Start Meinung Gamescom 2022: Der Wald ist nicht genug (Fröhlich am Freitag)

Gamescom 2022: Der Wald ist nicht genug (Fröhlich am Freitag)

Die Gamescom 2022 soll zweigeteilt stattfinden - einmal vor Ort, zum anderen im Netz (Foto: Fröhlich)
Die Gamescom 2022 soll zweigeteilt stattfinden - einmal vor Ort, zum anderen im Netz (Foto: Fröhlich)

Grüner wird’s nicht: Mit der Gamescom 2022 soll das Gamescom-2019-Feeling zurückkehren – und gleichzeitig das Klima geschont werden. 

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

unter normalen Umständen hätte die britische Pop-Kapelle Coldplay (Viva La Vida) ihr im November 2019 erschienenes Album zum Anlass genommen, um eine amtliche Welt-Tournee auf die Beine zu stellen – so, wie sich das für Weltstars gehört. Beim vorherigen Album hatte das Quartett mehr als 120 Auftritte auf fünf Kontinenten absolviert.

Stattdessen hat sich die Band vorgenommen, erst dann wieder auf Tour zu gehen, wenn solche Mammut-Programme nicht Brontosaurus-gleiche CO2-Fußabdrücke hinterlassen. Oder wie es Frontmann Chris Martin formulierte: „Wir wären enttäuscht, wenn die Tour nicht klimaneutral wäre“.

In der kommenden Woche startet die Music of the Spheres-Sause in Costa Rica und Mexiko, es folgen mehrere Shows in den USA, ehe Coldplay Anfang Juli in Europa gastiert, unter anderem in Frankfurt und Berlin. Damit einher geht eine schier endlose Liste an Einzelmaßnahmen – von Bühnenaufbauten aus Bambus über recyclebare LED-Armbänder, kompostierbares Konfetti und fleischfreies Catering bis hin zu einem „kinetic floor“, bei dem die herumhopsenden Fans Energie erzeugen (kein Scherz). Ein bisschen PR ist freilich auch dabei: Werbe-Partner BMW liefert Batteriesysteme.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
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Ganz so crazy fallen die Planetenrettungs-Pläne der Gamescom-Veranstalter nicht aus. Dennoch haben sich der Branchen-Verband und die KoelnMesse für Ende August nicht nur das „größte Games-Event der Welt“ vorgenommen, sondern auch noch das „erste klimafreundliche Games-Event“. Die Grundlagen wurden schon in den Vorjahren gelegt: Im Tagesticket war zum Beispiel stets der ÖPNV-Fahrschein inklusive – und der durch Spenden finanzierte Gamescom Forest (ein klimastabiler Mischwald) ist auf fast 20.000 qm angewachsen, buchstäblich.

Doch der Wald ist nicht genug: Die Emissionen des Kern-Events sollen ab 2022 durch Klimaschutz-Zertifikate ausgeglichen werden. Besucher und Aussteller sind außerdem zu freiwilligen Klimaschutzbeiträgen aufgerufen, um Standbau, Anreise und Übernachtung zu kompensieren.

Zum „Gamescom Goes Green“Zwölf-Punkte-Plan gehören außerdem Dienstfahrräder, Logistik-Optimierung und eine Handvoll E-Ladesäulen. Einige Maßnahmen wirken erst à la longue: So soll die für 2024 geplante Mehrzweckhalle Confex mit Solar-Panels ausgestattet werden.

Der mit riesigem Abstand größte Brocken in der Gamescom-Klimabilanz ist jedoch der Betrieb der 10 Hallen mit ihren mehr als 200.000 Quadratmetern: Lüftung, Heizung, Wasser, Licht. Die KoelnMesse selbst spricht von einem „signifikanten Energiebedarf“, gerade mit Blick auf die im letzten Jahrhundert gebauten Osthallen.

Nun bin ich keine Klima-Wissenschaftlerin, würde aber vor diesem Hintergrund vermuten, dass es das für den Planeten mit Abstand Beste wäre, die Menschen blieben mit ihrem Hintern schön zu Hause und würden sich die feschen Gamescom-Trailer einfach im Livestream anschauen – so, wie das jetzt zwei Jahre lang eingeübt würde.

Weil ein solcher Ansatz aber völlig inkompatibel ist mit den Business-Plänen einer Messegesellschaft und eines ausrichtenden Verbands, werden wir 2022 wieder eine halbwegs ’normale‘ Gamescom erleben – so ’normal‘, wie eine Messe unter #B-SAFE 4Business-Bedingungen eben sein kann. So sind Aussteller wie Besucher angehalten, einen Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten und auf Körperkontakt und Händeschütteln zu verzichten. Typisch Gamescom halt.

Und auch wenn KoelnMesse-Manager Oliver Frese den „Look & Feel von 2019“ beschwört: Die Gamescom wird sich alleine aufgrund breiterer Flure, digitalem Einlass- und Warteschlangen-Management und begrenzter Ticketkontingente zwangsläufig anders anfühlen als 2019. Und zwar: ganz anders.

Für grundsätzlich aufgeschlossene Aussteller, die ab dieser Woche von den Vertriebs-Teams angesprochen werden, stellen sich zunächst ganz andere, praktische Fragen. Zum Beispiel:

  • Wo um Himmelswillen soll man unterjährig mehrere Paletten PlayStation 5-Konsolen auftreiben?
  • Warum sind eigentlich die Quadratmeter-Preise in der Entertainment Area gestiegen, wo doch mit viel weniger Besuchern als 2017, 2018 oder 2019 zu rechnen ist?
  • Und vor allem: Welches Gamescom-Investment ist im Jahr 2022 des Herrn angemessen und erforderlich?

Um einen groben Eindruck der Größenordnung zu vermitteln: Bei einer normalen Gamescom betreibt ein Großaussteller wie Electronic Arts pi mal Daumen 400 Spielstationen, 250 Gaming-PCs, 500 Monitore, 135 Lautsprecher, 12 Großbildschirme, drei LED-Wände und fast 1.700 Headsets, Tastaturen und Mäuse, verbunden durch 52 Kilometer Kabel. Leistung: 3 Millionen Watt. Allein für die Anlieferung des Materials werden 24 Sattelschlepper benötigt, der Aufbau dauert mehr als zwei Wochen. In ähnlichen Dimensionen liegen Ubisoft, Square Enix, Microsoft Xbox oder Activision Blizzard.

All dieser Aufwand allein zu dem Zweck, damit ein paar tausend Leute netto 10 Minuten in FIFA 23 verbringen können? Ein Spiel, das sich zwei Wochen später per Vorabzugang probespielen lässt und weitere zwei Wochen später erscheint? Oder um sich in einem Kino einen Gameplay-Trailer reinzuziehen?

Dabei ist es just jenes muckelige Gamescom-„Look & Feel“, das sich zwar viele super-dringend zurück wünschen (inklusive mir), das sich aber spätestens im Jahr 2022 aus der Zeit gefallen anfühlt.

Natürlich ist es absolut sinnvoll und richtig, um nicht zu sagen: überfällig, dass sich sowohl Konzert- als auch Messe-Veranstalter Gedanken machen, wie ihre Produkte möglichst ressourcen-schonend abgewickelt werden können. Was mir im aktuellen Gamescom-Konzept allerdings fehlt, ist eine Idee, wie sich das Vor-Ort-Remmidemmi inhaltlich weiterentwickeln könnte. Die bislang vorliegenden Unterlagen klingen sehr nach „Weiter so“ – Klimaschutz-Zertifikate und Mischwald hin oder her.

Es liegt also an den Studios und Publishern, die Gamescom (wieder) mit Leben zu füllen – und in den verbleibenden Wochen bis zum Vorverkaufsstart eine überzeugende Antwort zu entwickeln, was CO2-Zumutungen durch Sattelschlepper, volle Parkhäuser und Inlands-Flüge rechtfertigt.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft

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