Start Politik EU-Studie sieht keinen negativen Effekt durch Raubkopien

EU-Studie sieht keinen negativen Effekt durch Raubkopien

Die Piraterie-Studie der Brüsseler EU-Kommision kommt zu überraschenden Ergebnissen (Foto: Corentin Béchade)
Die Piraterie-Studie der Brüsseler EU-Kommision kommt zu überraschenden Ergebnissen (Foto: Corentin Béchade)

Über die brisanten Inhalte einer Studie hätte die EU-Kommission am liebsten den Mantel des Schweigens gebreitet. Denn die Umsatzverluste durch illegale Kopien sind offenbar überschaubar.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Veröffentlichung einer Piraterie-Studie ausgerechnet einer EU-Abgeordneten der deutschen Piratenpartei zu verdanken ist. Denn dass die längst vorliegenden Ergebnisse seitens der EU-Kommission bislang nicht freiwillig publiziert wurden, hat Gründe.

Bereits 2013 wollte man in Brüssel herausfinden, ob und in welchem Umfang sich Raubkopien auf den Umsatz mit Filmen, Musik, Büchern und Spielen auswirken. Also wurde vor vier Jahren eine Studie in Auftrag gegeben, die Ergebnisse lagen 2015 vor. Doch veröffentlicht wurden die Resultate nicht: Verschärfte Überwachung, Einsatz von Filtern, Leistungsschutzrechte plus höhere Strafen lassen sich nun mal nur dann  durchsetzen, wenn die Kollateralschäden für die Film-, TV- oder Games-Branche hinreichend groß ausfallen.

Die Lobby-Verbände der Kreativ-Industrie argumentieren seit jeher, dass illegale Kopien sowohl Umsatz als auch Arbeitsplätze kosten.

Dummerweise lässt sich diese Argumentation nicht aus der Studie ableiten. Kurzum: Das Ergebnis passte nicht zur gestellten Aufgabe – und deshalb verschwand das Dokument bis vor wenigen Tagen in der Versenkung.

EU-Studie: Wirtschaftlicher Schaden durch Raubkopien nicht belegbar

Die Autoren der EU-Studie kommen zum Ergebnis, dass sich kein statistisch stichhaltiger Beleg ableiten lässt, dass Raubkopierer den Umsatz der Kreativbranchen schmälern. Zu den Ausnahmen zählen neuere Kino-Blockbuster: Wer vermehrt auf entsprechende illegale Angebote zurückgreift, gibt weniger Geld für legalen Filmkonsum aus.

Der Befund ist um so überraschender, da Urheberrechtsverletzungen offenkundig weit verbreitet sind. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen und mehr als zwei Drittel der Jugendlichen haben demnach bereits illegale Kopien heruntergeladen oder anderweitig genutzt. Inzwischen hat sich mindestens seitens der Film- und Games-Branche die Erkenntnis durchgesetzt, dass die zeit- und kostenintensive juristische Verfolgung einzelner Konsumenten keine abschreckende Wirkung hat – das Bemühen richtet sich mittlerweile direkt gegen die Betreiber von Filehostern.

EU-Studie widerlegt Mythos von Kollateralschäden durch Raubkopien

Der jahrzehntelang kultivierte Mythos vom existenzbedrohenden Raubkopierer wird durch die EU-Studie Seite für Seite widerlegt.

Dem Computerspiele-Markt bescheinigt die Studie sogar einen positiven Effekt durch illegale Kopien, weil sie letztlich doch zum Kauf durch den Nutzer führen – gerade dann, wenn Studios und Publisher einen Mehrwert anbieten. Erfolgs-Storys wie der Online-Shooter „Playerunknown’s Battlegrounds“ belegen, dass sich selbst für halbfertige Produkte Verkaufspreise von 30 Euro durchsetzen lassen.

Zu berücksichtigen ist außerdem, dass die Studie aus dem Jahr 2014 stammt – also erst kurz nach dem Europastart von Netflix und ähnlicher Streaming-Dienste durchgeführt wurde. Das stete Wachstum solcher Angebote ist ein Beleg dafür, dasss die User durchaus bereit sind, für digitale Inhalte zu bezahlen – Vorreiter war der Musik-Sektor mit iTunes und Spotify. Auch Steam, GOG.com und die großen Appstores können als Beleg dafür herhalten, dass ein einfaches, komfortables und fair bepreistes Angebot funktioniert.

Piraten-Politikerin Julia Reda kritisiert EU-Kommission

Eine Vielzahl weiterer Dienstleister und Plattformen buhlen mit Pauschalen, Paketpreisen und günstigen Abotarifen um Kundschaft. Es ist daher anzunehmen, dass sich die grundsätzlichen Entwicklungen eher verstärkt haben.

Die komplette, englischsprachige Studie ist auf der Website der Europa-Abgeordneten Julia Reda nachzulesen. Die Politikerin mahnt die Kommission, die „Debatte um die Urheberrechtsreform auf ein sachlicheres Niveau zu bringen, indem sie relevante Zahlen und Fakten zeitnah veröffentlicht“ – zumal es sich ja um eine durch Steuergelder finanzierte Studie handelt. „Es darf nicht wieder vorkommen, dass kritische Erkenntnisse Staub ansammeln, bis sich jemand aktiv um ihre Veröffentlichung bemüht“, so Piratin Reda.

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