Vivendi-Großaktionär Vincent Bolloré (links) und Ubisoft-Gründer Yves Guillemot kämpfen um die Macht beim Spieleriesen.
Vivendi-Großaktionär Vincent Bolloré (links) und Ubisoft-Gründer Yves Guillemot kämpfen um die Macht beim Spieleriesen (Fotos: Vivendi / Ubisoft / Montage: GamesWirtschaft)

Alle Jahre wieder Assassin’s Creed? Das könnte durchaus passieren, wenn Vivendi die Kontrolle bei Ubisoft übernimmt. Die GamesWirtschaft-Analyse.

#WeAreUbisoft: Mit viel Pathos solidarisieren sich die Mitarbeiter von Ubisoft derzeit in Videos und auf Websites mit ihren obersten Dienstherren. Weltweit einheitliche Profilbilder auf Twitter und Facebook sollen signalisieren: Wir mögen ein kleines gallisches Dorf sein, aber wir haken uns unter und kämpfen gegen die einmarschierenden Römer. Die Römer, das sind die Truppen des französischen Medienkonzerns Vivendi – fünf mal mehr Mitarbeiter, das 15fache des Ubisoft-Umsatzes. Vivendi hat bereits 20 Prozent der Ubisoft-Aktien eingesammelt und strebt nach mehr.

Die Lage ist also ernst.

Das PR- und Social-Media-Feuer der Ubisoft-Belegschaft dient der Einstimmung auf den 29. September. Dann findet in Paris die Ubisoft-Hauptversammlung statt. Dort wird sich entscheiden, wie es mit dem drittgrößten Spielehersteller der Welt weitergeht.

Die Frage, die sich Mitarbeiter, Aktionäre und Kundschaft stellen: Was würde passieren, wenn die Gründerfamilie Guillemot die Waffen niederlegt und Vivendi das Ruder übernimmt? Dass die Ubisoft-Gründer ihre ganz eigene Sichtweise auf den Deal haben, ist nachvollziehbar – wer lässt sich schon gerne in der eigenen Firma entmachten? Doch was will Vivendi überhaupt mit Ubisoft?

Ubisoft-Übernahme: Wer ist eigentlich Vivendi?

Vivendi hat eine bewegte Historie hinter sich und verdient sein Geld heute vorwiegend mit Pay-TV (Canal+), Filmproduktion (Studiocanal), Streaming-Portalen (Watchever, Dailymotion) und Musik (Universal Music). Die Liste der vertretenen Musiker und Bands liest sich wie ein Blick in die iTunes-Charts: von Metallica bis Sting, von Helene Fischer bis Felix Jaehn, von Anna Netrebko bis Bastille, von Abba bis Taylor Swift.

Die letzten verbliebenen Activision Blizzard-Anteile haben die Franzosen Anfang 2016 verkauft. Doch Computer- und Videospiele gehören weiterhin zur Strategie von Vivendi. Der langfristige Plan: alles aus einer Hand – Musik, Film, TV, Spiele, ausgeliefert über eigene Networks.

Zuletzt machte Vivendi mit der aggressiv vorangetriebenen Übernahme des französischen Mobilegames-Anbieters Gameloft von sich reden. Via Squeeze-Out drängte Vivendi die Familie Guillemot aus dem Unternehmen. Als der Deal unter Dach und Fach war, trat die komplette Führungsriege unter Protest zurück: „Die Vivendi-Methoden sind das exakte Gegenteil der Vision von Vorstand und Management.“

Ubisoft-Stand auf der Gamescom 2016: Weltweit die Nummer 3 unter den Games-Publishern (Foto: KoelnMesse)
Ubisoft-Stand auf der Gamescom 2016: Weltweit die Nummer 3 unter den Games-Publishern (Foto: KoelnMesse)

Vivendi Games: Heimat von Starcraft und World of Warcraft

Noch vor zehn Jahren war Vivendi eine Macht im Games-Sektor. Vivendi Universal Games – später Vivendi Games – war unter anderem bekannt für Sierra-Adventures (King’s Quest) und Aufbauspiele (Caesar 3). Die Kronjuwelen steuerte jedoch ein aufstrebendes Tochter-Studio namens Blizzard Entertainment bei. In die Vivendi-Ära fallen einige der besten Spiele der Neuzeit: Starcraft 1 und 2, Diablo 2, Warcraft 3 und schließlich World of Warcraft.

Erst 2008 fusionierten Vivendi Games und Activision zum heutigen Weltmarktführer Activision Blizzard. Nicht mehr benötigte Studios wurden damals geschlossen oder verkauft, darunter auch das schwedische Studio Massive Entertainment, das 2008 an Ubisoft ging. Massive ist der Entwickler des Blockbusters Tom Clancy’s The Division, der im März gleich mehrere Verkaufsrekorde einkassiert hat. Zu Vivendi-Zeiten produzierte Massive noch Strategiespiele wie Ground Control und World in Conflict.

Es kann also durchaus passieren, dass die Schweden über Umwege doch wieder bei Vivendi landen.

Vivendi-Großaktionär Bolloré: Der „am meisten gefürchtete Investor Frankreichs“

Vincent Bolloré ist Großaktionär und Aufsichtsrats-Chef bei Vivendi - und strebt nach der Macht bei Ubisoft (Foto: Vivendi)
Vincent Bolloré ist Großaktionär und Aufsichtsrats-Chef bei Vivendi – und strebt nach der Macht bei Ubisoft (Foto: Vivendi)

Der mächtigste Mann bei Vivendi ist Aufsichtsrats-Chef Vincent Bolloré, einer der reichsten Menschen des Planeten. Seit Jahrhunderten investiert seine Familie in Logistik, Energie, Häfen, Eisenbahnlinien und Öl. In Medienberichten wird er als „härtester“ und „am meisten gefürchteter Investor Frankreichs“ beschrieben. Seine Methode ist immer gleich: unterbewertete Firmen aufspüren, Druck aufbauen und dann mit der eigenen Kavallerie in Feindesland einreiten.

Mit einem Anteil von 15 Prozent ist Bolloré größter Vivendi-Aktionär, gefolgt von weiteren schillernden Anteilseignern wie BlackRock – ein US-Finanzriese, dem auch mehrere Prozent von BMW, Daimler oder SAP gehören.

Auch wenn Vivendi im Gegensatz zu Gameloft nicht die volle Kontrolle anstrebt und der  Hoffnung Ausdruck verleiht, eine „fruchtbare Kooperation mit Ubisoft“ betreiben zu wollen: Es ist kein Szenario vorstellbar, in dem das Management um Yves Guillemot unter der Regie von Bolloré-Abgesandten arbeiten kann und will.

Doch dies wird sich kaum vermeiden lassen. In einer Pressemitteilung formuliert Vivendi klare Ansprüche an einen Platz im Ubisoft-Vorstand – durchaus berechtigt, wenn einem ein Fünftel des Unternehmens gehört. Guillemot hat daraufhin vorsichtshalber den Vorstand mit eigenen Getreuen umgebaut und will sich die Rochade bei der Hauptversammlung absegnen lassen.

Ubisoft: Blockbuster und Experimente

Multimillionär Guillemot gilt als Mensch mit Geschäftssinn, aber eben auch als Visionär, der etwas bewegen will.

Leicht erkennbar ist diese Mission, wenn man einfach nur die Ubisoft-Releaselisten mit jenen der Marktführer Activision Blizzard und Electronic Arts vergleicht. Beide Konkurrenten kreisen wie Satelliten um einige wenige Milliarden-Dollar-Marken wie Call of Duty, World of Warcraft, FIFA, Destiny oder Battlefield.

Ubisoft ist der einzige Top-10-Spielehersteller, der abseits von Blockbustern bewusst Risiken abseits des Mainstreams eingeht. Die Franzosen leisten sich den Luxus schräger Titel wie South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe, experimentieren mit Extremsport-Spielen wie Steep, haben schon jetzt Virtual-Reality-Titel wie Eagle Flight und Star Trek: Bridge Commander kurz vor Marktreife und halten der Nintendo Wii U mit Just Dance 2017 die Treue.

Keines dieser Produkte wäre bei Activision auch nur im Ansatz vorstellbar.

Und nicht zu vergessen: Ubisoft ist der einzige Spiele-Konzern, der aus Deutschland heraus Spiele entwickelt. Mit 300 Mitarbeitern in Düsseldorf und Mainz gehört Blue Byte zu den Top 10 des Landes.

Ubisoft klimpert also nicht nur auf den weißen, sondern auch auf den schwarzen Tasten der Games-Klaviatur – manchmal nur solide, zuweilen virtuos. Und vor allem: wirtschaftlich erfolgreich. Doch Vivendi ist überzeugt, dass sich aus Ubisoft noch mehr herausholen lässt und umgarnt Investoren mit dem berüchtigten „Synergie-Potenzial“. Übersetzt: runter mit den Kosten.

Ubisofts Virtual-Reality-Spiel Eagle Flight erscheint für Oculus Rift, HTV Vive und PlayStation VR.
Ubisofts Virtual-Reality-Spiel Eagle Flight erscheint für Oculus Rift, HTV Vive und PlayStation VR.

Stichtag 29. September: Was für Ubisoft auf dem Spiel steht

Bolloré selbst ist nicht dafür bekannt, lange zu fackeln, wenn es irgendwo in seiner Firmengruppe brennt. Tatsächlich mischt er sich auch ins Tagesgeschäft der Unternehmenstöchter ein. Man kann sich ungefähr ausmalen, wie Blue Byte heute dastünde, wäre schon in den vergangenen Jahren einzig und alleine nach Marktlage entschieden worden. Denn: Eine typische und erwartbare Reaktion auf Rückgänge im Browsergames-Geschäft wäre gewesen, erst einmal die Personalquote zu reduzieren.

Die Sorge um das Wohl der Firma, die Yves Guillemot und die 10.000 Ubisoft-Mitarbeiter umtreibt, ist daher nicht unbegründet. Guillemot ist gerade einmal 56 Jahre alt – viel zu jung, um sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Er geht mit 15 Prozent der Ubisoft-Stimmrechte in die Hauptversammlung, Bollorés Mannen mit 20 Prozent. Guillemot kann  mutmaßlich auch auf die Unterstützung kanadischer Investoren bauen – in Quebec, Toronto und Montreal arbeitet gut ein Drittel der Ubisoft-Belegschaft.

Doch ob all dies am Ende reicht, ist fraglich. Denn zu den größten Ubisoft-Aktionären gehören Vermögensverwalter, Investmentfonds und Banken, die auch bei Vivendi, Electronic Arts oder Activision Blizzard an Bord sind, darunter BlackRock. Finanzunternehmen wie diese denken in einer einzigen Dimension: Rendite.

Unterm Strich spricht viel für eine „Wir oder die“-Situation am 29. September, wie in Game of Thrones. Welches Königreich versammelt die meisten Anteilseigner hinter sich? Setzt sich Bolloré durch, würde aus Ubisoft eine andere Art Unternehmen werden, das sich noch stärker auf die Cashcows fokussiert.

Dann erscheinen auch alljährliche Neuauflagen von Assassin’s Creed oder Far Cry plötzlich wieder denkbar, analog dem Vorbild von Call of Duty und FIFA.

Es steht also Einiges auf dem Spiel am 29. September – für Ubisoft, für die Mitarbeiter, für die Studios, für die Gamesbranche und für die Firmengründer.

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