Start Meinung Und was wird jetzt aus Anno? (Fröhlich am Freitag)

Und was wird jetzt aus Anno? (Fröhlich am Freitag)

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Ubisoft-Auftritt auf der Gamescom 2025 - im Fokus: Anno 117.
Ubisoft-Auftritt auf der Gamescom 2025 - im Fokus: Anno 117.

Bei Ubisoft brennt es lichterloh: Das Vertrauen der Investoren ist auf einem Allzeit-Tief. Viel Zeit bleibt nicht für den Turnaround.

Verehrte GamesWirtschaft-Leserin,
verehrter GamesWirtschaft-Leser,

ich hatte mir am Mittwoch bereits ein schönes Feierabend-Schaumbad eingelassen und etwas Lesestoff bereitgelegt, als ich versehentlich nochmal einen Blick in den Posteingang warf. Just in dieser Sekunde traf die „Wichtige Unternehmensmitteilung“ von Ubisoft ein – und bereits beim stichprobenartigen Doom-Scrolling des siebenseitigen Dokuments fiel mir fast das Handy in die Wanne.

Mit dem Ergebnis, dass ich das Schaumbad unverrichteter Dinge wieder abließ, um mich am PC durch das Dickicht an Buzzword-Prosa zu den wesentlichen Erkenntnissen vorzukämpfen. Und die haben es in sich: Die Liste der Grausamkeiten reicht von Projekt-Stopps und Verschiebungen bis hin zu riesigen Abschreibungen und radikal zurecht gestutzten Planzahlen.

Mit Ausnahme der abgeschafften Home-Office-Regelung wäre jede Einzelmaßnahme Anlass genug für eine Adhoc-Meldung. Ubisoft hatte sich indes dazu entschieden, die schlechten Nachrichten am Stück zu verbreiten. Everything everywhere all at once.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Im Kern steht die Botschaft, dass das Ubisoft-Inventar an Entwicklern, Marken und Studios auf fünf Einheiten verteilt wird, sogenannte ‚Creative Houses‘. Anders als es die Bezeichnung nahelegt, sind die Häuser mit Ausnahme des bereits kommunizierten Tencent-Joint-Ventures Vantage Studios bemerkenswert stumpf durchnummeriert – 2, 3, 4, 5. Was nahe legt, dass das Konzept mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Warum die Flurbereinigung? Kurz gesagt: Aus einem trägen Flugzeugträger mit wechselnden Zuständigkeiten sollen wendige Kreuzer werden – die jeweiligen Kapitäne und Crews sind für Kurs, Destination und Bordprogramm selbst verantwortlich. Das Ziel: mehr Tempo, mehr Effizienz, weniger Komplexität.

Das sind dann zwar immer noch keine Indie-Schnellboote. Aber wer Ubisoft schon länger verfolgt, weiß auch: So wie bisher konnte es nicht weitergehen. Alles dauert viel zu lange, ist viel zu teuer, verhungert auf halbem Wege oder gilt schlimmstenfalls als verschollen.

Beispiel: Mittlerweile sind geschlagene fünfeinhalb Jahre seit der letzten Status-Meldung zum 2017 angekündigten Beyond Good And Evil 2 vergangen – ein Action-Abenteuer, an dem auch Ubisoft Mainz baut und für das bis zuletzt Entwickler gesucht wurden. Als die letzte ‚News‘ anno 2020 online ging, lief noch die PlayStation 4 vom Band.

Und guess what: Das Projekt lebt. Immer noch. Es habe weiterhin „Priorität“, heißt es aus Paris. Ubisoft doing Ubisoft-things.

Am Aktienkurs lässt sich das geschwundene Vertrauen der Investoren ablesen: Um fast 40 Prozent ist das Ubisoft-Papier am gestrigen Donnerstag eingebrochen. Börsianer, Banken, Fonds haben abermals viel Geld verloren – und allerspätestens jetzt dürfte dies auch für die Geduld mit Gründer und CEO Yves Guillemot gelten.

Dem zuletzt nichts Besseres einfiel, als dem Sohnemann die Verantwortung für Assassin’s Creed, Far Cry und Rainbow Six Siege zu übertragen. Und der bei allen Verdiensten gefühlt viel zu oft „Oui“ und viel zu selten „Non“ sagt, wenn es darum geht, über jedes  Stöckchen und auf jedes noch so schmale Hype-Trittbrett zu springen – Virtual Reality, Blockchain, Krypto, Streaming, Metaverse, eigener Abo-Dienst, irgendwas mit KI.

Jetzt wieder mit dabei sein, die nächste Fahrt geht rückwärts.

Schon klar: Wenn man (wie ungefähr alle Analysten, Journalisten, Kunden) noch nie ein Spiel entwickelt geschweige denn veröffentlicht und erst recht keinen Milliarden-Konzern aufgebaut und geleitet hat, dann lässt sich von der Tribüne aus immer leicht unken, wenn Harry Kane einen Rückpass verhühnert.

Doch die schlichte Wahrheit lautet: Das Trial & Error der vergangenen Jahre hat sehr konkrete und sehr brutale Konsequenzen für die mehr als 16.000 Beschäftigten, die spätestens jetzt den Überblick verloren haben dürften, in welchem Stadium welcher Umstrukturierung sie sich gerade befinden.

Denn die Franzosen wollen weitere 200 Millionen Euro an Fixkosten auf Sicht der nächsten zwei Jahre einsparen – das geht im Games-Business nur mit kürzerer Payroll. An die bereits laufenden Sparrunden soll sich daher unmittelbar eine weitere anschließen. Ubisoft spricht in diesem Zusammenhang zynisch von einem „Momentum“ – Motto: Weil’s grad so gut läuft mit dem Kahlschlag, nehmen wir doch gleich noch etwas mehr Fett von den Rippen.

Details wird es in drei Wochen geben. Um offen zu sprechen: Ich mache mir Sorgen – insbesondere um die hiesigen Töchter mit kumuliert über 800 Leuten. Und nachgelagert um den Games-Standort Deutschland, der Betriebe wie Ubisoft Düsseldorf oder Kolibri Games dringend braucht. Der Konzern ist hierzulande systemrelevant – vom DEP-Newcomer-Award über die Bedeutung für NRW bis zum House of Games in Berlin, wo Ubisoft Berlin im Herbst als Ankermieter einziehen soll.

Und natürlich gilt das auch für die Spiele, die hier entstehen. Die Marke Anno – das Kronjuwel germanischer Spiele-Kunst, an dem in Mainz 100+ Leute arbeiten – wird demnächst dem Kreativ-Haus mit der laufenden Nummer 4 zugeordnet, zusammen mit Rayman, Prince of Persia (dessen Remake in dieser Woche eingestellt wurde) und besagtem Beyond Good & Evil.

Wo sich adhoc eine Frage aufdrängt: Warum? Und: Wie um Himmelswillen sollen sich daraus Synergien oder gar bessere und erfolgreichere Spiele ableiten? Anno wirkt wie eine sichere Bank innerhalb einer bad bank. Dabei halte ich Anno eigentlich für unkaputtbar. Das dachte ich allerdings auch über Die Siedler – wo die Markenrechte mittlerweile in irgendeiner Bundeslade im Ubisoft-Gewölbe lagern.

Aber wer weiß: Vielleicht werden einzelne Standorte wie Ubisoft Mainz auch aufgewertet – mit mehr Prokura und Autonomie für Brands, Budgets, Belegschaft. Noch bewegen wir uns im Bereich der Spekulation. Doch bereits im Februar wird sich weisen, welchen Wert Guillemots warme Worte hatten, die er im Mai zum 30jährigen Jubiläum überbracht hat.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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