Rockstar Games und Netflix kapern die Gamescom-Woche mit einem ‚Ausführlichen Blick‘ auf GTA 6. Wie frech ist das denn bitte?
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
am Abend des 27. August um 21 Uhr deutscher Zeit wird etwas passieren, was zuletzt am 19. Juli zur gleichen Uhrzeit vorgekommen ist – dem Tag des Fußball-WM-Endspiels in New Jersey. Rund um den Globus werden sich Abermillionen Menschen in ganz unterschiedlichen Zeitzonen im exakt selben Moment vor dem Fernseher versammeln und ins Bildschirm-Lagerfeuer starren.
Anlass diesmal: ein „Ausführlicher Blick“ auf etwas, was bis dato noch niemand gesehen hat. Nämlich: Spielszenen aus Grand. Theft. Auto. VI. Vorbestellbar seit Ende Juni – spielbar ab Mitte November.
Das GTA 6-Special soll rund 20 Minuten dauern und wird zunächst exklusiv bei Netflix laufen, sechs Stunden später dann frei empfangbar beim YouTube – und dazwischen vermutlich auf allen nur vorstellbaren Digital-Kanälen, wo jede Möwen-Schwanzfeder einzeln seziert wird.
Das ist nicht übertrieben: Die Robert Langdons unter den Ober-Nerds haben rausgefunden, dass sich auf dem Netflix-Ankündigungs-Artwork exakt sechs (!) Möwen, sechs (!) Stromleitungen und sechs (!) Palmen befinden, während die Protagonistin sechs (!) Finger ausstreckt. Wenn man’s erstmal weiß, kann man es nie wieder nicht sehen – wie bei da Vincis Abendmahl.

Wer den Job noch nicht allzu lange macht oder sein Marketer-Know-How hauptberuflich auf dem Markt feilbietet, erkennt im Netflix-Rockstar-Deal nicht weniger als eine popkulturelle Zeitenwende, einen FOMO-Tsunami, ein Naturereignis: Denn zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte wird sich der Rockstar-Mond für wenige Minuten vor die Netflix-Sonne schieben. Wer mitreden will, muss zahlen.
Breaking News: An dieser Sternen-Konstellation ist exakt nichts neu – abgesehen vom Ausspielkanal.
Die Älteren unter uns erinnern sich: Beim GTA 6-Vorgänger Grand Theft Auto 5 (dessen Ankündigung jetzt auch schon wieder anderthalb Jahrzehnte her ist) gab es erste Screenshots und detaillierte Infos auf 18 Seiten world-exclusive im US-Fachblatt Game Informer – damals das Netflix unter den Spielezeitschriften. Das Entwicklerstudio Rockstar Games verbreitete die frohe Botschaft via Pressemitteilung.
Das war im November 2012 – im September 2013 ist das Spiel dann nach der traditionellen Verschiebung endlich erschienen. Seitdem hat sich das Action-Abenteuer entlang von drei Konsolen-Generationen einige hundert Millionen Mal verkauft. Im Juli 2026 war GTA 6 immer noch Top 3 der Games-Charts in Deutschland. Wie ‚Last Christmas‘, nur halt 365 Tage im Jahr.
Eine Ausgabe des Game Informer kostete dereinst 4,99 $. Der günstigste Netflix-Tarif liegt derzeit bei 4,99 € – in den USA sind es 8,99 $. Wer kein Netflix hat, hackt seinen Ihr-könnt-mich-mal-Groll in die Kommentarspalten – und/oder schließt heimlich ein 0-€-Test-Abo ab, um es zur Not Ende August wieder stumpf zu kündigen.

Was die Causa Netflix feat. Rockstar tatsächlich anders und besonders und neu macht, ist erstens die globale Gleichzeitigzeit und natürlich die brutale Reichweite. Die Frage ist nur: Welcher Hund wedelt mit welchem Schwanz? Die GTA-Franchise liegt bei 465 Millionen Einheiten, davon 230 Millionen GTA 5 – Netflix meldet 325 Millionen Kunden. Würde sagen: Augenhöhe.
Ich hab inzwischen überzeugende Argumente gesehen, warum der eine dem jeweils anderen eine Rechnung stellen sollte – und das exakte Gegenteil. Vermutlich stimmt nichts davon. Der Deal zahlt auf beider Konten ein.
Wenn man es auf die Basics herunterbricht, dann findet eine 20minütige Dauerwerbesendung hinter einer vergleichsweise niedrigen Paywall statt.
Wer als Verbraucher derart schlecht getarnte Produktwerbung kategorisch ablehnt, sollte spätestens jetzt kritisch hinterfragen, warum er sich unterjährig 90minütige Showcases reinzieht oder demnächst bis zu 41 € fürs Gamescom-Tagesticket und zwei, drei, vier Stunden Wartezeit in Kauf nimmt, um zehn Minuten in Videospiele reinzuspielen, die eine Woche später erscheinen.
In keinem Fall taugt der Vorgang zur Zeitenwende (so viele GTAs gibt’s ja nicht) oder gar zum Skandal. Es ist Content – genauer: interessanter, begehrenswerter Content. Genauso wie Superbowl-Werbespots, Kaulitz & Kaulitz, Erling-Haaland-Postings oder eben die Vermählung der Eheleute Taylor und Kelce. Ich wurde weder eingeladen noch eingeweiht, würde aber drauf tippen, dass die Fotostrecke aus dem Madison Square Garden irgendwann in der (kostenpflichtigen) Vogue oder im (kostenpflichtigen) Time Magazine aufschlagen wird – die ‚Doku‘ dann beim (kostenpflichtigen) Disney+ oder einem anderen meistbietenden Sender.
In der hibbeligen Debatte zu Unrecht etwas unter geht meines Erachtens das wilde Timing der Erstausstrahlung: Netflix und Rockstar Games hätten sich für einen x-beliebigen Tag im Juli, August oder September entscheiden können. Doch ihre Wahl fiel ausgerechnet auf die Gamescom-Woche, genauer: auf Donnerstag, den 27. August. Was für ein schöner Zufall.
Noch perfider wäre nur der Gamescom-Dienstag gewesen, also der 25. August – was so etwas wie einem atomaren Erstschlag auf die Gamescom-Eröffnungs-Show Opening Night Live (ONL) entsprochen hätte, weil dann die 5.000+ Zuschauer vor Ort zuzüglich dem kompletten Netz während der laufenden Live-Sendung nur noch über ein Spiel hyperventilieren würden – das in Köln überhaupt nicht statt findet. Weder Netflix noch Take-Two sind diesmal vor Ort, Rockstar sowieso nicht.
Das wäre dann eine Guerilla-Marketing-Masterclass geworden. Denn wer in besagter Gamescom-Show gewürdigt werden möchte, wird ordentlich zur Kasse gebeten – als Aussteller oder Sponsor. So will es das Gesetz. Eigentlich.
Wobei: Dem ONL-Produzenten Geoff Keighley würde ich ja glatt ein ‚one more thing‘ zutrauen. Nicht, dass wieder ein Flitzer ran muss.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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