
In all diesen Facetten unterscheidet sich die Kölner Videospiele-Messe ziemlich fundamental von gewöhnlichen Publikumsmessen – aber immer weniger von führenden Freizeitparks. Wie sich spätestens bei Eintrittspreisen, Gastronomie-Preisleistung und Parkgebühren zeigt: Allein für den Kfz-Stellplatz auf dem Gamescom-Gelände werden 20 € fällig.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
GamesWirtschaft-Newsletter jetzt kostenlos abonnieren!
Social Media: LinkedIn ● Facebook ● X ● Threads ● Bluesky












