Einfach mal die Kirche im Dorf lassen – das kostet im Sport1-Doppelpass drei Euro. Und in der freien Wirtschaft regelmäßig Marktanteile und Jobs.
Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,
es war förmlich zu spüren, wie es in ihm gärte. Und dann platzte es aus Matthias Müller heraus. Man müsse doch mal bitte die Kirche im Dorf lassen, dozierte der VW-Boss anno 2017 auf einer Podiumsdiskussion, als er auf diesen … diesen … Emporkömmling Tesla zu sprechen kam. „Es gibt Unternehmen, die verkaufen mit Mühe 80.000 Autos im Jahr – Volkswagen 11 Millionen.“ Den hiesigen Auto-Lobbyisten Matthias Wissmann hielt es vor Vergnügen ob dieses kühnen Hiebs kaum auf dem Sessel.
Zehn Jahre zuvor hatte sich Microsoft-CEO Steve Ballmer in einem TV-Interview dazu hinreißen lassen, Apple-Chef Jobs einzuschulen, der Anfang 2007 das iPhone angekündigt hatte: „Das ist das teuerste Telefon der Welt und für Business-Kunden ungeeignet.“
Nur sechs Monate nach seiner breitbeinigen Ansage wurde Müller an der VW-Spitze abgelöst. Ballmer konnte von seinem Chefsessel aus front of stage beobachten, wie Apple im Sommer 2011 zum wertvollsten Konzern der Welt aufstieg.

Die dazugehörigen Videos sind inzwischen echte Klassiker – und ähnlich schlecht gealtert wie Frischmilch im Hochsommer.
Beide Szenen kamen mir am Wochenende in den Sinn, als ich die Netz-Reaktionen auf ein Zweieinhalb-Minuten-Video zu Googles Project Genie durchscrollte. Ich kann’s nicht beschwören, aber ich hatte gelegentlich das Gefühl, zwischen den Kommentar-Zeilen leises VW-Boss-Gackern wahrzunehmen.
Project Genie ist ein KI-Tool, mit dem sich interaktive Welten prompten lassen – ganz ähnlich, wie man es von ChatGPT & Co. kennt. Wollte man das selbe Ergebnis auf herkömmlichem Wege erzeugen, bräuchte es mindestens Unity-/Unreal-Grundkenntnisse, eine gut gefüllte Asset-Bibliothek und eine Menge Zeit, um alleine das Grafikdesign auszuarbeiten.
Das, was Genie auswirft, sind keine ‚Games‘. Natürlich nicht. Aber wenn wir uns für einen kurzen Moment vergegenwärtigen, was KI-Anwendungen vor zwei Jahren konnten und was sie heute können und was sie womöglich 2028 können werden, dann braucht es nicht viel Fantasie, um sich Implikationen auszumalen.
Die Börse hat das jedenfalls schon mal getan. Dort sind die Aktien von Unity, Take-Two und Roblox zweistellig abgestürzt – Milliarden-Bewertungen lösten sich in Luft auf.
Nun besteht freilich eine hinreichende Wahrscheinlichkeit, dass Investmentbänker ungefähr so viel Ahnung vom Spiele-Business haben wie ich vom Automobilbau. Doch wenn ich Wehklagen und Zahlenwerk der Pkw-Industrie richtig deute, dann geht das Gewerbe durch eine sehr, sehr harte Zeit. Margen kollabieren, die Nachfrage schwindet, Werke werden geschlossen, Leute verlieren gutdotierte Jobs.
Ein Teil dieser Unwucht mag sich durch Trump-Launen erklären, aber eben auch dadurch, dass weite Teile des Geschäftsmodells weggebrochen sind oder perspektivisch wegzubrechen drohen. Gerade mittelständische Zulieferer leiden darunter, dass so ein E-Auto ungleich weniger komplex ist als ein Verbrenner. Ganze Baugruppen fallen weg – Ölpumpe, Zündkerzen, Zylinderköpfe, Katalysator, Kraftstoff-System, Einspritzanlagen, Kupplung, alles obsolet.
Nachgelagert gilt dies auch für Wartung und Ersatz dieser Komponenten, die sich Werksniederlassungen fürstlich bezahlen lassen. Man staunt nur noch, welche Tarife für ‚Öl vom Fass‘ aufgerufen werden. Der Rechnungsbetrag lässt vermuten, dass mit „Scheckheft-gepflegt“ in erster Linie das Scheckheft der Industrie gemeint ist.
Womit wir wieder bei Videospielen wären: Natürlich kann man mit Blick auf den Project-Genie-Streich ballmeresk alle Unzulänglichkeiten dezidiert auflisten. Oder aber, man lässt für zwei Sekunden den Gedanken zu, dass es erstens zeitnah neue Player geben könnte, die einem die schönen Marktanteile kaputtmachen (siehe Apple). Und dass zweitens ganze Gewerke und Fertigkeiten ähnlich zukunftsfähig sein könnten wie Nockenwellen.
Erste Tiefausläufer sind im Film- und TV-Bereich zu besichtigen, nämlich bei KI-generierter Synchro – wo sich Netflix derzeit mit massiven Bei-euch-piept’s-wohl-Widerständen der hiesigen Profi-Sprecher konfrontiert sieht. Und man bekommt eine leise Ahnung, wie diese Machtprobe ausgeht.
Ich würde mir keine Prognose zutrauen, wie die Games-Industrie in zwei geschweige denn in fünf Jahren aussieht. Wovor ich aber auch diesmal dringend warnen möchte, ist a) Ausschließeritis jedweder Form und b) die Humorlosigkeit von Games- und Tech-Konzernen, sobald sich Gelegenheiten bieten, einzelne Bauteile kostengünstiger und schneller produzieren zu können.
Wie zum Beweis hat Roblox am Mittwoch ein ‚4D-Creation-Tool‘ nachgereicht, das per Prompt nicht nur stumpfe 3D-Objekte auswirft, sondern zum Beispiel fahrbare Autos mit Physik und allem Pipapo. Weißte Bescheid.
Gut möglich also, dass sich Genie als ähnliche Google-Luftnummer entpuppt wie der Streaming-Dienst Stadia. Vielleicht erleben wir gerade auch die Stunde Null des nächsten YouTube oder des nächsten Android.
Um mit VW-Boss Müller zu sprechen: Ja, sehr gerne die Kirche im Dorf lassen. Sich eigener Stärken und Fähigkeiten und Erfahrungen vergewissern und diese selbstbewusst vertreten. Aber bitte nicht der eigenen Was-soll-schon-passieren-Erzählung auf den Leim gehen.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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