Seit fast 30 Jahren gibt es das legendäre Maniac-Forum. Rocco Di Leo hat sich vorgenommen, dass weitere 30 hinzu kommen.
Von außen betrachtet würden Laien annehmen, dass es sich ’nur‘ um ein gleichermaßen nerdiges wie nischiges Internet-Forum handelt. Tatsächlich ist „das Maniac“ ein Stück deutscher Netz- und Games-Kultur. Denn in drei Jahrzehnten haben die Threads im Maniac-Forum schon legendäre ‚Schlachten‘ von Meinungs-Habern und Meinungs-Machern erlebt – vielfach unter Pseudonym oder anonym, über Konsolen, Games, Entwickler, Zeitschriften und natürlich über Gott und die Welt. In der Rubrik „For Sale“ ließen sich zudem private Kleinanzeigen platzieren.
Der Name geht zurück auf die Internet-Präsenz der Spielezeitschrift Maniac (Eigenschreibweise: MAN!IAC). Das 1993 gestartete Heft firmiert heute unter M! Games und wird weiterhin vom Cybermedia Verlag mit Sitz im schwäbischen Mering nahe Augsburg verlegt. 2008 hat der Verlag das Forum abgegeben – seit 2017 ist der Mainzer IT-Experte Rocco Di Leo verantwortlich, der dem Forum schon seit den 90ern angehört.
Februar 2026 hat Di Leo das Maniac-Forum frisch aufgesetzt – mit neuen Features und neuem Look. Gegenüber GamesWirtschaft erklärt er, welche Rolle ein Forum im Social-Media- und Discord-Zeitalter noch spielen kann – und was er sich vom Relaunch verspricht.
Maniac-Forum-Macher Rocco Di Leo: „Ich wollte nicht derjenige sein, unter dem eine fast 30 Jahre alte Diskussionskultur verschwindet.“
GamesWirtschaft: Wer die Games-Branche im deutschsprachigen Raum schon etwas länger verfolgt, weiß: Das Maniac-Forum gilt als mindestens kultig – manche würden sagen: berühmt-berüchtigt. Was verbindet dich persönlich mit dem Format, was treibt dich an?
Rocco Di Leo: Ich bin seit 1998 im Forum, mittlerweile mehr als die Hälfte meines Lebens. Damals war das einer der wenigen Orte, wo Gaming-Nerds und Leute aus der Branche gleichermaßen unterwegs waren. Heute ist das Forum für mich wie eine alte Stammkneipe, in der man die meisten Gesichter kennt, auch wenn man sich nie persönlich begegnet ist.
Moderator bin ich seit Anfang der 2000er. 2017 habe ich den Betrieb dann komplett von Andreas Ulrich übernommen. Beruflich war ich immer irgendwie in Games unterwegs, angefangen bei Lik-Sang in Hongkong, damals die wichtigste Import-Adresse für Konsolenspiele, später eine eigene Firma, die von Zynga übernommen wurde, zuletzt Kinder-Apps. Das Forum lief die ganze Zeit nebenher als Hobby. Geld hat es nie gebracht – Arbeit dafür schon, vor allem wenn wieder mal der Server streikte.

Modernisieren wollte ich das Forum schon ewig, bin aber nie dazu gekommen. Zwischen Familie und anderen Projekten war einfach nie der richtige Moment. Dass das Forum trotzdem seine Bedeutung behalten hat, lag an einer sehr loyalen Community und an den ehrenamtlichen Moderatoren. Dazu kamen engagierte Mitglieder, die in ihrer Freizeit sogar Apps gebaut haben, damit man das Forum unterwegs überhaupt nutzen konnte. Ohne diesen Einsatz wäre das Forum vermutlich schon vor Jahren eingeschlafen.
Irgendwann holte mich der Stillstand aber ein. Die Infrastruktur war ein Flickenteppich geworden und die Foren-Software entsprach nicht mehr dem, was User von anderen Plattformen gewohnt waren.
Dazu kam, dass die aktive Userschaft seit Jahren schrumpfte. Neue kamen kaum noch nach, weil ich die Registrierungen irgendwann als Notbremse gegen Trolle praktisch dichtgemacht hatte, mit so hohen Hürden, dass kaum noch jemand durchkam. Und auch manche Stamm-User wandten sich ab, der Umgangston hatte sich spätestens seit Corona in einzelnen Themen so verschoben, dass er auf andere Bereiche abfärbte und das Forum für viele anstrengend wurde.
Ohne grundlegenden Umbau wäre es jedenfalls früher oder später an einer dieser Stellen zerbrochen. Also musste ich mir irgendwann überlegen, wie es weitergeht und ob überhaupt.
Am Ende wollte ich einfach nicht derjenige sein, unter dem eine fast 30 Jahre alte Diskussionskultur verschwindet. 2023 habe ich die Community gefragt, wie ein neues Maniac-Forum aussehen müsste, und meine eigenen Ideen dazu gepackt.
Seit Februar 2026 ist der Relaunch live, die alte Foren-Software habe ich in den verdienten Ruhestand geschickt.
Hosting, Moderation, Programmierung, all das kostet Geld. Wie finanziert sich die Seite?
Das Forum ist klein, wenn man es mit Social Media vergleicht, hat aber eine spitze Zielgruppe mit erwachsenem Publikum. Unter den verlagsunabhängigen Gaming-Foren in Deutschland ist es eines der ältesten, die noch sehr aktiv sind.
Jeden Monat fließt inzwischen ein mittlerer dreistelliger Betrag in Server, Cloud-Dienste und Entwicklungs-Tools einschließlich KI, meine eigene Arbeitszeit, Buchhaltung und den ganzen Verwaltungskram nicht eingerechnet. Softwareentwicklung, Infrastruktur, Design, Texte, Rechtliches, Support, das mache ich alles selbst. Nur die Moderation läuft ehrenamtlich, über langjährige Foren-Veteranen.
Vor dem Relaunch lief finanziell alles über Affiliate-Links, also Provisionen aus den üblichen Partnerprogrammen. Seit dem Relaunch gibt es zusätzlich Supporter-Mitgliedschaften. Wer den Betrieb und die Weiterentwicklung mit 3,50 Euro im Monat oder 39 Euro im Jahr unterstützen will, bekommt dafür ein Bündel an Zusatzfunktionen und einen sichtbaren Status im Forum. Die Inhalte bleiben aber für alle frei lesbar und kommentierbar. Der Supporter-Status ist eher ein Dankeschön mit Extras als eine Premium-Schranke.
Pro Monat schreiben rund 500 verschiedene User eigene Beiträge. Dazu kommt ein vielfach größeres passives Publikum, über eine Million Seitenaufrufe im Monat. Wenn ich die letzten 18 Monate zusammenzähle, haben knapp 1.000 unterschiedliche User selbst gepostet. Davon haben etwa 150 eine Supporter-Mitgliedschaft abgeschlossen, also rund 16 Prozent. Das ist für mich ein starkes Signal, zum einen für die Verbundenheit der bestehenden Community, zum anderen dafür, dass da nach oben noch Luft ist.
Selbsttragend ist das Ganze noch nicht, so ehrlich muss ich sein. Schon vor dem Relaunch reichten die Affiliate-Einnahmen nicht aus, den Rest habe ich aus eigener Tasche finanziert, ohne Bannerwerbung, ohne Investoren. Ein aktiv entwickeltes Forum dieser Komplexität ist heute kein Hobby-Projekt mehr, auch wenn es von außen so aussieht.
Was Neuentwicklung und Betrieb realistisch kosten, unterschätzen viele, und Supporter-Beiträge allein werden das auf Dauer nicht tragen. Deshalb arbeite ich parallel an einem zweiten Standbein, das aus dem Forum heraus entstanden ist und mittelfristig auch anderen Communities helfen soll, die typischen Probleme beim Organisieren gemeinsamer Spiele-Sessions zu lösen. Mehr dazu, wenn es soweit ist.
Durch die neue technische Basis kann ich jetzt vieles ausprobieren, manches funktioniert, manches verwerfe ich wieder, ganz normaler Gründer-Alltag. Daraus entstehen Ideen, die das Forum auch in Zukunft von anderen abheben sollen, und mit dem Relaunch sehe ich zum ersten Mal eine realistische Perspektive, dass sich die Finanzierungslage ändern kann. Am meisten hilft aktuell, wenn Mitglieder, die wollen und können, die Arbeit mit einer Supporter-Mitgliedschaft wertschätzen.
Wo liegt aus deiner Sicht der heutige USP oder Mehrwert des Forums gegenüber Facebook-Gruppen, Discord, Reddit, Social Media & Co.?
Ich glaube, Foren erleben gerade eine Renaissance, und das hat viel damit zu tun, dass Social Media nicht ohne Grund einen immer schlechteren Ruf bekommt. Plattformen wie X oder Facebook haben ihre Berechtigung und ihre Reichweite, aber wer dort heute eine konstruktive Diskussion sucht, kommt nicht weit. Was man bekommt, ist ein Antworten-Stakkato voller Polarisierung und Schnellschüsse. Ein Forum funktioniert grundlegend anders, und diese bedachtere Art zu diskutieren ist heute wieder gefragt.
Zudem verschwinden Beiträge im Forum nicht nach 24 Stunden im Algorithmus. Eine gute Diskussion, egal ob zu einem Spiel oder zu einem ganz anderen Thema, kann über Wochen oder Monate reifen, und in zehn Jahren findet sie noch jemand über die Suche. Das Maniac-Forum hat knapp fünf Millionen Beiträge aus drei Jahrzehnten, das bildet ein Stück deutschsprachige Online-Gaming-Kultur ab, das es in dieser Kontinuität kaum noch gibt. Sowas leistet keine Social-Media-Plattform, weil deren Architektur gar nicht darauf ausgelegt ist.
Im Maniac lernt man sich außerdem über die Jahre gegenseitig kennen. Wer etwas schreibt, wird gelesen und bekommt Antworten. Viele aktive Mitglieder sind seit 20 Jahren oder länger unter demselben Nicknamen dabei, und mit der Zeit weiß man, wer wofür steht, auch wenn man die Person nie persönlich getroffen hat. Das gilt für langjährige Stamm-User genauso wie für jemanden, der gestern angefangen hat. Anders als auf Social Media gibt es hier weder Follower-Zahl noch Algorithmus, der jemanden bevorzugt. Unterm Strich erarbeitet man sich Reputation über interessante und konstruktive Beiträge.
Ein zentraler Baustein, um das sichtbar zu machen, ist das Aura-System, eine Mischung aus Community-Selbstregulierung und einem Bewertungssystem, das zwischen objektiver Qualität und subjektiver Wirkung eines Beitrags unterscheidet. Dabei zählt nicht jede Stimme gleich, das mehrstufige Bewertungssystem gewichtet nach Leseverhalten und Vertrauensprofil und erkennt, wenn sich Bewertungen gezielt gegen einzelne User richten.
Es geht also weniger um den einzelnen Beitrag als ums große Ganze. Aura macht die Stimmung in einem Thema oder Board sichtbar und gibt Autoren Hinweise, warum manche ihrer Beiträge anders ankommen als gedacht.

Natürlich war mir klar, dass so eine große Umwälzung erstmal Diskussionen auslöst, gerade durch die schlechten Erfahrungen, die viele mit Karma-Systemen anderer Plattformen wie Reddit gemacht haben. Aber Aura ist anders aufgebaut, und die ersten Monate stimmen mich zuversichtlich, denn die Daten deuten in die richtige Richtung und das Miteinander im Forum fühlt sich spürbar entspannter an als vor dem Relaunch.
Aura entlastet außerdem die Moderation, weil es die Community in Entscheidungen einbindet, die früher allein bei den Mods lagen. Neue User brauchen zum Beispiel zehn Begrüßungen, um vom Neuling zum Stammuser mit vollen Rechten aufzusteigen. Das motiviert sie ganz nebenbei, sich aktiv einzubringen, am Ende profitieren beide Seiten.
Beim Look-and-Feel war mir wichtig, das Maniac als Maniac zu lassen. Die alte dreigeteilte Ansicht steht weiter, mobil gibt es jetzt eine eigene Ansicht, die sich wie eine App anfühlt. Ein Forum mit eigenem Kopf eben.
Welche ‚Zielgruppen‘ hast du abseits der bestehenden Community mittelfristig im Blick? Und wie willst du das anstellen?
Mir ist wichtig, behutsam vorzugehen. Steiles Wachstum hat das Maniac selbst in seinen besten Zeiten nie erlebt. Und weil die Registrierungen jahrelang praktisch zu waren, war die Community in der Zeit komplett unter sich. Mit vielen neuen Gesichtern auf einmal umzugehen, muss sie also erstmal wieder lernen.
Gleichzeitig lebt das Forum von einem erwachsenen Publikum, der Altersdurchschnitt liegt über 40, und die Leute bringen neben der Spiel-Leidenschaft einiges an Lebenserfahrung mit. Die Frage ist für mich also nicht nur, wen ich erreiche, sondern auch, wie ich das Wachstum gestalte, damit die bestehende Kultur erhalten bleibt.
Die Ausgangslage ist natürlich nicht einfach. Viele andere klassische Gaming-Foren wurden in den letzten Jahren abgeschaltet oder sind deutlich weniger aktiv geworden, das Maniac ist immerhin online geblieben. In den Hochzeiten 2006/2007 schrieben im Forum über 1.000 unterschiedliche Autoren pro Monat, heute ist es etwa die Hälfte. An diese Zahlen möchte ich wieder herankommen.
Die niedrigste Hürde sehe ich bei ehemaligen Maniac-Usern, die irgendwann zwischen 2010 und 2020 den Kontakt verloren haben, aus technischen, atmosphärischen oder einfach lebensbedingten Gründen. Das sind tausende Leute, denen die Pseudonyme und die Diskussionskultur noch vertraut sind. Alte Accounts funktionieren weiterhin, wer früher aktiv war, kann einfach wieder einsteigen.
Dazu erlebe ich in meinem Umfeld immer mehr Leute, die mit den großen Plattformen abgeschlossen haben und einen tieferen Austausch über Gaming und andere Themen vermissen.
Ein Forum heute zu betreiben ist natürlich deutlich mühsamer, als einen Discord-Server oder eine Facebook-Gruppe zu führen. Moderation, Spam, Trolle, dazu rechtliche Anforderungen vom Impressum bis zum Datenschutz, all das landet bei einem selbst statt bei einer großen Plattform.
Wer den Aufwand trotzdem stemmt, behält dafür die Hoheit über Inhalte und Daten. Und bietet der Community einen Ort, an dem nicht Algorithmen und Reichweite den Ton angeben, sondern die Menschen selbst. So gesehen sind Foren die Mühe wert, vielleicht heute mehr denn je.
Das Maniac gibt es seit fast 30 Jahren. Jetzt geht es darum, die nächsten 30 vorzubereiten.













