Webedia stellt das Spielebewertungs-Portal Gamespilot ein – und schlägt Redaktion und Community der Marke GamePro zu. Das Konsolen-Magazin soll sich stärker denn je vom PC-Flaggschiff GameStar emanzipieren.

Restaurants, Hotels, Ärzte – im Netz gibt es nichts, was sich nicht mit Sternchen und Schulnoten bewerten ließe. Wenn es um Spielfilme geht, existieren zwei relevante Anlaufstellen: zum einen IMDB. Und zum anderen Moviepilot.de, das bereits vor zehn Jahren gegründet wurde. Seit 2014 ist die umfangreiche Film-Datenbank im Besitz des französischen Medienkonzerns Webedia. Im April 2015 kauften die Franzosen dem IDG-Verlag die Traditionsmarken GameStar und GamePro ab. Die Spiele-Redaktionen sitzen überwiegend in München, während das Webedia-Hauptquartier samt den Teams von Moviepilot.de und Filmstarts.de in Berlin angesiedelt ist.

Zur Games-Sparte von Webedia zählen heute – neben GameStar und GamePro – der deutsche Ableger von IGN, die Online-Rollenspiel-Community OnlineWelten und das Multichannel-Netzwerk Allyance, das abseits von GameStar auch PietSmiet, Ninotaku TV, BattleBros-Macher Fabian Siegismund, Debitor und weitere Youtube-Kanäle vermarktet.

Aus für Gamespilot: Redaktion und Community wechseln zu GamePro

Wird demnächst komplett abgeschaltet: das Spielebewertungs-Portal Gamespilot.de.
Wird demnächst komplett abgeschaltet: das Spielebewertungs-Portal Gamespilot.de.

Seit neuestem nicht mehr im Webedia-Sortiment ist Gamespilot: Die erst 2015 gestartete Spielebewertungs-Seite wird eingestellt, alle User-Bewertungen und -Kommentare verschwinden nach Ablauf einer Schonfrist.

Die Gamespilot-Belegschaft in Berlin wird indes nicht stumpf abgebaut. Stattdessen liefert die vierköpfige Redaktion plus Volontär, Praktikant und Social-Media-Manager ab sofort Artikel und Videos für GamePro, gemeinsam mit den vorhandenen Münchner Kollegen und deren Zentralabteilungen (Video, Layout etc.). Gamespilot-Portalleiterin Rae Grimm fungiert als „Head of Gamepro.de“.

Auch bei den Facebook-Auftritten gibt es spür- und sichtbare Veränderungen: Die 237.000 Gamespilot-Fans bilden quasi über Nacht die neue GamePro.de-Community, während die bisherigen 54.000 GamePro-Fans demnächst der Facebook-Seite von GameStar.de (derzeit 271.000 Fans) zugeschlagen werden.

GamePro und GameStar: Abonnenten halten die Treue

Entgegen des Markttrends, redaktionelle Inhalte ein einziges Mal kostengünstig zu erstellen und dann an möglichst vielen Stellen auszuspielen, will die Münchener Webedia-Niederlassung die PC-Marke GameStar.de und die Konsolen-Marke GamePro.de zwar weiterhin gemeinsam in der AGOF ausweisen, aber inhaltlich schärfer voneinander abgrenzen. Davon soll auch das Print-Segment profitieren.

Wie alle Computer- und Videospiele-Hefte haben GameStar und GamePro in den vergangenen 15 Jahren deutliche Auflagen-Federn lassen müssen. In Zeitschriftenläden, Supermärkten und an Tankstellen verkauft GameStar allmonatlich nur noch etwas mehr als 16.000 Hefte – Anfang der 2000er Jahre waren es noch 300.000. Der letzte ausgewiesene Einzelhandels-Wert von GamePro lag bei knapp 7.000 Heften.

Etwas stabiler sehen die Abonnentenzahlen aus: Allein GameStar hat nach wie vor 35.000 Stammkunden, die immerhin 74,50 Euro pro Jahr überweisen – Print ist also nach wie vor eine relevante Umsatzgröße.

„GamePro soll nicht immer erst bei der GameStar fragen müssen: ‚Dürfen wir das eigentlich?'“

Die übergreifende Chefredaktion von GameStar und GamePro besteht weiterhin aus Heiko Klinge und seinen Beisitzern Markus Schwerdtel und Michael Graf. Ebenso wie dieses Trio ist auch René Heuser schon seit mehr als zehn Jahren für das Unternehmen tätig – heute trägt er als Director Editorial & Brand Strategy die Verantwortung für Redaktion und Spielemarken.

Klinge und Heuser standen GamesWirtschaft Rede und Antwort, wie sie sich die Zukunft von GameStar und GamePro vorstellen.

GamesWirtschaft: In seiner Verlautbarung hat Heiko angekündigt, GamePro „zur ersten und wichtigsten Anlaufstelle für leidenschaftliche Konsolenspieler im deutschsprachigen Raum zu machen.“ Wie soll das gelingen?

René Heuser ist Director Editorial & Brand Strategy bei Webedia in München.
René Heuser ist Director Editorial & Brand Strategy bei Webedia in München.

Heuser: Unser Ziel ist es, eine neue, selbstständige GamePro aufzubauen, die sowohl für die User als auch für die Industrie als eigenständige Marke wahrgenommen wird – mit eigenen Köpfen, eigenem Team, eigener Tonalität, eigener Ansprache. Also nicht als die kleine Schwester oder das Anhängsel oder eine Kopie von GameStar, sondern ein bisschen back to the roots. Denn GamePro verstand sich schon immer eher als Teil der Community, siehe auch Ansprache ihr/du. Die GameStar hingegen versteht sich eher als Dienstleister für die Community.

Nachdem die GamePro über einige Jahre eher ‚mitlief‘, haben wir jetzt gesagt: Wenn wir mit der GamePro nochmal was erreichen wollen – und wir glauben einfach daran -, dann brauchen wir da ein schlagkräftigeres, eigenständigeres Team, das nicht immer erst bei der GameStar fragen muss: ‚Dürfen wir das eigentlich?‘

Wir verstärken das GamePro-Team mit den Gamespilot-Redakteuren. Gamespilot ist gewachsen durch eine ganz starke Verbindung mit Facebook und andere Social-Kanäle. Die Redakteure sind auch viel aktiver, was Twitter und Co. angeht als etwa unsere Stamm-Teams. Das hat zu einem rasanten Wachstum im vergangenen Jahr geführt. Ich habe letztens eine Statistik gesehen, dass Gamespilot zu den Top 10 der ‚most engaged“ Facebook-Seiten in Deutschland gehört. Das ist auch die Idee dahinter, dass wir jüngere und andere Zielgruppen mit einem für sie passenden Angebot adressieren können statt ’nur‘ die älteren Core-Gamer-Semester anzusprechen, die schon seit 20 Jahren spielen.

„Niemandem geholfen, wenn man Konsolen-Themen bei GameStar ‚reindrücken‘ würde.“

GamesWirtschaft: Die regelmäßig von Lesern und Branche kolportierte Zusammenlegung von GameStar und GamePro ist also vom Tisch?

Heuser: Die Diskussion, GamePro und GameStar zusammenzulegen, gibt es schon, seitdem ich dabei bin. Es wird immer mal wieder darüber geredet, also über Vor- und Nachteile von Multiplattform versus spezialisierteren Angeboten. Am Ende ist es so, dass wir jedes Jahr drauf schauen und sagen: Der User soll’s entscheiden. Und bislang sind die Signale vom User, gerade vonseiten der GameStar, immer noch sehr eindeutig. Denn der GameStar-User – und das ist nun mal unser wertvollstes Asset – möchte einen starken Fokus auf PC-Gaming.

Es hilft niemandem, wenn man versuchen würde, die Konsolen-Themen dort ‚reinzudrücken‘. Meine persönliche Meinung ist auch, dass das Internet eher spezialisiertere Lösungen favorisiert – die Leute wollen halt lieber ihre Experten für jeden Bereich und suchen sich dann das raus, was sie brauchen. Das kann natürlich in fünf Jahren schon wieder anders aussehen, dass man dann wieder eher breit aufgestellte Portale hat. Aber wir beobachten natürlich auch die Konkurrenz und da ist es auch nicht zwangsläufig so, dass Multiplattform- Portale einen Supererfolg in den vergangenen Jahren hingelegt haben – eher im Gegenteil.

Die GameStar ist ohnehin kein reines PC-Spiele-Magazin, sondern ein PC-Spieler-Magazin, egal ob online oder Facebook oder Youtube. Wir machen alles mit dem Hintergedanken: Kann ein Thema für den PC-Spieler interessant sein? Deshalb haben wir ja auch Themen wie Kino und Serien auf der Seite. Natürlich haben wir auch die Vorankündigungen zu Project Scorpio oder PlayStation 4 Pro oder Nintendo Switch bei GameStar.de, weil das auch die PC- Spieler interessiert – das zeigen auch die Zahlen.

Heiko Klinge ist Chefredakteur von GamePro und GameStar.
Heiko Klinge ist Chefredakteur von GamePro und GameStar.

Klinge: Die GameStar zeichnet aus, dass sie im Konkurrenzvergleich eine sehr starke und treue Fanbasis hat, wie man ja auch an den Abonnentenzahlen sieht. Deshalb ist es für uns ganz wichtig, diesen Abonnentenstamm glücklich zu machen – also Print und Online mit Paid Content. Zu den wichtigsten Projekten gehört für uns auch die die Umstellung auf Responsive Design. Es wird immer wichtiger, dass die Websites mobil funktionieren – insbesondere für User, die über Google und Social Media zu unseren Inhalten finden. Apps erfordern vom User deutlich mehr Schritte und sind dafür deshalb keine Lösung.

„Die Einstellung von Gamespilot ist so gesehen eine Portfolio-Bereinigung.“

GamesWirtschaft: Im Gegenzug wird Gamespilot eingestellt. Warum hat das Portal nicht funktioniert?

Heuser: Die Zahlen für das erste Jahr waren gar nicht so schlecht. Als dann Webedia auch noch die damalige IDG Entertainment übernommen hat, passte das für den Gesamtaufbau nicht mehr gut dazu. Wir haben uns das Anfang des Jahres angeschaut und uns gefragt: Worauf fokussieren wir uns? Wir glauben einfach daran, dass man in der heutigen Zeit Spezialisten braucht für Social, Video, Community-Betreuung usw. Und da hat man mit einem großen Team mit neun, zehn oder noch mehr Leuten vermutlich größere Erfolgsaussichten als mit zwei Teams mit je zwei Vierer-Teams.

Es ist so gesehen eine Portfolio-Bereinigung, die sich aber auch dadurch ergeben hat, dass Gamespilot noch keinen „Stamm-Traffic“ aufgebaut hat. Deshalb auch die Rückbesinnung auf GamePro, weil die Marke natürlich deutlich bekannter und etablierter ist – was uns zum Beispiel bei Werbekunden oder bei Events hilft. Unsere Hoffnung ist jetzt, dass wir mit einem größeren Team und den größeren Social-Media-Möglichkeiten zusammen größer sind als es die beiden Einzelseiten je sein könnten.

Wir haben eben eine ganz, ganz große Marke mit GameStar und viele kleinere Projekte. Das war ja auch der Grund, warum wir gesagt haben, ein Making Games ist für uns als Einzelprojekt strategisch zu klein. In dieser Konstellation wurde auch entschieden: Wir würden gerne die GamePro stärken, weil wir da einen Markt sehen. Aber das kann eben nur gehen, wenn wir ein anderes Projekt beenden.

„Gibt keine Veranlassung für eine Zusammenlegung der Redaktions-Standorte.“

GamesWirtschaft: Gibt es Überlegungen, mittelfristig die Standorte Berlin und München zusammenzulegen?

Heuser: Es gibt keine Veranlassung, das zusammenzulegen. Das deutsche Webedia-Hauptquartier befindet sich ja in Berlin, während Gaming sowie die Video-Abteilung in München angesiedelt sind. Wir sehen in der Aufteilung eher Vorteile, beispielsweise bei Events, Presseterminen oder Reisen. Frankfurt ist gut von München aus zu erreichen, von Berlin aus ist man schnell in Hamburg. Die Absprache erfolgt übers Netz, also Skype, Trello etc., zudem finden wöchentliche Videokonferenzen statt.

GamesWirtschaft: Was passiert mit den Facebook-Communities?

Heuser: Die GamePro-Facebook-Page war ein reines Anhängsel von Gamestar mit einer Überschneidung von fast 80 Prozent. Die beiden Facebook-Seiten werden zusammengelegt – der entsprechende Merge-Antrag ist bei Facebook bereits gestellt. Sobald die beiden fusioniert sind, wird auch die jetzige Gamespilot umfirmieren zu GamePro. Dort laufen bereits jetzt GamePro-Inhalte.

„GameStar und GamePro erfreuen sich bester Gesundheit.“

GamesWirtschaft: Wie bewertet ihr die Aussichten für die Printmagazine von GameStar und GamePro?

Klinge: GameStar und GamePro erfreuen sich beide bester Gesundheit. Es geht beiden Magazinen den Marktumständen entsprechend gut, wie’s so schön heißt. Sie funktionieren wirtschaftlich nach wie vor – und solange das der Fall ist, werden wir auch daran festhalten.

Wir haben im Übrigen sehr spannende Wechselwirkungen zwischen Online und Print, was für uns noch Potenziale birgt. Nachdem wir im Printmagazin einen eher magazinigeren Ansatz fahren, hat das auch Vorteile für unser Online-Premium-Angebot GameStar Plus, weil wir hier dann auch die entsprechenden Budgets haben. Sprich: Wir machen uns Gedanken, wie wir die bestmöglichen Inhalte für all die Leute bereitstellen, die bereit sind, dafür auch Geld zu bezahlen – unabhängig von der Plattform.

Heuser: In diesem Jahr hat man ja auch gesehen, dass es sowohl bei uns als auch im Markt Bestrebungen gibt, was an der Ausstattung zu drehen. Wir haben auch bewusst die Papierqualität nochmal deutlich verbessert und eine Menge an Beilagen ausprobiert, etwa Poster oder Leseproben oder Codes. Jeder versucht natürlich, im Vertrieb alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen.

Was Print angeht, hat sich durch die Webedia-Übernahme gar nichts geändert, im Gegenteil. Unter IDG wäre unsere Print-Zukunft wahrscheinlich mit einem größeren Risiko behaftet gewesen als es jetzt ist. Man muss sich ja nur anschauen, was IDG mit der PC Welt oder der Mac Welt gemacht hat, nachdem wir verkauft wurden. Von daher sind wir bei Webedia sicherer, solange die Hefte profitabel sind.

Und wer hätte gedacht, dass man 2016 sagen muss, dass man als Fachmagazin froh ist, Print zu haben?

Für dieses Jahr kann ich sogar sagen: Print und Youtube sind die einzigen Bereiche, die überperformen – während sich das Digitalgeschäft weiter als sehr schwierig erweist durch die Verlagerung auf Mobile, der Druck auf den TKP etc. (TKP = Tausenderkontaktpreis = Tarif pro 1.000 erreichte Verbraucher, Anm. d. Red.). Daher werden wir auch nächstes Jahr noch das eine oder andere probieren, um dort zum Beispiel mit Sonderheften den Bedarf zu bedienen, den es einfach gibt.

Das PC-Spielemagazin GameStar ist seit 1997 auf dem Markt, die Konsolen-Schwester GamePro seit 2002.
Das PC-Spielemagazin GameStar ist seit 1997 auf dem Markt, die Konsolen-Schwester GamePro seit 2002.

„In Zukunft sollen große, wichtige Sachen auch exklusiv bei GamePro laufen können.“

GamesWirtschaft: Woran wird der Leser merken, dass GameStar und GamePro künftig getrennte Wege gehen?

Heuser: Der GamePro-Heft-Leser wird im ersten Schritt gar nicht so viel merken. Wir planen keinen Heft-Relaunch. Es geht hier also tatsächlich um einen GamePro.de-Wechsel und nicht um einen Gesamt-Wechsel. Der eine oder andere vom Gamespilot-Team ist auch schon im Heft aufgetaucht mit Features, mit Kolumnen, mit Test-Meinungskästen. Unsere Hoffnung ist, dass wir künftig wieder mehr Unique Content pro Kanal und pro Marke zu erstellen.

Wir hatten das in diesem Jahr bereits bei Mafia 3 oder Deus Ex, wo es nach langer Zeit wieder dedizierte unterschiedliche Tester und Tests für GamePro und Gamestar gab – was von der Community auch schon sehr positiv aufgenommen wurde. Und das kann natürlich auch bei den Heften sichtbar werden, dass manche Überschneidungen aus den letzten Jahren letztlich zurückgedreht werden.

Dank Google sind wir im Netz dazu verdammt, spezifische Inhalte anzubieten. Man kann nicht mehr mit gleichen und ähnlichen Inhalten punkten, wie es vor ein paar Jahren noch versucht wurde. Das hat auch die GamePro immer gehindert, selbst ein bisschen voranzukommen, weil am Ende jedes größere Content-Piece zuerst auf der GameStar lief. Und das soll jetzt eben nicht mehr passieren: In Zukunft sollen große, wichtige Sachen auch exklusiv bei GamePro laufen können.

GamesWirtschaft: Vielen Dank für das Gespräch.

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