Start Wirtschaft Ever Given im Suezkanal freigelegt: Auswirkungen auf PS5-Lieferzeiten? (Update)

Ever Given im Suezkanal freigelegt: Auswirkungen auf PS5-Lieferzeiten? (Update)

Ebenso wie die meisten anderen Waren aus Fernost gelangt auch die PlayStation 5 in Seefracht-Containern nach Europa (Fotos: GamesWirtschaft / Sony Interactive)
Ebenso wie die meisten anderen Waren aus Fernost gelangt auch die PlayStation 5 in Seefracht-Containern nach Europa (Fotos: GamesWirtschaft / Sony Interactive)

Das im Suezkanal havarierte Containerschiff Ever Given schwimmt wieder: Dadurch wird sich jener XXL-Schiff-Stau auflösen, der auch PS5-Konsolen nach Deutschland bringt.

Update vom 8. April 2021 (8:45 Uhr): Als Europas zweitgrößter Online-Händler bezieht die Otto-Gruppe (u. a. Otto.de, MyToys, About You) gigantische Mengen aus allen Erdteilen und ist daher in besonderer Weise auf funktionierende Lieferketten angewiesen.

Auf Anfrage räumt der E-Commerce-Riese ein, dass auch für Otto bestimmte Container auf Schiffen unterwegs seien, die entweder mit Verspätung den Kanal passieren beziehungsweise den ungleich längeren Umweg um die afrikanische Südspitze (Kap der Guten Hoffnung) genommen haben.

„Insofern ist auf jeden Fall mit verspätet eintreffenden Artikeln zu rechnen. Ob daraus aber für Kund*innen sichtbare Engpässe entstehen, ist noch nicht absehbar. Ein Grund, der dagegen spricht: Auch zur Corona-Hochphase in China, während der viele Fabriken schließen mussten und die Produktion gedrosselt wurde, waren alle Warengruppen jederzeit verfügbar. An diese Phase angelehnt ist daher gegebenenfalls ein Szenario vorstellbar, dass Artikel X in Ausführung Z erst wieder in 5 Tagen ausgeliefert werden kann, in den Varianten B und C jedoch verfügbar ist. Von wirklichen Lieferengpässen gehen wir entsprechend nicht aus, Lieferverzögerungen von einigen Tagen oder in Einzelfällen sogar bis zu wenigen Wochen sind aber vorstellbar.“

Update vom 7. April 2021 (18 Uhr): Wie beurteilt der deutsche Einzelhandel die Auswirkungen der Suezkanal-Havarie auf die Kunden in Deutschland? Immerhin gelangen so gut wie alle in Fernost produzierten Elektronik-Produkte über diese Route nach Europa, vom Toaster bis zum Fernseher.

Auf GamesWirtschaft-Anfrage haben sich führende Händler geäußert (Beitrag wird laufend aktualisiert): 

  • Aus Sicht von Expert sind bei Notebooks, Monitoren und Konsolen „keine zusätzlichen Beeinträchtigungen“ zu erwarten. Anders sieht es bei sogenannter ‚weißer Ware‘ aus, also bei Haushaltsgeräten wie Geschirrspülern oder Waschmaschinen: Hier könne es vereinzelt zu verlängerten Lieferzeiten kommen, so eine Unternehmens-Sprecherin. „Einzelne Lieferanten für Kühlboxen, Mikrowellen und Kühlschränke haben bereits angekündigt, dass sich die geplanten Liefertermine aufgrund der Havarie um ca. zwei bis drei Wochen nach hinten verschieben werden. Die exakten Auswirkungen können wir jedoch aktuell noch nicht abschätzen.“
  • Die ElectronicPartner-Gruppe (Medimax) kann bislang keine Auswirkungen der Havarie im Suezkanal auf Lieferketten feststellen. „Was jedoch bereits zuvor Thema war und nach wie vor eine große Rolle spielt, sind die extrem stark gestiegenen Preise für Container“, heißt es aus der Unternehmenskommunikation. Die Frachtraten seien erheblich teurer als noch vor zwölf Monaten.
  • Auch MediaMarkt / Saturn ist betroffen: Dort steht man derzeit im engen Austausch mit Industriepartnern und Herstellern, um die möglichen Auswirkungen auf die globalen Lieferketten zu bewerten.

Update vom 29. März 2021 (15:45 Uhr): Laut Nachrichtenagenturen wurde der Schiffverkehr auf dem Suez-Kanal soeben wieder aufgenommen: Die Ever Given kann ihren Weg Richtung Rotterdam fortsetzen, wo das Schiff am Mittwoch eintreffen soll – exakt eine Woche später als geplant.

Update vom 29. März 2021 (15 Uhr): Mittlerweile haben mehrere Großreedereien ihre Prognosen veröffentlicht: Demnach warten allein 30 Schiffe des Weltmarktführers Maersk auf Einfahrt in den Kanal – 15 weitere Schiffe wurden über das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika umgeleitet. Maersk rechnet damit, dass es mindestens sechs weitere Tage dauern wird, bis sich der Stau auflöst – dementsprechend verlängert sich die Zeit, bis die Ware bei den Groß- und Einzelhändlern eintrifft. Das gilt auch für Unterhaltungselektronik an Bord der Ozeanriesen.

Bei Hapag-Lloyd warten derzeit neun Schiffe auf Durchfahrt, während sechs Schiffe über die längere Afrika-Route umgeleitet wurden. Sorgen bereitet den Logistikern mittlerweile die Lage in den Häfen in Nordeuropa, wo es zu einem erneuten Stau durch die Flut an eintreffenden Container-Schiffen kommen könnte.

Die Ever Given wurde zwar inzwischen freigeschaufelt und von Schleppern wieder Richtung Kanalmitte bugsiert, doch noch immer versperrt das Schiff die Durchfahrt. Auf der Website Marinetraffic.com können Sie die (Nicht-)Bewegungen im Suez-Kanal live verfolgen.

Meldung vom 29. März 2021 (9 Uhr): Fahrräder, Kühlschränke, Fernseher, Fitnessgeräte – und Spielkonsolen: So gut wie alle in Fernost produzierten Konsumgüter gelangen über den Seeweg nach Europa. Nur, wenn’s mal besonders schnell gehen muss, wird auch mal ein Frachtflugzeug gechartert.

Vier, fünf Wochen dauert diese Seereise im Schnitt, die nahezu immer durch den knapp 200 Kilometer langen Suezkanal in Ägypten führt, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet. Seit Mittwoch vergangener Woche blockierte die auf Grund gelaufene Ever Given den Kanal, eines der größten Containerschiffe der Welt: 400 Meter lang, 60 Meter breit, 20.000 Container an Bord. In beide Richtungen ging tagelang nichts mehr: Vor und hinter der Ever Given stauten sich Hunderte Schiffe, darunter Öltanker. Zum Teil wurden die Schiffe bereits über die ungleich längere Route über die Südspitze Afrikas umgeleitet.

Heute Morgen dann die erlösende Nachricht: Die Ever Given hat wieder hinreichend Wasser unter dem Kiel. Hätte das Rettungsmanöver nicht geklappt, wären die Folgen noch dramatischer als ohnehin schon: Die Blockade hat zuletzt Kosten in Milliardenhöhe verursacht – pro Tag. In diesem Fall wären auch die PlayStation-5-Interessenten in Europa und damit auch in Deutschland mit einer womöglich monatelangen Pause konfrontiert worden.

Doch so groß die Bedeutung der PlayStation 5 für den einzelnen Kunden sein mag: Im Kontext mit dringend benötigten Bauteilen für den Maschinenbau, die chemische Industrie, die Pharma-Branche oder den Automobilbau spielen Seefracht-Container mit zigtausend Spielkonsolen natürlich nur eine untergeordnete Rolle.

Dass der Suezkanal kurzfristig wieder freigegeben werden kann, ist eine positive Nachricht für den Welthandel und damit auch für die gesamte Games- und Computer-Industrie. Denn neben Konsolen werden auch Controller, Monitore, Grafikkarten oder Tastaturen in den Containern verschifft.

Dennoch wird man die tagelange Verzögerung noch wochenlang in der weltweiten Logistik spüren, wie uns ein großer deutscher Versender in der vergangenen Woche erklärt hat. Denn die wichtigsten europäischen Container-Häfen – Rotterdam, Hamburg, Antwerpen, Bremerhaven – arbeiten trotz beziehungsweise gerade wegen der Pandemie seit Monaten an der Kapazitätsgrenze. Schon vor der Ever-Given-Havarie waren Seefracht-Container ein knappes Gut auf den Weltmeeren: Die Frachtkosten haben sich binnen eines Jahres fast verdreifacht.

Die konkreten Auswirkungen auf den PlayStation-5-Nachschub lassen sich zur Stunde noch nicht absehen. Durch die schon jetzt eingetretene Unwucht wird man den XXL-Stau im Suezkanal in den kommenden Tagen und Wochen noch spüren. Der Grund: Es dauert schlichtweg länger, bis die produzierte Ware letztlich in Sonys Logistikzentren ankommt, von wo aus die Ware dann auf dem gesamten Kontinent weiterverteilt wird.

Auch im deutschen Einzelhandel und bei der Sony Interactive Entertainment Deutschland GmbH im hessischen Neu-Isenburg dürfte die Erleichterung groß sein: Die Tochtergesellschaft ist für den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich und erwirtschaftet mit PlayStation-Hard- und Software einen Umsatz von knapp einer halben Milliarde Euro pro Jahr.

Die Blockade des Suezkanals kam für Sony Interactive zur Unzeit, denn schon jetzt ächzt der Hersteller unter Nachschub-Problemen. Bis Ende 2020 hat der japanische Konzern weltweit rund 4,5 Millionen PlayStation-5-Konsolen ausgeliefert – bis Ende des 1. Quartals 2021 (das am Mittwoch endet) sollten noch einmal weitere 3 Millionen Geräte dazukommen. Das knappe Angebot und die enorme Nachfrage haben dazu geführt, dass die PlayStation 5 auch vier Monate nach Markteinführung europaweit chronisch ausverkauft ist. Die verfügbaren Kontingente sind üblicherweise binnen weniger Minuten vergriffen.