Start Politik Entlastungsprämie: „Die Politik macht es sich zu leicht.“

Entlastungsprämie: „Die Politik macht es sich zu leicht.“

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Mit "Wir" sind in diesem Fall die Arbeitgeber gemeint - und nicht das Finanzministerium, das die Entlastungsprämie am 13. April ankündigte.
Mit "Wir" sind in diesem Fall die Arbeitgeber gemeint - und nicht das Finanzministerium, das die Entlastungsprämie am 13. April ankündigte.

Die Bundesregierung schmeißt eine Party – bezahlt von den Arbeitgebern: Die Entlastungsprämie sorgt auch in der deutschen Games-Branche für Unmut.

„Wir entlasten Bürgerinnen und Bürger“, frohlockte das Bundesfinanzministerium am Montag vergangener Woche auf den Social-Media-Kanälen. Mit einer steuer- und abgabenfreien „1.000 € Entlastungsprämie“ würden Arbeitnehmer im Lichte galoppierender Energiekosten „gestärkt“.

Was das Ministerium von Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) geflissentlich unterschlägt: Diese ‚Entlastungsprämie‘ sollen / können / dürfen die Arbeitgeber zahlen. Einen Anspruch gibt es nicht. Zur Gegenfinanzierung wird die Tabaksteuer erhöht.

Die Entrüstung aus Industrie, Mittelstand und Handwerk ließ nicht lange auf sich warten – von einer „Unverschämtheit“ war die Rede, zumal sich viele Betriebe eine Sonderprämie im derzeitigen Umfeld gar nicht leisten können. Ob IHK, BDA, IFO, DIW oder BDI: Die Ablehnung geht quer durch Wirtschaft, Lobby-Verbände und Institute.

Nintendo of Europe, Ubisoft Blue Byte und Stillfront sind die drei größten Games-Unternehmen in Deutschland 2025 (nach Mitarbeitern / v2 / Stand: 30.7.2025)
Nintendo of Europe, Ubisoft Blue Byte und Stillfront sind die drei größten Games-Unternehmen in Deutschland 2025 (nach Mitarbeitern / v2 / Stand: 30.7.2025)

Entlastungsprämie: Die Games-Branche „prüft“

Zurückhaltend zeigt sich auch die deutsche Games-Industrie, wie eine GamesWirtschaft-Umfrage zeigt. Sowohl Indies als auch mittelständische Studios, Agenturen und große Publisher zeigen sich überrascht und überrumpelt: Denn die ‚Ankündigung‘ einer Entlastungsprämie habe schon jetzt Erwartungen bei den Belegschaften geweckt, die vielfach gar nicht erfüllbar seien.

Unabhängig von der individuellen Situation ist der Frust spürbar, dass die Regierungskoalition eine solche Prämie auf die Firmen abwälzt. Außerplanmäßige Sonderzahlungen seien „nicht mal eben so“ machbar – erst recht dann, wenn noch gar nicht absehbar sei, wie in Entwicklung befindliche Games-Neuheiten ‚funktionieren‘. Und selbst dort, wo es die Bilanzen theoretisch hergeben, ärgert man sich über die gefühlte „moralische Verpflichtung“.

In vielen Fällen hat auch der Betriebsrat ein Wörtchen mitzureden – nicht über das „Ob überhaupt“, aber sehr wohl über das „Wie“ (nur Vollzeit- oder auch Teilzeit-Kräfte, zeitliche Staffelung, Stichtagsregelung etc.). Zuweilen sind ’staatliche‘ Sonderzahlungen nicht unmittelbar mit bestehenden Mitarbeiter-Boni-Programmen kompatibel.

So gut wie alle angefragten Unternehmen wollen daher zunächst abwarten und keine vorschnellen Zusagen aussprechen: Es werde „geprüft“. Solange weder konkrete Rahmenbedingungen noch ein ausgearbeiteter Gesetzesentwurf vorlägen, sei eine fundierte Bewertung nicht möglich, heißt es beispielsweise vom Gamescom-Veranstalter Koelnmesse.

Betriebsrat in der Games-Industrie: An diesen Standorten gibt es Mitarbeiter-Vertretungen (Stand: März 2025)
Betriebsrat in der Games-Industrie: An diesen Standorten gibt es Mitarbeiter-Vertretungen (Stand: März 2025)

InnoGames: „Die Politik macht es sich zu leicht.“

Gerade bei größeren Studios wird die Entlastungs- schnell zur Belastungsprämie im deutlich sechsstelligen Bereich: Die InnoGames GmbH ist mit 350 Beschäftigen am Stammsitz Hamburg einer der größten Games-Arbeitgeber des Landes. Co-Gründer Michael Zillmer nimmt wahr, dass die steigenden Energiepreise eine enorme Belastung für viele Menschen darstellen. Dass schnell geholfen werden muss, hält er für richtig. „Aber ich sage auch: Die Politik macht es sich mit den aktuellen Plänen zu leicht. Die Verantwortung und die Kosten für die Krisenbewältigung werden einmal mehr auf die Arbeitgeber abgewälzt.“

Zillmer verweist auf die schwierige Lage der Branche: „Für viele Studios in Deutschland ist es in der aktuellen wirtschaftlichen Situation schlichtweg nicht darstellbar, eine Prämie von 1.000 € pro Kopf aus dem Hut zu zaubern. Der Staat hätte stattdessen die Sozialabgaben für Arbeitnehmer temporär halbieren sollen. Das wäre eine direkte, unbürokratische Entlastung gewesen, die sofort im Geldbeutel spürbar ist.“

Vor allem hätte diese Maßnahme just den Menschen geholfen, die die Hilfe am meisten brauchen – und zwar unabhängig davon, ob ihr Arbeitgeber gerade finanziell in der Lage ist, einen Bonus zu zahlen oder nicht. Das wäre der fairste und wirtschaftlich vernünftigste Weg gewesen, so Zillmer.

Ob die InnoGames GmbH die Prämie auszahlen werde, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten, weil konkrete Rahmenbedingungen und Voraussetzungen noch unklar sind. Sobald die Daten vorliegen, werde man durchrechnen und eine Entscheidung treffen.

InnoGames-COO und -Mitgründer Michael Zillmer (Foto: InnoGames)
InnoGames-COO und -Mitgründer Michael Zillmer (Foto: InnoGames)

Wie lassen sich Pendler unterstützen?

Was bei allen Rückmeldungen auffällt: Die Reaktionen auf die Entlastungsprämie fallen ungleich kritischer aus als noch vor wenigen Jahren bei einer ähnlich gelagerten Maßnahme entlang der Pandemie. Arbeitgeber konnten bis zu 1.500 € als steuer- und sozialversicherungsfreien ‚Corona-Bonus‘ auszahlen – wovon gerade größere deutsche Studios Gebrauch machten.

Dazu gehört etwa Spiele-Entwickler Lotum mit Sitz im hessischen Bad Nauheim – auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Gießen. Auf die daraus resultierende „Pendelsituation“ haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer eingestellt: So wird das Deutschlandticket zu 80 Prozent übernommen, zudem würden die E-Auto-Ladesäulen rege genutzt. Einen echten ‚Handlungsdruck‘ seitens der 50 Beschäftigten gebe es daher nicht – man werde sich damit auseinander setzen, sobald das Gesetz unter Dach und Fach ist.

Softgames-Chef Krug: „Fast schon grotesk“

Eines von ganz wenigen Studios, die schon jetzt fest die volle Auszahlung der Entlastungsprämie einplanen, ist die Berliner Softgames GmbH. Co-Gründer Alexander Krug beschreibt die Situation dennoch als „fast schon grotesk“: Während das Land mit der neuen Ausbildungsumlage ab 2027 Liquidität entzieht, gibt der Bund nun ein Instrument an die Hand, um genau diese Liquidität steuerfrei an die Belegschaft weiterzureichen. „Man hat das Gefühl, die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut“, so Krug.

Softgames-Co-Gründer und CEO Alexander Krug
Softgames-Co-Gründer und CEO Alexander Krug

Besonderheit bei Softgames: Die Mitarbeiter arbeiten remote – und bekommen im Home-Office die steigenden Energiekosten zu spüren. Jeder Beschäftigte erhält einen Strom- und Internet-Zuschuss; die 1.000 €-Prämie wäre somit eine Art Puffer für die massiv gestiegenen Heizkosten. Kein „Extra“, findet Krug, sondern „gelebte Fürsorge“.

Sein Fazit: „Wir zahlen gerne, solange wir es können.“ Aber die Politik müsse aufpassen: Jede neue Zwangsabgabe – wie im Falle der Ausbildungsabgabe – fresse genau die Spielräume auf, die für solche direkten, freiwilligen Mitarbeiter-Benefits gebraucht würden.

Im nächsten Schritt warten die Unternehmen nun auf den ausformulierten Gesetzestext, der die genauen Vorgaben und Zeitfenster definiert – die Entlastungsprämie ist am morgigen Mittwoch erstmals Thema im Bundestag. Wegen der Zurückhaltung der Wirtschaft ist eine Verlängerung der geplanten Auszahlung bis Mitte 2027 im Gespräch.

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