Start Gamescom Ist die Gamescom eine ‚Influencercom‘? Jetzt reden die Agentur-Chefs

Ist die Gamescom eine ‚Influencercom‘? Jetzt reden die Agentur-Chefs

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Papaplatte gehört zu jenen Influencern, die ihre Fans bei Meet & Greets in der Signing Area der Gamescom treffen.
Papaplatte gehört zu jenen Influencern, die ihre Fans bei Meet & Greets in der Signing Area der Gamescom treffen.

Die einen kommen gezielt wegen ihres Lieblings-Streamers zur Gamescom – andere fühlen sich von Influencern regelrecht genervt. Veranstalter, Agenturen und Aussteller suchen das rechte Maß.

Wenn selbst die ehrwürdige Tagesschau darauf hinweist, dass ein Gaming-Influencer bewusst nicht am „weltweit größten Games-Event“ teilnimmt, dann ahnt auch der Laie: Hier ist etwas ins Rutschen gekommen.

Denn HandOfBlood alias Maximilian Knabe alias Hänno gehört zu den Stars des Gewerbes, der zwar rund ums Koelnmesse-Gelände auf Plakaten für den eigenen Cola-Mix wirbt, die Gamescom 2026 aber auch in diesem Jahr aus sicherer Entfernung verfolgen wird (mehr dazu in diesem Interview und in diesem LinkedIn-Posting von Instinct3-Geschäftsführer Johannes Gorzel).

Es ist das exakte Gegenmodell zur Gamescom 2018, wo er gemeinsam mit Trymacs die riesige Fortnite-Bühne bespielte – vor Abertausenden Fans. Auch Trymacs hadert damit, wie sich die Messe verändert hat: Viele Besucher kämen explizit nach Köln, um ihren Lieblings-YouTuber oder -TikToker zu sehen.

Das Etikett ‚Influencercom‘ klebt wie Kaugummi an der Veranstaltung.

Ist die Gamescom eine ‚Influencercom‘?

Und es sind bei weitem nicht die Einzigen: Einige der größten Gaming-Influencer des Landes räumen auf Nachfrage ein: Gamescom? Ohne uns. Einige meiden das Gelände komplett – andere suchen bestenfalls ausgewählte Events auf. Unangekündigt, inkognito, ohne Kamera.

Die Gamescom-Veranstalter haben das Thema im Blick. Als Kipppunkt darf der Auftritt von MontanaBlack anno 2022 gelten: Dem Streamer folgte eine immer größer werdende Fan-Lawine beim Livestream-Rundgang übers Gelände – eine Lawine, die alles mitriss, was sich ihr in den Weg stellte. Und was dazu führte, dass ernsthafte Sicherheitsbedenken laut wurden.

Im Nachgang wurde die bis dato recht entspannte Influencer-Politik der Gamescom spürbar nachgeschärft – einige Beispiele:

  • Creator-Besuche und -Auftritte in den Publikums-Hallen müssen frühzeitig angemeldet und genehmigt werden.
  • Früher galt bei organisierten Autogrammstunden das Motto ‚First come – first hug‘. Jetzt müssen (kostenlose) Tickets für die Signing Area reserviert werden, damit wirklich jeder Fan verlässlich Foto, Autogramm oder Umarmung bekommt.
  • Ein seperater Creator Co-Working-Space in Halle 11 dient als Wellness-Rückzugsort für Influencer samt Entourage.
  • Auch das Bühnenprogramm der ‚Social Stage‘ in Halle 1 ist räumlich getrennt vom Messebetrieb.
Nur akkreditierte Creator und Influencer haben Zugang zum Gamescom Co-Working-Space der Gamescom (Foto: Koelnmesse / Thomas Klerx)
Nur akkreditierte Creator und Influencer haben Zugang zum Gamescom Co-Working-Space der Gamescom (Foto: Koelnmesse / Thomas Klerx)

Die Liste der bestätigten YouTuber, Streamer und Tik-Tok-Stars ist auch in diesem Jahr lang. Doch wer nicht zufällig in eine Stand-Show stolpert, wird von Social-Media-Stars und -Sternchen vergleichsweise wenig mitbekommen. Und trotzdem bleibt der Eindruck einer ‚Influencercom‘, bei der die namensgebenden Games in den Hintergrund rücken.

Doch wie blicken eigentlich diejenigen darauf, die große Spiele-Hersteller hauptberuflich mit Auftritten und Reichweiten von Influencern versorgen? GamesWirtschaft hat im Vorfeld der Gamescom bei den marktführenden Agenturen nachgefragt, wie sie die Alle-Jahre-wieder-Debatte wahr nehmen.

PietSmiet-Manager Jens Kosche: „Suchen den Kontakt zu Ausstellern und Fans“

Jens Kosche ist Geschäftsführer der PietSmiet UG: Brammen, Sep, Chris, Peter und Jay gehören zu den Urgesteinen der YouTuber- und Twitch-Szene. Das Quintett steht unter anderem am Samstag für eine eigene Drei-Stunden-Show auf der Bühne der Event Area.

Kosche verweist darauf, dass Knabe alias HandOfBlood ja trotz Fernbleibens sehr wohl in seinen Livestreams über die Gamescom berichtet und so dafür sorgt, dass die Gamescom attraktiv und erlebbar ist, auch für Zuschauer die nicht vor Ort sind. Das sei erst mal positiv zu bewerten.

Der langjährige EA-Manager Jens Kosche wird neuer CEO der PietSmiet UG (Foto: GamesWirtschaft / Logo: PietSmiet UG)
Der langjährige EA-Manager Jens Kosche wird neuer CEO der PietSmiet UG (Foto: GamesWirtschaft / Logo: PietSmiet UG)

„PietSmiet sind vor Ort und suchen den Kontakt sowohl zu den Ausstellern, als auch mit den Fans, in dem wir eine unter anderem eine eigene Show für die Gamescom präsentieren werden“, sagt Jens Kosche. „Wir haben das Gefühl, dass die Messe sich sehr gut für das gemeinsame Erleben der Messebesucher einsetzt um sowohl Games als auch die vielen anderen Aktionen, zu denen eben auch Influencer gehören zu erleben. Ob vor Ort oder zu Hause im Stream. Wichtig ist doch vor allen Dingen, dass wir die Gamescom und die vielen Attraktionen, die es dort gibt, erlebbar machen für die Besucher vor Ort und für das Publikum, die die Messe digital genießt.“

Newbase-Gründerin Lena Nießen: „Wir können beidseitig voneinander profitieren.“

Auch Lena Nießen hat einige Top-Stars aus dem obersten Regal unter Vertrag: Die Gründerin und Chefin der Kölner Agentur Newbase vermarktet unter anderem Papaplatte, Gnu, CrispyRob und Reeze, der in diesem Jahr Autogramme in der Signing Area schreibt.

Nießen nimmt wahr, dass es sich bei der Debatte um die Rolle der Influencer auf der Gamescom „nach wie vor ein akutes Thema“ handelt. Und sie räumt ein, dass es hier einen Ziel-Konflikt gibt: „Auf der einen Seite werden Creator und Creatorinnen als unverzichtbarer Bestandteil gesehen, da sie der Branche enorme Sichtbarkeit verschafft und dadurch potentiell wirtschaftliches Wachstum generiert. Auf der anderen Seite nehme ich die Sorge wahr, dass die Rolle der Creator und Creatorinnen der Games (er)schaffenden Branche und ihre Entwickler und Entwicklerinnen zunehmend den Raum auf der Messe nimmt.“

Lena Nießen ist Gründerin und Geschäftsführerin der Kölner Influencer-Agentur Newbase.
Lena Nießen ist Gründerin und Geschäftsführerin der Kölner Influencer-Agentur Newbase.

Aus ihrer Sicht sollten beide ‚Sparten‘ bestmöglich Hand in Hand und auf Augenhöhe stattfinden: „Wir können beidseitig so gut voneinander profitieren, miteinander wachsen und gemeinsam etwas noch Schöneres für die Community mit Gaming Leidenschaft erschaffen. Ein gemeinsamer Austausch, wie wir beides noch harmonischer auf der Messe miteinander verbinden und dennoch beidem genug Raum geben, auch unabhängig stattzufinden, wäre natürlich schön.“

Ciberdime-Gründer Markus Schoof: „Influencer auf der Gamescom sind ein ‚added value'“

Mit seiner Agentur Ciberdime vermarktet Geschäftsführer Markus Schoof unter anderem Rosemondy, Domtendo, Iblali und Elotrix. Dass Creator einen wichtigen Stellenwert bei der Gamescom einnehmen, sei nicht von der Hand zu weisen.

Deshalb werde auch alles unternommen, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten – etwa durch abgegrenzte Flächen und Sicherheitspersonal, das auch auf Abruf zur Verfügung steht.

Die Social-Media-Stars seien für viele Besucher ein ‚added value‘, sagt Schoof. Was er damit meint: Gaming Content-Creator und Cosplayer sind ein Teil dieser Kultur und auch Teil der Industrie; aber nach seinem Empfinden nicht in dem Ausmaß, dass es den Kern der Gamescom verfremdet oder den Charakter ändert . Und natürlich gäbe es auch Besucher, die sich davon in ihrer subjektiven Wahrnehmung gestört fühlen.

Markus Schoof ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Ciberdime.
Markus Schoof ist Gründer und Geschäftsführer der Agentur Ciberdime.

„Ich glaube nicht, dass sich für den Besucher, der sich nicht für Content Creator interessiert, irgendetwas verändert. Ich glaube aber sehr gerne, dass für jemanden, der tief in der Gaming Creator Bubble unterwegs ist, die Wahrnehmung entstehen kann, dass es sich bei der Gamescom ausschließlich um Creator dreht“, so der Ciberdime-Gründer. „Wenn man zu einem großen Anteil News/Infos/Kommentare zur Gamescom aus seinem Social Media Feed bezieht, der eventuell sehr hoch Creator frequentiert ist, dann kann man bestimmt zur Annahme kommen, dass es sich nur noch darum dreht und damit die generelle Wahrnehmung der Gamescom etwas biased ist.“

Und Schoof zieht Vergleiche zum Fußball: Auch dort seien Hardcore-Fans der Meinung, dass Influencer nicht ins Stadion gehörten.

Insight-Co-CEO Angerstein: „Finde es schade, dass sich Creator und Messe rechtfertigen müssen.“

„Ausgebuchte Flächen, volle Hallen: Die Gamescom macht offenbar Vieles richtig“, konstatiert Nikolas Angerstein, Deputy Managing Director bei MSM.digital Communications und Co-CEO der Augsburger Agentur Insight. „Ich habe davor großen Respekt – denn eigentlich steht man vor einer unlösbaren Aufgabe, weil man so vielen und unterschiedlichen Interessen gerecht werden muss.“

Zu seinem Portfolio gehören unter anderem Amar, iCrimax, Lara Loft, LeFloid, Bonjwa, Milschbaum, Tinkerleo, Tolkin, Mexify und viele weitere Content Creator – und etliche werden regelmäßig für die Gamescom gebucht, auch 2026.

Nikolas Angerstein, Deputy Managing Director bei MSM.digital Communications und Co-CEO der Augsburger Agentur Insight
Nikolas Angerstein, Deputy Managing Director bei MSM.digital Communications und Co-CEO der Augsburger Agentur Insight

Angerstein bestätigt, dass die Koelnmesse den sehr engen und regelmäßigen Austausch mit Influenern und Agenturen sucht – gerade mit Blick auf Sicherheits-Fragen, Abläufe und die Bedingungen vor Ort. Es sei extrem wichtig, dass sich alle Beteiligten an die Vereinbarungen halten, inklusive der Messe selbst.

Gleichwohl könne er verstehen, wenn manche die Zeit zurückdrehen wollen. Doch die Art und Weise, wie Spiele vermarktet werden, habe sich dramatisch verändert – und deshalb habe sich auch die Gamescom ändern müssen: „Dass Spiele heute oft nicht mehr zwei Jahre vor Release anspielbar sind, dafür können die Veranstalter ja nichts. Die Gamescom ist heute thematisch viel breiter aufgestellt – und Influencer sind ein wichtiger Teil der Branche und deshalb auch wichtig für die Gamescom.“

Doch er stellt sich auf die Frage:Warum ist das etwas Schlimmes, wenn Besucher auch wegen der Influencer auf die Gamescom gehen? Es wird doch niemandem etwas weggenommen, wenn ein Meet & Greet in der Signing Area oder eine Bühnen-Show in Halle 1 stattfindet. Es gibt ja weiterhin genug Angebote für Besucher, die ohne Influencer stattfinden. Ich finde es richtig, dass auf eine gute Balance geachtet wird, aber schade, dass sich Creator und Messe dafür zum Teil rechtfertigen müssen.“

Und Angerstein kann gut nachvollziehen, wenn sich Influencer gegen eine Teilnahme entscheiden: „Denn es ist nicht trivial, zum Beispiel stundenlang direkt von der Messe zu streamen und bestimmte Formate funktionieren einfach besser vom Setup zu Hause aus. Das sollte übrigens auch immer bei der Zusammenarbeit von Marken mit Creatorn bedacht werden.“

Mit der Rolle von Influencern auf der Gamescom beschäftigt sich auch dieser Gastbeitrag von 1Up-Management-Geschäftsführer John-Dustin Martin.


Alle Informationen rund um die Gamescom 2026 (Tickets, Aussteller, Spiele, Öffnungszeiten, Hallenplan, Events, Anreise per Auto oder Bahn etc.) sowie eine laufend aktualisierte Übersicht bestätigter YouTuber, Streamer und Influencer finden Sie bei GamesWirtschaft.

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