Start Meinung Fröhlich am Freitag 27/2020: Ernste allgemeine Verunsicherung

Fröhlich am Freitag 27/2020: Ernste allgemeine Verunsicherung

Ubisoft-Gründer und -CEO Yves Guillemot (Foto: Ubisoft)
Ubisoft-Gründer und -CEO Yves Guillemot (Foto: Ubisoft)

Und wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man nen Arbeitskreis: Ubisoft schaltet in den Krisen-PR-Modus und reagiert auf die Belästigungs-Vorwürfe im Unternehmen.

Update vom 12. Juli 2020: Via Pressemitteilung hat Ubisoft die Rücktritte mehrerer ranghoher Ubisoft-Manager bekannt gegeben, darunter die Personal-Chefin sowie Chief Creative Officer Serge Hascoët – weitere Details.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,

es spricht viel dafür, dass Ashraf Ismail am übernächsten Wochenende live auf der Bühne von Ubisoft Forward gestanden hätte, um als Kreativdirektor das kommerziell wichtigste Produkt seines Arbeitgebers vor einem Millionen-Publikum zu präsentieren: „Assassin’s Creed Valhalla“. Ein irrsinnig großes und deshalb irrsinnig teures Konsolen- und PC-Spiel.

Weite Teile des Weihnachtsgeschäfts hängen für den 2-Milliarden-Euro-Konzern davon ab. Und Ismail trägt nicht nur die inhaltliche Verantwortung für „Valhalla“ – er ist das öffentliche Gesicht dieses Spiels.

Doch seitdem eine junge Twitch-Streamerin intime Chat-Protokolle öffentlich gemacht hat, hatte Ismail Einiges zu erklären: erstens gegenüber seiner Frau. Und zweitens seinen Rücktritt, um – O-Ton – sein „Leben in Ordnung zu bringen“.

Reine Privatsache, möchte man meinen. Noch dazu unter offenkundig Erwachsenen, die das ja auch unter sich ausmachen könnten.

Das wäre in normalen Zeiten sicherlich so. Doch die Zeiten sind nicht normal, erst recht nicht bei Ubisoft. Denn dort mehren sich seitdem Augen- und Ohrenzeugen-Berichte von mindestens unangemessenem, zum Teil übergriffigem Verhalten leitender Ubisoft-Angestellter gegenüber Mitarbeitern, meist Mitarbeiterinnen. Völlig aus der Luft gegriffen sind die Schilderungen eher nicht: Zwei Führungskräfte mit Vice-President-Status wurden bereits freigestellt – weitere Ermittlungen laufen. Und Konzern-Chef Yves Guillemot hat lückenlose Aufklärung versprochen: Jedem Fall werde nachgegangen.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Die Lage ist also ernst – und die Verunsicherung groß. Auch in den deutschen Ubisoft-Werken mit ihren 800 Beschäftigten, die wie viele ihrer internationaler Kollegen keinen Hehl daraus machen, wie frustriert und irritiert sie sind. Denn was da jetzt an die Oberfläche wabert, entspricht so gar nicht dem, wie sich Ubisoft selbst als fürsorglicher Arbeitgeber sieht – und öffentlich verkauft.

In internen Mails an die Belegschaft lässt Yves Guillemot durchblicken, wie schockiert er von all dem sei. Seine Reaktion lässt nur zwei Interpretationen zu:

  • Entweder Guillemot ahnte nichts von den Zuständen in seinem Unternehmen.
  • Oder er wusste davon – und hat es nicht verhindert.

Und man weiß nicht, was schlimmer ist.

Jetzt sollen Arbeitskreise, Mitarbeiter-Umfragen und ein „Head of Workplace Culture“ für Linderung sorgen. Unklar bleibt, was seit langem vorhandene Gremien – etwa das „Corporate Social Responsibility Comitee“ – eigentlich so beruflich machen.


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Nun wäre es naiv anzunehmen, Ubisoft wäre ein tragischer Ausnahme- und Einzelfall. Dagegen spricht neben aller Lebenserfahrung die Tatsache, dass weitere prominente Studios auf den Listen auftauchen, die zum Teil bereits disziplinarisch reagiert haben.

Die Vorgänge sind jedenfalls nicht dazu geeignet, um junge Menschen für eine Karriere in der fröhlichen Games-Industrie zu begeistern – einem Gewerbe, das ohnehin nicht die Work-Life-Balance erfunden hat und in dem männliche Chefs nahezu immer durch andere männliche Chefs ersetzt werden. Nichts anderes ist im Falle von Ismail zu erwarten.

„Change starts today“ schrieb Guillemot gestern an seine 16.000 Mitarbeiter in den 40 Niederlassungen. Wie ernst es ihm ist, wird sich bei der PR-Show Ubisoft Forward am 12. Juli besichtigen lassen – im besten Fall reicht es zu mehr als einem „one more thing“.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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