
Der Kulturstaatsminister solle bitte aufhören, Preise zu verteilen, ätzt Der Spiegel. Zum Glück ist Wolfram Weimer nicht für Games zuständig.
Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,
man kann weiß Gott nicht behaupten, dass Wolfram Weimer derzeit so etwas Ähnliches wie einen Lauf hätte: Der parteilose Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat erst im Mai 2025 Amt und Büro von Claudia Roth (Grüne) im Kanzleramt übernommen. Seitdem sorgt Weimer verlässlich für Negativ-Schlagzeilen.
Gleich zum Start seiner Tätigkeit gab es Irritationen um den Ludwig-Erhard-Gipfel, den die Weimer Media Group ausrichtet – und um die Frage, ob womöglich Zugänge zu Spitzenpolitikern gegen Entgelt vermittelt wurden. Langjährige Stammgäste aus Ministerien, Staatskanzleien und Parteizentralen gingen auf Distanz.
Im Februar hat der Staatsminister prominente Regisseure und Schauspieler mit der Idee aufgebracht, die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle abzulösen, weil sie dem syrisch-palästinensischen Filmemacher Abdallah Alkhatib eine Bühne für anti-israelische Volten gab. Weimers Hebel: Der Bund steuert 10 Mio. € zur Finanzierung des Berliner Filmfestivals bei. Nach Offenen Briefen und Krisensitzung steht fest: Tuttle darf weitermachen – vorerst.
Dass sich in dieser Woche erneut Rücktrittsforderungen zeitigten, liegt am Deutschen Buchhandlungspreis, der am kommenden Donnerstag zur Leipziger Buchmesse verliehen werden sollte. Die Süddeutsche Zeitung hatte herausgefunden, dass die Auszeichnung drei sehr linken Buchläden vorenthalten wurde, weil diese zuvor im Rahmen einer Abfrage beim Verfassungsschutz durchgefallen seien. Warum genau – unklar. Der Kulturbetrieb schäumt; die betroffenen Buchhändler wollen klagen. Am Dienstag hat Weimer die Zeremonie kurzerhand abgesagt – die verbliebenen Preisträger bekommen Urkunde und Preisgeld zugeschickt.
Vor diesem Hintergrund darf man fast eine Kerze ins Fenster stellen, dass sich Deutschlands Videospiele-Industrie erfolgreich vom Zugriff des Kanzleramts emanzipiert hat.

Denn noch bis 2014 wurde der mit immerhin 800.000 € dotierte Deutsche Computerspielpreis (DCP) von Weimers Vorgängern ausgelobt. Jenem Jahr, als meine Journalisten-Kollegen Heiko Klinge und André Peschke aus Protest ihr Jury-Mandat niederlegten. Der Grund: Lobby-Verbände und Politik hatten sich im stillen Kämmerlein eine Abstellgleis-Kategorie ausgedacht, die sicherstellen sollte, dass kein Mandatsträger mehr in die Verlegenheit kommt, ein USK-18-Spiel wie Crysis 2 (2012 gewonnen) oder Spec Ops: The Line (2013 nominiert) auszeichnen zu müssen.
Dass dem Crytek-Ego-Shooter der Hauptpreis zugesprochen worden war, sorgte für einen politischen Tsunami – der Preis stand auf der Kippe. Die Unions-Fraktion verstieg sich zur unverhohlenen Drohung, man stehe einer „Neubesetzung der Jury offen gegenüber“. Motto: Dinge können kaputt gehen. Juroren wie ein gewisser Lars Klingbeil (heute SPD-Chef, Finanzminister und Vizekanzler) verwahrten sich dagegen in aller Schärfe.
Bereits im Folgejahr wurde der Quatsch-Passus wieder einkassiert – die Mütchen kühlten sich ab. Seitdem gilt: Solange ein Spiel ein USK-Logo aufweist, kann und darf es auch gewinnen – siehe The Witcher 3, Red Dead Redemption 2 oder God of War Ragnarök als ‚Bestes Internationales Spiel‘. Oder Cryteks Hunt Showdown (Bestes Live Game 2022). Oder Ad Infinitum (Triple-Sieger 2024).
Derweil sich also mindestens Filmwirtschaft und Literaturbetrieb einer ziemlich unangenehmen Reinquatscherei ausgesetzt sehen, hat sich die Lage der Spiele-Entwickler schrittweise verbessert. Was – cui honorem, honorem – auch dem unermüdlichen Wirken der CSU-Raumfahrtbeauftragten Dorothee Bär zu verdanken ist, die 2019 sogar ihre vielbeschäftigte Chefin dazu überredete, den Feierabend weinselig mit Computerspielpreis-Nominierten zu verbringen.
Der Kreis schließt sich: Nach Stationen im Verkehrs- und Wirtschaftsministerium ist die Games-Politik inklusive DCP zielsicher in Bärs Ministerium gelandet.
In diesen Wochen tagen die Jurys für den diesjährigen Computerspielpreis, der am 29. April in München verliehen wird. Die Beratungen geschehen hinter verschlossenen Türen. Doch aus eigener Anschauung und nach allem, was Teilnehmer glaubhaft berichten, würde ich behaupten wollen, dass die Fachleute (mittlerweile) tatsächlich unabhängig sichten, diskutieren und abstimmen. Niemand quatscht rein. Es klingt wie eine Selbstverständlichkeit – aber das ist es nicht, siehe oben.
An Weimers Interventionen zeigt sich das komplizierte Spannungsverhältnis zwischen Politik und Kulturbetrieb, wozu natürlich auch Computerspiele zählen. Beide können nicht ohne einander. Wirtschaftliche, zuweilen existenzielle Abhängigkeiten sind offenkundig. Ob Opernhäuser, Orchester, Theater, Festivals, Preisverleihungen oder Kongresse: Die meisten Angebote würden ohne gezielte Zuwendungen keinen Tag überleben oder erst gar nicht existieren – auch nicht der DCP. Die einen brauchen Subventionen, die anderen den Roten Teppich und Airtime.
Allein den Verdacht, dass sich durch diese Gemengelage mindestens zarte Risiken für inhaltliche Einflussnahme ergeben, würden alle Beteiligten natürlich mit Abscheu und Empörung von sich weisen. Und trotzdem sind etwa die Gremien von ARD und ZDF weiterhin durchsetzt mit Ministerpräsidenten, Staatssekretären, Landtagspräsidenten und Ministern, die Budgets und „Richtlinien“ überwachen und bei der Besetzung von Programmdirektoren und Chefredakteuren mitreden.
Nur zur Sicherheit.
Dies und anderes mehr wird gerne verdrängt inmitten all der schlechtgelaunten Rants in Richtung der Vereinigten Staaten, sobald der Influencer-in-Chief mal wieder einen Late-Night-Talker verbal kreuzigt. Denn auch hierzulande gilt: Kunst und Kultur müssen ihren ‚Indie-Status‘ inklusive Meinungsfreiheit hart erkämpfen und eisern verteidigen. Immer und immer und immer wieder aufs Neue.
Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen
Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft
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