Start Wirtschaft Activision Blizzard: Rücktritt von Blizzard-Chef J. Allen Brack (Update)

Activision Blizzard: Rücktritt von Blizzard-Chef J. Allen Brack (Update)

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Activision Blizzard sieht sich einer Klage einer kalifornischen Behörde gegenüber. Der Vorwurf: Diskriminierung und sexuelle Belästigung.

Update vom 3. August 2021 (14:25 Uhr): Activision Blizzard hat einen Führungswechsel an der Spitze von Blizzard Entertainment bekannt gegeben: Nach fast drei Jahren an der Spitze des Spieleherstellers (World of Warcraft, Diablo, Overwatch) gibt J. Allen Brack den Posten als Präsident ab, um – so wörtlich – „neue Herausforderungen“ anzugehen. Brack folgte im Oktober 2018 auf Co-Gründer Mike Morhaine.

Die Leitung der Sparte übernimmt ein Duo: Jen Oneal (bisherige Executive Vice President of Development bei Blizzard) und Mike Ybarra (bisher Executive Vice President & General Manager of Platform and Technology bei Blizzard). Oneal ist seit 18 Jahren für das Unternehmen tätig.

Im Zuge der Missbrauchs-Affäre war J. Allen Brack unter massiven Druck geraten. Eine kalifornische Behörde hat Klage eingereicht, um den Konzern zur Kooperation mit Blick auf mehrere Fälle von Belästigung und Diskriminierung zu zwingen.

Die Bekanntgabe der Personalie erfolgt nur wenige Stunden vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen von Activision Blizzard. Der Aktienkurs befindet sich seit mehreren Tagen im freien Fall und notiert derzeit auf dem niedrigsten Stand seit Anfang 2021.

Mit der Unternehmenskultur bei Activision Blizzard und anderen Publishern beschäftigt sich auch die aktuelle Freitags-Kolumne.

Activision Blizzard: Bobby Kotick reagiert (Update)

Update vom 28. Juli 2021 (10:30 Uhr): Nach mehreren Tagen lauten Schweigens hat sich Activision-Blizzard-Chef Bobby Kotick mit einem Brief an die Belegschaft gewandt. Das Schreiben wurde auch über die Investor-Relations-Kanäle des börsennotierten Spieleherstellers verbreitet, nachdem der Aktienkurs in dieser Woche rund 10 Prozent eingebüßt hatte.

Darin räumt der CEO ein, dass die ursprüngliche Reaktion auf die Vorwürfe „unsensibel“ ausgefallen seien: „Es tut mir leid, dass wir nicht die angemessene Empathie und Verständnis gezeigt haben.“

Kotick verspricht schnelle und umfassende Reaktionen: Im Unternehmen dürfe es weder Diskriminierung noch Belästigung oder ungerechte Behandlung jedweder Art geben. Eine externe Kanzlei soll bei der Überprüfung von Strukturen und Richtlinien helfen. Jeder Fall solle umfassend aufgeklärt werden.

Außerdem würden Führungskräfte quer durch die Firma unter die Lupe genommen – etwaiges Fehlverhalten werde identifiziert und abgestellt. Auch die Einstellungsprozesse sollen überprüft und verbessert werden, damit Bewerber aller gesellschaftlicher Gruppen berücksichtigt werden.

Überraschend: Kotick reagiert auf Beschwerden seitens Belegschaft und Spielern mit Blick auf „unangemessene“ Ingame-Inhalte. Diese Inhalte würden entfernt. Welche Spiele genau gemeint sind, verrät der Brief nicht.

An der Börse legt die Activision-Blizzard-Aktie an diesem Morgen um knapp 3 Prozent zu.

Update vom 27. Juli 2021 (19:15 Uhr): In unmittelbarer Nähe des Blizzard-Campus im kalifornischen Irvine soll es am morgigen Mittwoch ab 19 Uhr deutscher Zeit zu einem Protestmarsch („Activision Blizzard Walkout for Equality“) kommen: Die Angestellten protestieren gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Reaktion des US-Spielekonzerns auf die Klage der Gleichstellungs-Behörde sowie Erfahrungsberichte betroffener Mitarbeiterinnen.

Zudem fordert die Belegschaft vom Top-Management bessere Arbeitsbedingungen für Frauen sowie ‚marginalisierte Gruppen‘, mehr Transparenz bei Beförderungen und Gehältern und das Hinzuziehen von externem Sachverstand bei der Umsetzung von Maßnahmen. Komplett abgeschafft werden soll der sogenannte „Arbitration Clause“ in Arbeitsverträgen, der Angestellte verpflichtet, etwaige Verstöße außergerichtlich zu klären – was nach Ansicht der Mitarbeiter die Täter schützt und gleichzeitig die Opfer schwächt.

Angestellte, die nicht vor Ort teilnehmen können, wurden aufgerufen, im betreffenden Zeitraum die Arbeit niederzulegen und ihre Solidarität via Social Media mit dem Hashtag #ActiBlizzWalkout zu bekunden.

Update vom 27. Juli 2021 (16 Uhr): Laut CNN hat sich die Zahl der Petitions-Unterstützer bereits auf über 2.000 Mitarbeiter erhöht – mehr als jeder fünfte Angestellte befürwortet also die Forderungen des Offenen Briefs an die Führungsetage von Activision Blizzard.

Update vom 27. Juli 2021 (7 Uhr): Laut übereinstimmender Berichte von US-Medien haben mittlerweile mehr als 1.500 der rund 9.500 Mitarbeiter von Activision Blizzard einen Offenen Brief unterschrieben. Die Unterzeichner empfinden die Reaktion des Konzerns auf die jüngsten Missbrauchs-Vorwürfe und die daraus resultierende Klage einer kalifornischen Behörde als – so wörtlich – „abscheulich und beleidigend“.

Dies gelte insbesondere für die öffentlich gewordene Belegschafts-Mail von Chief Compliance Officer Fran Townsend, die als verharmlosend und beschwichtigend wahrgenommen wurde.

Weiter heißt es: „Um es klar und unmissverständlich auszudrücken: Die Werte, für die wir als Angestellte stehen, werden durch die Worte und Taten unserer leitenden Angestellten nicht abgebildet“. Die Stellungnahmen hätten großen Schaden innerhalb und außerhalb der Games-Industrie angerichtet – es sei der Eindruck entstanden, dass man den Opfern nicht glaube. Zudem gebe es erhebliche Zweifel, ob das Unternehmen die Täter überhaupt zur Rechenschaft ziehen und zur Aufklärung beitragen wolle.

Die Unterzeichner fordern das Management auf, die Ernsthaftigkeit der Anschuldigungen zu prüfen und Mitgefühl für jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzubringen, die Opfer von Belästigung und Missbrauch geworden sind. Abschließend heißt es: „Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen, wir werden nicht länger zuschauen und wir werden nicht eher aufgeben, bis die Firma, die wir lieben, wieder zu einem Arbeitsplatz wird, auf den wir stolz sein können.“

Update vom 26. Juli 2021: Mehrere amtierende und ehemalige Führungskräfte aus dem Top-Management von Activision Blizzard haben sich per E-Mail an die Belegschaft gewandt.

  • Blizzard-President J. Allen Brack beschreibt die Vorwürfe als „extrem beunruhigend“ und kündigt umfassende Aufklärung an – insbesondere wolle die Unternehmensführung den Dialog mit betroffenen Mitarbeitern führen.
  • Blizzard-Gründer Mike Morhaine nannte die Anschuldigungen ‚verstörend‘: „Es fühlt sich so an, als ob all das, wofür ich dachte zu stehen, weggewischt worden wäre.“ In seiner 28jährigen Tätigkeit für das Unternehmen habe er sich bemüht, ein sicheres Umfeld für Menschen mit jedwedem Hintergrund zu gewährleisten. Gegenüber den Betroffenen teilt Morhaine mit: „Ich höre euch, ich glaube ich – und es tut mir so leid, dass ich euch im Stich gelassen habe.“
  • In eine ähnliche Richtung geht die Stellungnahme von Chris Metzen, langjähriger Vice President of Creative Development: „Wir sind gescheitert – und es tut mir leid.“
  • Als nicht hilfreich empfunden wird indes eine verharmlosende und beschwichtigende E-Mail von Fran Townsend, einstige Heimatschutz-Beraterin unter US-Präsident George W. Bush: Seit März 2021 bekleidet sie die Rolle der Vice President of Corporate Affairs und Chief Compliance Officer. In ihrem Schreiben betont sie, die Klage zeichne ein falsches und veraltetes Bild des Unternehmens – die Vorfälle lägen mehr als ein Jahrzehnt zurück.

Bemerkenswert: Seit dem ersten Auftreten der Missbrauchs-Vorwürfe sind die Social-Media-Kanäle von Activision Blizzard vorübergehend stillgelegt. Die letzten Twitter- und Facebook-Postings (etwa bei Overwatch oder Diablo) datieren vom 21. Juli 2021 oder früher.

Activision Blizzard: Kalifornische Behörde klagt wegen Missbrauchsvorwürfen (Update)

Meldung vom 22. Juli 2021: Die Games-Industrie kommt nicht zur Ruhe: Ubisoft kämpft immer noch mit der Aufklärung und Bewältigung mehrerer Missbrauchs-Skandale – jetzt klagt eine kalifornische Bundesbehörde gegen Activision Blizzard, da es zu ungleicher Bezahlung bei gleichzeitig anhaltender Diskriminierung und sexueller Belästigung von Mitarbeiterinnen gekommen sein soll.

Gleichzeitig seien alle Top-Positionen in den Studios seit jeher mit weißen Männern besetzt worden – nur wenige Frauen hätten es ins Top-Management geschafft. Auch bei Boni und Aufstiegs-Chancen gäbe es massive Unterschiede (Klageschrift als PDF). Die Arbeitskultur wird wörtlich mit einer „Studentenverbindung“ verglichen – so werde dem Alkohol regelmäßig zugesprochen, in Tateinheit mit sexistischen Bemerkungen über Kolleginnen. Gleichzeitig seien Beschwerden nicht ernst genommen worden.

Kläger ist das California Department of Fair Employment and Housing (DFEH), das Bürger vor Diskriminierung am Arbeitsplatz schützen und für gleichwertige Arbeitsbedingungen sorgen soll. Nach zweijährigen Ermittlungen samt Schlichtungsverfahren sieht sich das DFEH außerstande, die Vorwürfe ohne Mithilfe der Justiz zu klären. Ziel der Klage: erstens Activision Blizzard zur Zusammenarbeit mit der Behörde zu zwingen und zweitens Schadenersatz für die betroffenen Mitarbeiter zu erwirken.

In einer ersten Stellungnahme gegenüber dem US-Portal Kotaku reagiert der Spielekonzern ausgesprochen gereizt, um nicht zu sagen: pampig. Vokabeln wie „unprofessionell“, „Schande“ und „respektlos“ finden sich in dem Text. An einer Stelle heißt es: „Es ist diese Art von unverantwortlichem Verhalten seitens nicht rechenschaftspflichtiger Staatsbürokraten, die viele der besten Unternehmen des Staates aus Kalifornien vertreiben.“

Die Verteidigungslinie von Activision Blizzard: Das Bild, das die DFEH in der Klageschrift zeichne, stimme nicht mit dem überein, wofür das Unternehmen mittlerweile stehe. So seien tiefgreifende Änderungen vorgenommen worden, um die Diversität innerhalb der Belegschaft zu erhöhen. Zudem bemühe man sich um faire und ausgewogene Bezahlung bei vergleichbarer Arbeitsleistung. Außerdem sei eine Hotline eingerichtet worden, wo Fälle von Belästigung anonym gemeldet werden könnten.

Activision Blizzard mit Sitz in Santa Monica ist einer der größten Spielehersteller der Welt. Bekannteste Marken: Call of Duty, World of Warcraft, Candy Crush Saga, Overwatch, Diablo, Crash Bandicoot, Tony Hawk’s Pro Skater, StarCraft und viele weitere.

In Deutschland ist Activision Blizzard nur noch über das Berliner Studio King.com (arbeitet an Candy Crush Saga) vertreten. Alle europäischen Publishing-Aktivitäten sollen im englischen Windsor zusammengezogen werden – die Niederlassung in Ismaning bei München steht nach Medienberichten vor dem Aus. Den Vertrieb der Produkte im Handel übernimmt Koch Media.