Start Meinung Fortnite-Aderlass: Den Schuss nicht gehört (Fröhlich am Freitag)

Fortnite-Aderlass: Den Schuss nicht gehört (Fröhlich am Freitag)

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Fortnite bleibt eines der erfolgreichsten Online-Games des Planeten - wird von Epic Games künftig aber mit erheblich weniger Personal betrieben.
Fortnite bleibt eines der erfolgreichsten Online-Games des Planeten - wird von Epic Games künftig aber mit erheblich weniger Personal betrieben.

Der jüngste Kahlschlag beim Fortnite-Hersteller Epic Games wirft ein weiteres Schlaglicht auf ein buchstäblich undankbares Business.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

die Tür war noch nicht richtig ins Schloss gefallen, da postete der Mann, der sich nach mehrjähriger, augenscheinlich glücklicher Ehe soeben Knall auf Fall von der Gattin getrennt hatte, schon eine frohe Botschaft an potenzielle Nachfolger: Weit und breit sei schlichtweg keine bessere Frau zu finden. Isso. Schließlich würde er ja nur die Besten der Besten daten.

So in etwa muss man sich den PR-Stunt vorstellen, den Epic Games in dieser Woche abgeliefert hat: Die Ankündigung, dass 1.000 von weltweit 5.000 Angestellten des Fortnite-Produzenten Epic Games entlassen werden, verknüpfte CEO Tim Sweeney mit der Ansage, dass sich künftige Arbeitgeber schon mal auf „Once-in-a-lifetime-quality-folks“ freuen dürften. Die soeben Freigestellten gehörten zur Elite ihrer Profession. Wenn das nichts ist.

Im Englischen gibt es für solche Her- und Überleitungen die schönen Vokabeln ‚Tone Deaf‘ und ‚Out of Touch‘ – frei übersetzt: Jemand hat den Schuss nicht gehört. Entsprechend harsch fielen die Reaktionen im Netz aus.

Den Betroffenen mag es Trost spenden beim Ausräumen der Schreibtische, dass die Entscheidung nicht im Zusammenhang mit dem Vormarsch Künstlicher Intelligenz steht. Das müsse man ja neuerdings extra betonen, schreibt Sweeney. Zumindest mit dieser Einschätzung liegt der Multimilliardär nicht ganz falsch, denn mittlerweile gilt es als geradezu schick, aus KI-Projekten regelrechte Public-Relations-Coups zu stricken. Das trifft auf marktführende Spielehersteller zu, aber natürlich auf ungefähr alle kreativen Branchen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Erst heute morgen flatterte eine Pressemitteilung der RTL-Gruppe ins Postfach, deren Hauptquartier sich vis-à-vis vom Kölner Gamescom-Gelände befindet und wo kurz vor Weihnachten öffentlich wurde, dass 600 der 6.000 Jobs entfallen.

Der Sender will sich dringend zum „führenden Agentic AI Medienhaus“ im deutschsprachigen Raum entwickeln. Dass die Werbepausen-Warentrenner bereits ab Ostern vollständig von KI generiert werden, mag man noch mit ‚So what?‘-Achselzucken quittieren.

Es wird Sie vielmehr interessieren, dass Ihre Lieblings-Daily Soaps wie Gute Zeiten – Schlechte Zeiten, Unter uns und Alles was zählt zunehmend mit „virtuell erweiterten Hintergründen“ aufgewertet werden. Und aus fertig produzierten Folgen des Straßenfegers Ulrich Wetzel: Das Strafgericht entstehen durch veränderte Dramaturgie, neue Darsteller und alternative Urteile (!) sogar komplett neue Episoden. What a time to be alive.

Offiziell verfolgt RTL das Ziel, „Qualität, Innovationskraft und den kreativen Fokus unserer Teams nachhaltig zu stärken.“ Mit etwas Pech entstehen dadurch aber auch Inhalte für ein Publikum, das schon seit Längerem nichts mehr fühlt.

Epic Games begründet den personellen Kahlschlag übrigens damit, dass es bei Fortnite nicht mehr so dolle läuft. Der Battle-Royale-Pionier verursacht höhere Kosten als er einspielt, sagt Sweeney. Das muss man glauben, denn als nicht-börsennotierter Konzern ist Epic Games Inc. niemandem publizierpflichtige Rechenschaft schuldig. Gleichwohl spüren auch die Kunden die Tiefausläufer im Geldbeutel: Denn die Wechselkurse für die Spielwährung V-Bucks haben sich erst vor wenigen Tagen verschlechtert. Fürs gleiche Geld gibt es weniger Stoff – Sie werden das von der Tankstelle kennen.

Sweeneys Blog-Eintrag nimmt außerdem Bezug auf den Umstand, dass sich seine Firma jahrelang an einer immens teuren Proxy-Schlacht mit Google und Apple abgearbeitet hat. Die Fortnite-Macher empfanden die AppStore-Provisionen als ungerechtfertigt hoch und wollten eigene In-Game-Shops eröffnen. Mit der Folge, dass Fortnite dauerhaft aus der Auslage flog.

Epic konnte sich zwar in Teilen durchsetzen. Doch im Ergebnis handelt es sich um einen Pyrrhus-Sieg, der im ersten Schritt die beauftragten Kanzleien reich machte. Unterdessen hat Fortnite mehrere Generationen an potenziellen Kunden verpasst, die sich notgedrungen anderen Mobilegames und Plattformen wie Roblox zuwandten.

Das war vor einigen Jahren noch anders: Fortnite war das Ding unter Heranwachsenden. Ich kann mich noch lebhaft an turbulente Info-Abende an hiesigen Gymnasien erinnern, wo Pädagogen den besorgten Eltern™ schlaue Tipps auf den Weg gaben, wie sich ausuferndes Fortnite-Zocken eindämmen ließe. Nicht wenige Erziehungsberechtigte im pickepackevoll besetzten Auditorium ließen keine Zweifel, dass sie die Nummer mit der Medienkompetenz und der Setzt-euch-doch-einfach-mal-dazu-Beschäftigung am liebsten überspringen würden – um nahtlos zum Kappen der WLAN-Verbindung überzugehen.

Den Social-Media-Postings nach zu urteilen fühlt es sich für die betroffenen Epic-Mitarbeiter quer durch alle Gehaltsklassen genau so an: als habe man den Stecker gezogen. Herzblut, Überstunden, maximale Identifikation mit dem Arbeitgeber – am Ende alles irrelevant, wenn ‚die da oben‘ erstmal die Entscheidung getroffen haben, dass 10, 15, 20 Prozent des Personals dem Arbeitsmarkt zugeführt werden sollen.

Auch gigantische Charts-Erfolge bieten im Übrigen keinen Kündigungsschutz, wie jüngst das Beispiel Battlefield 6 zeigte: Kaum hatte das Spiel mehrere Allzeit-Rekorde aufgestellt, sprach Electronic Arts Kündigungen aus – in Kalifornien, Schweden, Kanada und im Vereinigten Königreich. Sobald Grand Theft Auto 6 vom Hof ist, dürften wir derlei Effekte auch bei Rockstar Games erleben. So wie ich diese liebenswerte Branche kenne, ist dies vermutlich keine allzu kühne Prognose.

Man kann nur die Daumen drücken, dass das geschasste Epic-Premium-Personal bis dahin anderweitig unterkommt (oder gründet) – und nicht etwa in andere Industrien abwandert.

Ein schönes Wochenende – trotz allem – wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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