Start Meinung Das traurigste Weihnachten aller Zeiten – Vol. II (Fröhlich am Freitag)

Das traurigste Weihnachten aller Zeiten – Vol. II (Fröhlich am Freitag)

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"Heiligabend 14-03-02: Mein Geschenk hab ich schon": Statt der Xbox-Konsole lieferte Microsoft dieses T-Shirt aus.
"Heiligabend 14-03-02: Mein Geschenk hab ich schon": Statt der Xbox-Konsole lieferte Microsoft dieses T-Shirt aus.

Sony und Microsoft haben zunehmend Schwierigkeiten, die Nachfrage nach GTA 6-tauglichen Abspielgeräten zu bedienen. Und die Zeit bis zur Bescherung wird immer knapper.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

warum lange um den heißen Brei herumreden? Weihnachten fällt aus.

Zumindest für all jene Endverbraucher, die im Lichte der verbleibenden Wochen bis zur Bescherung der irrigen Annahme unterlagen, sie könnten den Erwerb geeigneter Spielkonsolen bis November oder Dezember hinauszögern. Die Realität sieht leider so aus, dass sich die Lager schneller leeren als Cola-Flaschen mit zugesetztem Mentos.

Beispiel: Das Sony-Topmodell PlayStation 5 Pro (UVP 899,99 €) ist derzeit nirgends zu bekommen – und wenn, dann für 1.300 € aufwärts auf den Marktplätzen von Amazon, Otto oder Ebay. Vorläufiger Höhepunkt: Ein Reseller hat in dieser Woche auf mediamarkt.de über 1.900 € aufgerufen, an diesem Freitag sind es gnädige 1.827,49 €.

Für das Geld kriegt man heutzutage schon ein iPhone.

Nun könnte man auf die Ideen kommen, zur Not einfach eine Xbox Series X zu ordern, die technisch vergleichbar ist mit einer Standard-PS5. Gibt’s bei Amazon für 654,70 € und damit deutlich unter dem Listenpreis von 799,99 € (!). Der Haken: Liefertermin ist der 29. März 2027. Für sofort lieferbare Ware wollen Dritthändler durchweg 1.000 € aufwärts haben. Selbst im offiziellen Microsoft Store ist Ebbe.

Möge niemand sagen, er sei nicht rechtzeitig gewarnt worden.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Wie es der Zufall will, jährt sich in diesen Tagen eine Kolumne vom Oktober 2021. Der Titel lautete damals: „Das traurigste Weihnachten aller Zeiten“. Die Branche befand sich inmitten des Corona-Unwucht. Die Regale waren wie leergefegt – Konsolen, Zubehör, Laptops. Jede frisch angelieferte Palette wurde den Händlern aus den Händen gerissen. Der damalige Xbox-Boss Phil Spencer prophezeite, die Engpässe könnten noch monatelang anhalten. Er sollte Recht behalten.

Die Gründe für die Malaise des Jahres 2026 sind verblüffenderweise fast deckungsgleich mit 2021 – abzüglich der Pandemie. Damals fehlte es an Halbleitern und Komponenten; selbst die Bänder bei Autoherstellern standen still. Heute haben wir es mit einer KI-befeuerten Mangellage bei Speicher-Chips, SSDs, Festplatten und VRAM zu tun: Das sogenannte ‚RAMageddon‘ ist neben den Trump-Tariffs der Grund dafür, warum Spielkonsolen heute 50 Prozent mehr kosten als bei Markteinführung vor sechs Jahren.

Wenn man schon kein Glück hat, kommt auch noch Pech dazu: Denn im Frühjahr 2021 verkeilte sich der XXL-Frachter Ever Given im Suezkanal. Die Weltwirtschaft brauchte Monate, um den Rückstau abzuschichten.

Auch jetzt ist der Schifffahrtsweg wieder im Fokus – zwar aus anderen Gründen, aber mit vergleichbaren Folgen. Denn die Containerschiffe aus Asien (also die mit den Spielkonsolen an Bord) nehmen normalerweise die Route über das Rote Meer durch den Suezkanal, schippern weiter übers Mittelmeer und schließlich immer an der Atlantikküste entlang. Das dauert fünf bis sechs Wochen. Normalerweise.

Bedeutet: Die Konsole, die heute in Vietnam oder China vom Band läuft, ist frühestens Anfang November in Rotterdam oder Bremerhaven. Von dort braucht es dann nochmal ein paar Tage bis zu den Logistikzentren der Elektronikmärkte und Versender.

Weil aber die Huthi-Milizen zunehmend die Meerenge bei Jemen kontrollieren, entscheiden sich Reedereien für den Umweg über das Kap der guten Hoffnung, sprich: über die Südspitze Afrikas. Das nimmt viel mehr Zeit in Anspruch (nämlich bis zu acht Wochen) und verteuert allein dadurch die Frachtkosten erheblich. Die Bild raunte vorsichtshalber in dieser Woche: Verteuert die Huthi-Blockade unser Weihnachtsfest?

Falls es knapp werden sollte mit der rechtzeitigen Bereitstellung substanzieller Mengen vor der Bescherung, dann könnte Microsoft immer noch jene T-Shirts neu auflegen, die vor 25 Jahren entlang der Vorbestell-Phase für die erste Xbox verteilt wurden: „Heiligabend 14-03-02 – Mein Geschenk hab ich schon!“

Denn in Europa kam die Konsole erst vier Monate nach den USA und damit deutlich nach Weihnachten in den Handel – der Platz unter Deutschlands Tannenbäumen blieb leer. Die Jenseits-von-Gut-und-Böse-UVP von 479 € wurde wegen schleppender Nachfrage schon nach wenigen Wochen auf das PlayStation-2-Niveau von 299 € abgesenkt.

Noch ein Wort in eigener Sache: Großes Dankeschön für die außergewöhnlich vielen und erfreulich reflektierten Rückmeldungen zur Games-Branche vs AfDKolumne vom vergangenen Freitag. Wenig überraschend treibt die politische Gemengelage viele Menschen in der Branche um – innerhalb der Belegschaften wird kontrovers diskutiert.

Die Debatte schwappt erkennbar über die Landesgrenzen hinaus. Interessanterweise haben daher auch internationale Konzernzentralen die eine oder andere Nachfrage, was denn da los sei in Tschörmäni und Sächsen-Änhält – und was das eigentlich mit dem eigenen Videospiele-Biz zu tun hat.

Würde ich mir wünschen, dass dieser Diskurs in der Industrie etwas ‚öffentlicher‘ statt fände? Definitiv. Kann ich total verstehen, wenn man seine Gedanken lieber nicht in LinkedIn-Kommentare oder Social Media-Kanäle kippt, wo sich zufällig angespülte Trolle an Nebensätzen festbeißen? Absolut.

Gefühlslage: Die Nummer wird uns noch eine Weile beschäftigen. Wiedervorlage: Sonntag, 18 Uhr.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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