Wer den Deutschen Computerspielpreis leichtfertig aufgibt, verspielt nicht nur die Arbeit eines ganzen Jahrzehnts. Er spielt auch mit den Zukunfts-Chancen der Branche – kommentiert GamesWirtschaft-Chefredakteurin Petra Fröhlich.

Mai 2001, 34. und letzter Spieltag der Bundesliga-Saison: Im Gelsenkirchener Parkstadion liegen sich die weiß-blauen Fans heulend in den Armen – vor Freude. Das Spiel ist abgepfiffen, Schalke 04 gewinnt 5:3 und ist zu diesem Zeitpunkt Deutscher Meister. In Hamburg wird allerdings noch nachgespielt. Indirekter Freistoß für Bayern in der 94. Minute, Andersson trifft, Ausgleich, Bayern holt sich die Meisterschale. Im Gelsenkirchener Parkstadion liegen sich die weiß-blauen Fans heulend in den Armen – vor Frust.

Zu den legendären Momenten dieses Tages gehört Torwart Oliver Kahn, wie er seine Mannschaftskollegen in den allerletzten Minuten mit den Worten „Weiter, immer weiter“ anstachelt – zu einem Zeitpunkt, als die Bayern zurückliegen und wenige Sekunden vor Schluss schon alles verloren scheint.

Deutscher Computerspielpreis: Die Versprechen des Alexander Dobrindt

Ähnlich aussichtslos mutet die Gesamtsituation beim Deutschen Computerspielpreis an. Der Haushaltsausschuss stockt die Mittel nicht auf und verlangt von den Verbänden, beim DCP 2017 mindestens die Hälfte des Preisgelds zu stellen. Der Bundestag hat diesem Votum des Haushaltsausschusses vor einer Woche zugestimmt.

Noch im April hatte sich der zuständige Verkehrsminister Alexander Dobrindt bei der Computerspielpreis-Verleihung in München viel Applaus abgeholt für seine Ankündigung: „Das kann nicht das Ende sein des Aufwuchses. Wir brauchen noch deutlich mehr Unterstützung beim DCP, wir brauchen noch mehr Preisgelder und wir werden uns in unserem Haus dafür einsetzen, dass auch in den nächsten Jahren die Preisgelder weiter anwachsen.“

Youtube vergisst nichts:

Haushalts-Umschichtung: Weniger Computerspiele, mehr Irgendwas-Anderes

Nun könnte man sagen: Versprochen – gebrochen. Doch so einfach ist es nicht.

Dass sich Dobrindts Haus – allen voran CSU-Staatssekretärin Dorothee Bär – mit Nachdruck seit Jahren für den Preis stark macht, findet natürliche Grenzen in den 41 Mitgliedern des mächtigen Haushaltsausschusses.

Denn: Wenn Ministerien wie das BMVI einen Preisgeld-Wunschzettel aufschreiben, bedeutet dies nicht automatisch, dass die frommen Wünsche auch in Erfüllung gehen. Nach GamesWirtschaft-Recherchen wurde die Absenkung des Entwurfs „auf Antrag der Koalitionsfraktionen vom Haushaltsausschuss einvernehmlich empfohlen.“

Die CDU/CSU hat also mit den Stimmen der SPD das eigene Ministerium überstimmt – einvernehmlich.

Die Maßnahme diene der „Deckung von Mehrausgaben an anderer Stelle im Einzelplan“ – so wurde es uns auf Anfrage mitgeteilt.

Kurzum: Es wurde umgeschichtet – weniger Computerspiele, mehr Irgendwas-Anderes.

Um mehrere Millionen Euro erhöht wurden zum Beispiel die Mittel „zur Umsetzung der Strategie automatisiertes und vernetztes Fahren.“ Oder die „Zuschüsse für Aufklärungs- und Erziehungsmaßnahmen zur Bekämpfung der Verkehrsunfälle.“

Der BIU spricht von „Rückschlag“, der GAME von „Enttäuschung“. Man darf davon ausgehen, dass beide Formulierungen mit der geballten Faust in der Tasche vorgenommen wurden. Denn für die Verbände wird das Projekt Computerspielpreis nun deutlich teurer, möglicherweise in einem unfinanzierbaren Maße.

Bei Käffchen und Mürbegebäck im Kanzleramt

Nun bin ich seit acht Jahren ehrenamtliches Jury-Mitglied beim Computerspielpreis – quasi ab Stunde Null, als der damalige Kulturbeauftragte Bernd Neumann im Februar 2009 bei Mürbegebäck und Käffchen im Kanzleramt die konstituierende Jury-Sitzung einläutete.

Ich bin dabei geblieben, als die Jury ein ums andere Mal vor vollendete Tatsachen gestellt wurde. Als im zweiten Jahr harmlose 16er-Spiele wie Uncharted 2 in einer erbärmlichen Art und Weise ausgebootet wurden. Als der Preis vom Kultusministerium ans Verkehrsministerium ausgelagert wurde, über die Köpfe der Verbände hinweg. Als die vielbeachtete Entscheidung pro Crysis 2 CDU-interne Beben ausgelöst hat, inklusive öffentlicher Distanzierung und Forderung nach einem Austausch der Jury. Als die Kollegen Peschke und Klinge vor zwei Jahren ihr Amt niedergelegt haben, weil sie einen (inzwischen gelösten) oberfaulen Kompromiss nicht mittragen wollten.

Jedes Mal nach reiflicher Überlegung.

Rückblickend lautet mein Resümee: All die Debatten, all der Streit, all die Polemik, all die Brandbriefe, all die Telefonate, all das war nicht umsonst. Seit der letzten großen Flurbereinigung zum 1. Januar 2015 hat der DCP akzeptable Regelungen, die auch beim DCP 2017 zum Einsatz kommen – dann allerdings voraussichtlich mit geringerem Preisgeld als 2016.

Diese Vereinbarung mit dem Verkehrsministerium endet allerdings im Oktober 2017 – eine Verlängerung muss also relativ zügig eingetütet werden, möglichst vor der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs.

Bedeutung und Symbolkraft des DCP werden unterschätzt

Selten war das Risiko höher, dass der Computerspielpreis vor die Hunde geht. Und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil ihm von der Politik übel mitgespielt wird oder weil das DCP-Image spektakulär schlecht ist. Sondern deshalb, weil sich die Mitglieder der beiden Verbände unter Umständen das Preisgeld nicht mehr leisten wollen – oder können.

Viele sagen nun: „Na und?“

Ich sage: Die Bedeutung und Symbolkraft des DCP wird in schlimmem Maße unterschätzt.

Insbesondere wird im Eifer des Gefechts rasend schnell vergessen, welche immensen Fortschritte der Preis in den wenigen Jahren seines Bestehens gemacht hat – im Regelwerk, in der Jury-Arbeit, in der Entscheidungsfindung, die entgegen aller Unkenrufe (inzwischen) nach bestem Wissen und Gewissen vonstatten geht.

Wenn es bei anderen Staatspreisen wie dem Deutschen Filmpreis augenscheinlich ein bisschen runder läuft, könnte dies auch damit zu tun haben, dass dieser Preis seit 65 Jahren verliehen wird.

Falls die Verhandlungen platzen, dann war nicht nur der windmühlenhafte Kulturkampf der letzten Jahre vergebens. Dann bricht die deutsche Games-Branche auch mühsam aufgebaute Brücken in die Ministerien ab – und kann zum Beispiel all die Ideen zur Stärkung des Standorts durch den Shredder jagen.

Von Jugendmedienstaatsverträgen über Steuererleichterungen und Gemeinschaftsstände bis hin zur freiwilligen Selbstkontrolle und zur weltgrößten Computerspielmesse – all das geht nur mit der Politik, keinesfalls gegen sie.

Daher: Das Ringen um den DCP lohnt sich, selbst mit zusammengebissenen Zähnen. Mehr denn je. Deshalb habe ich – in Kenntnis der aktuellen Unwucht – Anfang dieser Woche für eine weitere Jury-Saison zugesagt.

Weiter, immer weiter.

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