Per KI-Optimierung sollen Computerspiele schöner werden – so zumindest der Plan von Nvidia mit DLSS 5. Stellt sich raus: Kunden hassen diesen Trick.
Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
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die FC-Bayern-Dauerkartenbesitzer waren wütend. Sehr wütend. Und zwar so sehr, dass sie sich extra Pappschilder zum Pokalspiel in der Münchener Allianz Arena mitgebracht hatten: „Koan Neuer“ stand darauf. Zu Tausenden. Die komplette Südkurve war eine einzige Schilderwand. Die Forderung: keinen (neuen) Torwart – und erst recht keinen Neuer.
Der Groll richtete sich gegen den gebürtigen Gelsenkirchener Manuel Peter Neuer, der nach der laufenden Saison mit Mitte 20 vom FC Schalke 04 zu den Bayern wechseln sollte. Das war im März 2011, also vor ziemlich genau 15 Jahren – und die Bayern-Bosse schämten sich nicht nur heimlich für Fan-Schmähungen wie „Möchtegern-Torwart-Titan“. Neuer nahm die Entschuldigung an – und später die Konditionen im Arbeitsvertrag.

Die ‚Süd‘ blieb eisern bei ihrer Ablehnung: Auch nach dem vollzogenen Transfer an die Säbener Straße wurde der Neue wie ein Outlaw behandelt – kein Ballkontakt blieb ohne Pfiffe der ‚Fans‘. Das ging so weit, dass die Ultras regelrechte ‚Verhaltensregeln‘ formulierten: Wehe, der eigene Torwart nähere sich der Tribüne, greife zum Megafon oder wage es gar, das Klub-Wappen auf dem Trikot abzubusseln.
Der Rest ist Sport-Geschichte: Neuer hat zwölf Mal die Meisterschale in den weiß-blauen Himmel gestemmt (im Mai dürfte Nummer 13 hinzukommen), sechs Mal den DFB-Pokal und zwei Mal die Champions League gewonnen – womöglich ist in dieser Saison sogar sein drittes Triple nach 2013 und 2020 drin. Zudem hält er eine endlose Liste an Vereins- und Nationalmannschafts-Rekorden; 2014 wurde er Fußball-Weltmeister in Rio.
Was den fast 40jährigen seit jeher auszeichnet, ist die Rolle des ‚mitspielenden Torwarts‘. Der sich eben nicht stumpf zwischen die Pfosten tackert, sondern als integraler Teil der Abwehr fungiert – was zu skurrilen, teils waghalsigen Ausflügen außerhalb des angestammten Tanzbereichs führt. Abgefangene Angriffe gehen nahtlos über in Konter.
Kurzum: Neuer hat das Torwart-Game neu erfunden.
Mindestens ähnlich Revolutionäres plant Nvidia. Am Montag hat der Chip-Hersteller mit DLSS 5 den „wichtigsten Durchbruch in der Computer-Grafik seit der Markteinführung von Echtzeit-Ray-Tracing im Jahr 2018“ vermeldet.
Ohne in die Untiefen technischer Spirenzchen einzusteigen: Das von der Spiel-Engine gelieferte 2D-Bild wird durch künstliches ‚Upscaling‘ in Echtzeit optimiert, unter Berücksichtigung der Spielwelt-Geometrie – zumindest im Ergebnis ungefähr so, als würde man einem Smartphone-Foto mehr Intensität, Sättigung und Kontrast verpassen, als es die Wirklichkeit hergibt.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Video mit Vorher-Nachher-Szenen aus Blockbustern wie Resident Evil Requiem, EA Sports FC, Starfield und Hogwarts Legacy. In allen Fällen wirkt die Umgebung samt Oberflächen, Schatten und Lichteinfall deutlich kontrastreicher, detaillierter, schärfer und realistischer. Kann man machen.
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Am krassesten (und kontroversesten) fallen die Unterschiede aber bei den Gesichtern der Figuren aus, die gleichermaßen ‚echt‘ wie ‚künstlich‘ aussehen: Weil die Mimik erkennbar vom originalen Grafikstil abweicht, wirken die Personen wahlweise wie Supermodels, Puppen oder Fremdkörper. Jedenfalls: Zu schön, um wahr zu sein.
Stellt sich raus: Die Kunden hassen diesen Trick.
Der zuständige Fachbegriff lautet ‚KI Slop‘ – das derzeit gängigste Etikett, um die herzliche Abneigung gegenüber KI-generierten Fotos, Videos und Illustrationen zum Ausdruck zu bringen.
Der Vorgang hat daher zu dem geführt, was man einen ‚Backlash‘ nennt – auf der nach oben offenen Nicht-mit-mir-Skala ganz kurz vor Gendern und Wärmepumpe. Das Thema hat damit nahtlos No-Gos wie Blockchain-Games und Kryptowährungen abgelöst.
Auf den Gegenwind angesprochen, reagierte Nvidia-Boss Jensen Huang mit einem Mix aus Gelassenheit und Kritiker-Einschulung: „They’re completely wrong.“ Sein Argument: Ob und an welcher Stelle DLSS 5 eingesetzt werde, obliege ja weiterhin den Entwicklern selbst – die somit die künstlerische Kontrolle behielten. Huang macht einen klaren Unterschied zwischen „generative AI“ und „content-control generative AI“.
Wir lernen: DLSS steht nicht nur für Deep Learning Super Sampling, sondern eben auch für Das Lässt Sich Schönreden.

Wie zum Beweis sprangen die Starfield-Entwickler von Bethesda per X-Posting zur Seite, in dem das Microsoft-Studio artig für „die Begeisterung und die Analyse“ rund um DLSS 5 dankt. Und weiter: „Dies ist ein erster Eindruck, und unsere Grafikteams werden die Beleuchtung und den finalen Effekt noch weiter anpassen, um das bestmögliche Ergebnis für jedes Spiel zu erzielen. Die Anpassungen liegen vollständig in der Hand unserer Künstler und sind für die Spieler völlig optional.“
Die Debatten, die extern über KI geführt werden, setzen sich intern fort: Ich kenne nur wenige Games-Unternehmer, die gegenüber KI-Einsatz nicht mindestens aufgeschlossen sind – andere sind geradezu aus dem Häuschen und können nicht verstehen, wenn etwa Grafiker ihre Anti-Haltung proaktiv in Bewerbungsunterlagen und -gesprächen verarbeiten.
Doch die Vorbehalte kommen halt auch nicht von ungefähr. Abseits der kreativen Selbstachtung schwingt auch die Sorge um den Arbeitsplatz mit: Laut jüngstem State of the Game Industry Report rechnet mehr als die Hälfte (!) der befragten Entwickler mit negativen Auswirkungen durch KI auf die Branche.
Künstliche Intelligenz wird somit auf mehreren Ebenen zu einem echten Marketing-Risiko, wie prominente Fälle der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben. Mag sein, dass sich das Gros der User nicht dafür interessiert, ob ein NPC von einer KI eingesprochen wird. Aber es reichen – siehe ‚Koan Neuer‘ – eben auch schon 10 oder 20 Prozent an Ultras, die für schlechte Stimmung in den Steam-Rezensionen sorgen. Die Arc Raiders-Entwickler haben KI-Stimmen nachträglich durch Synchronsprecher ersetzt – sicher ist sicher.
Noch ist Nvidias DLSS 5 nicht serienreif, doch das soll sich bis zum Herbst ändern, wenn die entsprechenden Treiber für 4.000-€-Grafikkarten der RTX 5090-Baureihe zur Verfügung stehen.
Bleibt nur die Frage, ob die Kundschaft bis dahin DLSS-5-reif ist.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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