
Die GTA 6 Standard Edition heißt Standard Edition, weil 80 €-UVPs und ‚physische‘ Versionen ohne Datenträger der neue Standard für Videospiele sind.
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
„Wir handeln mit Informationen, nicht mit Holz“: Mit diesem launigen Spruch sorgt der einstige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust regelmäßig für herzhafte Schmunzler in Interviews und auf Konferenz-Bühnen, wenn er auf erodierende Print-Auflagen angesprochen wird.
Gemeint: Journalismus wird nicht dadurch besser oder schlechter, wenn er auf Papier oder eben online oder im TV oder im Radio stattfindet.
Wer eine gedruckte Tages- oder Wochenzeitung abonniert hat, sieht das möglicherweise anders: Das ist ja eine sehr bewusste Entscheidung – und eine nicht ganz billige noch dazu.

Auch Rockstar Games setzt weiterhin auf Print. Wer im November die „physische“ Version von Grand Theft Auto 6 öffnet, wird in der Plastik-Schatulle nichts außer einem Stück Papier finden. Darauf ein 12- beziehungsweise 25-stelliger Code, der sich im PlayStation Store oder im Xbox Store einlösen lässt und mehrere Gigabyte an GTA 6-Daten freischaltet.
Die Aussparung für den Datenträger ist und bleibt leer: Eine Blu-Ray-Disc ist nicht enthalten. Der Handel weist die Kundschaft fairerweise explizit darauf hin.
Der Furor ist enorm: Videospiele-Romantiker und Retro-Versender sind geeint im wild entschlossenen Boykott. Mal schaun, wie lang der diesmal anhält. Durchs Netz spukt das unbelegte und damit hoch unseriöse Gerücht, es werde noch vor Weihnachten eine Disc-Version nachgereicht. Das klingt so gut, dass viele gerne daran glauben mögen.
Die Download-Code-Neuigkeit hat zum Vorbestell-Start in der Nacht zum Donnerstag zu einem – wie ich finde – ganz zauberhaften Moment geführt. Sony PlayStation tönte auf den Social-Media-Kanälen, Grand Theft Auto 6 spiele sich am besten auf einer PlayStation 5. Wenige Stunden später war die Grafik verschwunden. Was Zweifel nährte, ob sich zwischenzeitlich nicht doch die Xbox Series X als bessere Wahl herausgestellt haben könnte.
Kurz darauf ging die Kampagne wieder auf Sendung. Mit zwei Unterschieden: zum einen ein aktualisiertes GTA 6-Logo. Und: Die ursprünglich abgebildete PlayStation 5 mit Laufwerk wurde gegen eine PlayStation 5 Digital Edition ohne Laufwerk getauscht. Nicht, dass irgendjemand auf die irre Idee käme, GTA 6 würde noch auf Datenträgern ausgeliefert. Im Jahr 2026!?! LOL.
Mit dem Disc-Verlust einher geht das jahrzehntelang eingeübte Gefühl, dass einem ein Computerspiel ‚gehört‘. Aber es ist eben nur das: ein Gefühl. Eine Illusion. Im PC-Bereich wurde den Verbrauchern dieser Gedanke seit Half-Life 2 auf die harte Tour abtrainiert.
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Mit der Folge, dass heute 99 Prozent aller PC-Spiele als Download ver- und gekauft werden. In diesem Segment ist bereits vollendet, worauf Sony, Microsoft, Nintendo hinarbeiten: Wer ein Konsolen-Bundle erwirbt, bekommt seit jeher vorinstallierte respektive vorinstallierbare Software, aber eben weder Modul noch Disc. Das Sony-Topmodell PlayStation 5 Pro hat bereits kein Laufwerk mehr.
Dass die Games-Industrie ein Datenträger-loses Spotify-Zeitalter anstrebt, ist offensichtlich. Grand Theft Auto 6 wird diese Entwicklung beschleunigen – ob nun bewusst oder ’nur‘ bewusst in Kauf genommen, ist im Ergebnis irrelevant. Die Sorge vor vorzeitigen Daten-Lecks und -Leaks mag dabei eine Rolle spielen, die Mehrkosten, die Logistik, der rasant schrumpfende Disc-Marktanteil.
Im Ergebnis ist es so, dass der ohnehin grundwasserspiegelgefährdete Gebraucht-Spielemarkt noch weiter austrocknen wird. Games sind an den jeweiligen Account gebunden und ein Weiterverkauf ab Code-Einlösung aufwärts ist schlicht nicht vorgesehen. An einer Anschlussverwendung ihrer Produkte haben Studios und Publisher zero Interesse.
Um mit Aust zu sprechen: Rockstar handelt mit Games, nicht mit Datenträgern. Trotzdem gibt es schon noch gute Gründe, ergänzend anfassbare Retail-Versionen anzubieten.
Anders als es die Statistiken nahelegen (wonach etwa Capcom 92 % aller Spiele als Download verkauft), ist der physische Markt in absoluten Zahlen immer noch gigantisch groß. Sony Interactive hat alleine im deutschsprachigen Raum zuletzt PlayStation-Software für über 40 Mio. € an den Handel ausgeliefert. Das ist nicht nichts.
Ansonsten drängen sich nur noch zwei Argumente auf, um anno 2026 eine Menge sinnfreien Plastikmüll in Form von Download-Code-Schatullen für Versender und stationären Einzelhandel zu produzieren und durch die Republik zu transportieren: entweder Fan-Service (auszuschließen) oder eben Sichtbarkeit.
Sichtbarkeit, die man sonst nicht hätte – bei Amazon und Otto, auf den Startseiten und in den Filialen von MediaMarkt und Saturn, in der ‚Multimedia-Abteilung‘ von Müller, international bei Wal-Mart, GameStop, Target oder Best-Buy. Dadurch werden auch Zielgruppen erreicht, die nicht Tag und Nacht auf Rockstar-Kanälen campieren.
Dass der Vertrieb rein digital und damit sehr effizient passiert, führt selbstverständlich nicht zu günstigeren Preisen. Au contraire: GTA 6 wird das erste Spiel sein, das eine UVP von 99,99 € als ’normal‘ durchsetzt. Denn nur in der Ultimate Edition (die sich jederzeit nachträglich hinzubuchen lässt) sind ausgewählte Tattoo- und Flechtfrisuren-Shops, Tuning-Werkstätten und Streetwear-Stores in der Spielwelt von Vice City zugänglich.
Für Sparfüchse, die lächerliche 79,99 € überweisen, heißt es hingegen: Du bist zwar gut genug – kommst hier aber trotzdem nicht rein.
Dass Inhalte eigens für Premium-/Plus-/Ultra-/Deluxe-Versionen abgeknapst werden, ist normal. Doch anders als üblich besteht die Ultimate Edition nicht einfach nur aus ein bisschen kosmetischem Tralala oder zweieinhalb Stunden Vorab-Zugang, sondern aus einer ganzen Wagenladung an begehrenswertem Flex-Content. Deshalb fühlt sich die 80 €-Schnapper-Version wie ein schaler Kompromiss an – den die wenigsten eingehen dürften. Der preisliche Unterschied von 20 € ist so überschaubar, dass es auch schon wurscht ist, ob man sich einen Double Cheeseburger oder gleich einen Big Mac gönnt.
Die Vorfreude, manche würden sagen: Hysterie, kennt jedenfalls keine Grenzen – und hat jedes Maß an Vernunft spätestens seit Trailer 1 verlassen. Denn bis zum heutigen Tag – sprich: also wenige Monate vor Release – gab es nicht eine Sekunde an ‚echtem‘ Gameplay zu besichtigen.
Kein Kunde weiß, wie GTA 6 wirklich aussieht, geschweige denn: wie es sich spielt – auf einer PlayStation 5 , auf einer PS5 Pro, auf einer Xbox. Trotzdem wird vorbestellt, als gingen die verfügbaren Downloads spätestens Ende Juli zur Neige.
Was zeigt: 2026 ist alles, außer gewöhnlich.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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