
Anno 117 ist nicht das Beste, was Deutschlands Games-Industrie zu bieten hat – zumindest nach Meinung der Computerspielpreis-Jury. Wir müssen reden.
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
für Preisverleihungen in der deutschen Games-Industrie gilt seit Anbeginn der Zeitrechnung die Lex Anno, die – so erzählt man sich – in einem Marmorsockel im Dom zu Mainz eingraviert sein soll: „Si Anno nominatur, Anno vincit.“ Frei übersetzt: Wenn ein Anno-Spiel für einen Award nominiert ist, gewinnt es auch.
Im Kleingemeißelten heißt es sicherheitshalber: Das gilt auch für den Fall, dass Anno nicht nominiert ist.
So geschah es 2010 bei der zweiten Ausgabe des blutjungen Deutschen Computerspielpreises, als für zwei Sekunden der Worst Case einzutreten drohte. Die durch politischen Druck hochgradig verunsicherte DCP-Jury war sich uneins, ob sie für das ‚Beste Internationale Spiel‘ das USK-18-Rollenspiel Dragon Age oder das USK-16-Action-Abenteuer Uncharted 2 auszeichnen darf. Wie schon Karl Valentin feststellte: Mögen hätten sie schon wollen, aber dürfen haben sie sich nicht getraut. Schließlich handelt es sich um einen Preis, bei dem der Absender – also die Bundesrepublik Deutschland – für saubere Familien-Unterhaltung und Premium-Qualität bürgt.
Also wurde heimlich und klamm in letzter Minute und unter Ausreizung des Reglements bis zur Schmerzgrenze ein Spiel ’nachnominiert‘: Dawn of Discovery. Selbst Gelehrte mussten erstmal googeln – und fanden heraus: Es handelte sich um die internationale Version von Anno 1404 – die am Ende auch gewann. Der Spiegel ätzte: „Deutschland feiert Kinderspiele“ – und es war noch eine der freundlicheren Zuschreibungen.
Im Nachgang schämten sich alle Beteiligten so sehr für diese sehr deutsche und sehr feige Provinz-Posse, dass 2012 das Pendel in die andere Richtung ausschlug: Der Ego-Shooter Crysis 2 setzte sich wider Erwarten gegen Anno 2070 durch. War wieder nicht recht. Die Union schäumte, dass hier ein „Killerspiel“ prämiert worden sei – und empfahl dringend die Neubesetzung der Jury.
Einige Jahre und Regel-Reformen später war dann wieder alles in bester Ordnung: Anno 1800 wurde beim Computerspielpreis 2020 zum Besten deutschen Spiel‘ gekürt. Zu Recht.

Beim DCP 2026, der gestern Abend in München verliehen wurde, war Ähnliches zu erwarten: Für grob geschätzt 9 von 10 Industriellen war es – wie man am Austragungsort sagt – ‚a gmade Wiesn‘ (= geschorene Grasfläche = ausgemachte Sache), dass Anno 117: Pax Romana den Hauptpreis mit nach Hause nimmt. Gebaut vom 100-Mann-/Frau-Studio Ubisoft Mainz, von der Fachpresse freundlich besprochen, technisch ein Sahneschnittchen, kommerziell auf Kurs – und mit 5,7 Mio. € von Deutschlands Steuerzahlern subventioniert.
Stattdessen ging die Königsdisziplin samt 100.000 €-Scheck an das Nazi-Jäger-Indizien-Sammel-Zeugen-Befragungs-Spiel The Darkest Files. Nicht nur den Berlinern Entwicklern von Paintbucket Games stand die Verblüffung ins Gesicht geschrieben. Oder wie es Studio-Chef Jörg Friedrich auf der Bühne formulierte: „Wott se fack?!“
Wer die Entscheidungsfindungs-Dynamik in Jurys und Gremien kennt, ist indes nicht wirklich überrascht über dieses Votum: Am Ende geht der Oscar halt an Oppenheimer und nicht an Barbie – Box Office hin oder her.
Vom ‚Unterlegenen‘ – also aus dem Ubisoft-Lager – war im Nachgang nichts als Wertschätzung für den Erstplatzierten zu hören. Aber die Enttäuschung dürfte schon immens sein, dass die eigene Branche anders als im Vorjahr (als Enshrouded gewann) oder im Vorvorjahr (als Everspace 2 gewann) entweder nicht willens oder nicht in der Lage war, den Production Value und die über die Landesgrenzen hinausreichende Strahlkraft einer Made-in-Germany-Produktion mit zweistelligem Millionen-Budget angemessen zu würdigen.
Anno 117 blieb zumindest die unvermeidbare Auszeichnung für ‚Technologie & Innovation‘ – nun wirklich kein Trostpreis. Der sich aber so anfühlen dürfte.
Eine ähnlich bitter-süße Gefühlslage wird sich auch beim Co-Gastgeber breitmachen: Der Freistaat Bayern hatte eigens die gute Stube – den Herkulessaal der Residenz – zur Verfügung gestellt und fürs Käfer-Catering gesorgt. Es half nichts: Entlang der zweieinhalbstündigen DCP-Gala fand sich keine einzige Disziplin, in der CSU-Ministerpräsident Söder ein Spiel aus regionalem Anbau hätte auszeichnen können.
Das Finale Dahoam geriet damit zur Nullnummer. Das kann nicht der Anspruch am Mia san Mia-Games-Standort sein, der sich erst in dieser Woche mit einer eigenhändig in Auftrag gegebenen Studie bescheinigen ließ, wie mega es in Bayern läuft.
Ausgerechnet der Länderfinanzausgleich-Erzfeind Berlin holte einen Preis nach dem anderen an die Spree: das Double für Paintbucket Games, zwei weitere für Blue Backpack. Auch bei den Nominierungen dominierte die Hauptstadt.
Schlimmer noch: Im kommenden Jahr gastiert der DCP-Zirkus wieder in Berlin. Der jährliche Wechsel zwischen Berlin und München ist zwar seit erst 18 Jahren gelebte Praxis, wird aber trotzdem als politischer Kantersieg verkauft. Digitalminister Fabian Mehring sieht in dieser Entscheidung einen Beleg für die „herausragende Rolle Bayerns als Deutschlands Heimat für Games, E-Sport und XR.“ Das ist ungefähr so, als wenn der Rekordmeister trotz Rekord-Zukäufe das Champions League-Halbfinale vergeigt und sich damit tröstet, sich ja trotzdem für die kommende Saison qualifiziert haben.
Sollte die These zutreffen, dass die „engagierte Digitalpolitik“ Früchte trägt, bleibt die Frage: Warum gewinnen dann trotzdem und vor allem: schon wieder ‚die anderen‘? Und das, wo doch allein der Freistaat 200.000 € in das amtliche Oktoberfest VR-Spiel investiert hat – zuzüglich einer weiteren Mio vom Bund?
Bei aller Katerstimmung: Was den Anno-Machern von Ubisoft Mainz niemand mehr nehmen kann, ist ein gemeinsames Sieger-Foto mit Laudator. Doktor. Markus. Söder. Wenn das nichts ist.
Beim gemeinschaftlichen Auftritt mit CSU-Parteifreundin und Games-Ministerin Dorothee Bär auf dem Blauen Teppich scherzte der Regierungs-Chef, er fühle sich „ein bisschen wie Cindy & Bert“. Für Millennials: Das war ein 70er-Jahre-Schlager-Duo. Größter Hit: Immer wieder sonntags. Im Refrain heißt es: „Immer wieder Sonntags – kommt die Erinnerung. Und da sind die selben Lieder – die wir hörten in der Sonntagnacht – als du mir das Glück gebracht.“
Was auch immer in diesem Fall mit ‚Glück‘ gemeint sein mag: Vielleicht haben Bayerns Studios ja mehr davon im kommenden Jahr. Dann beim Auswärtsspiel in Berlin. Wo doch eigentlich gilt: „Extra Bavariam non est vita“ – ein Computerspielpreis außerhalb Bayerns ist möglich, aber sinnlos.
Allen Nominierten und Gewinnern beim DCP 2026 – insbesondere in den Nachwuchs-Kategorien – ganz herzlichen Glückwunsch!
Ein schönes verlängertes Wochenende und einen grandiosen Start in den Mai wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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