Gefecht gewonnen, Schlacht in vollem Gange: Die Ubisoft-Hauptversammlung gibt Yves Guillemot allenfalls eine kurze Verschnaufpause im Kampf gegen Vivendi. Der GamesWirtschaft-Kommentar von Petra Fröhlich.

Stellen wir uns für einen Moment vor, Ubisoft wäre Helms Klamm, jene Festung aus Der Herr der Ringe: Die zwei Türme. Saurons Truppen – also in diesem Fall Vivendi – sind vor den Toren aufgezogen und begehren Einlass. Oben auf den Zinnen stehen Ubisoft-König Yves Guillemot und seine Verbündeten und feuern eine Spitze nach der anderen auf die Aggressoren. Alle wissen: Wenn es Vivendi gelänge, eine Lücke in die Mauer zu sprengen, wäre die Sache gelaufen. Die gestrige Ubisoft-Hauptversammlung schien geeignet, eine solche Bombe platzen zu lassen. Ubisoft-König Guillemot wäre dann nicht mehr zu halten gewesen.

Alles spricht gegen König Yves und seine Brüder. Doch in letzter Sekunde taucht auf dem Hügel ein bärtiger Greis mit langem, schlohweißem Haar auf einem Schimmel auf: Gandalf eilt zusammen mit Reiterheeren zur Hilfe – gemeinsam schlagen sie die Belagerer zurück. Happy End, zumindest aus Sicht von Ubisoft.

Ubisoft Hauptversammlung: Guillemot setzt sich durch – vorerst

Gandalf steht hier für einen sogenannten Weißen Ritter, also ein Unternehmen, das bei drohenden feindlichen Übernahmen einspringt. Denn einen solchen Ritter wird Ubisoft zwingend brauchen – auch wenn die gestrige Jahreshauptversammlung in Paris augenscheinlich gut für Guillemot gelaufen ist. Immerhin konnten seine zwei vorgeschlagenen „unabhängigen“ Kandidaten im zehnköpfigen Vorstand Platz nehmen; alle Anträge wurden offenkundig mit großer Unterstützung seitens der Aktionäre durchgewunken.

Im Ubisoft-Management sitzt also kein Vivendi-Vertreter. Vorerst kann Ubisoft zum Beispiel selbst entscheiden, mit welchem Hollywood-Studio die Filmtochter Ubisoft Motion Pictures ein Kino-Projekt wie Assassin’s Creed oder The Division umsetzt und vertreibt. Hätte Vivendi das Sagen, wäre die Tochter Studiocanal wohl erste Wahl. Die Aussichten auf derlei Synergien sind es, die Vivendi nach der Macht bei Ubisoft streben lassen.

Vivendi hält bereits 23 Prozent der Ubisoft-Anteile

In einer Pressemitteilung verkündet Vivendi, dass man keinesfalls einen Rückzug plane. Im Gegenteil: Trotzig erklärt man sich zum größten Ubisoft-Aktionär, dem bereits 23 Prozent der Stimmrechte gehören. Ab 30 Prozent muss laut französischem Aktienrecht ein öffentliches Übernahmeangebot unterbreitet werden – just der Weg, der bereits beim Mobilegames-Entwickler Gameloft erfolgreich eingeschlagen wurde.

Gegenüber CNBC hat Guillemot bereits durchblicken lassen, dass es neben dem favorisierten Plan A (= Ubisoft bleibt unabhängig) auch einen Plan B gibt. Und der sieht vor, dass ein neuer strategischer Partner einsteigt, entweder aus der Games-Branche oder aus dem Medien- und Technologie-Umfeld.

Allerdings bräuchte es hierfür schon einen Gandalf vom Kaliber eines Microsoft, Time Warner oder 21st Century Fox.

Bis vor einigen Monaten wäre Disney als „perfect fit“ in Frage gekommen, doch der Micky-Maus-Konzern hat spätestens seit Disney Infinity keine Lust mehr auf Games-Eigenproduktionen und ist aus dem Geschäft komplett ausgestiegen.

In der Games-Branche gibt es zweifelsfrei Unternehmen, die inhaltlich und strategisch gut zu Ubisoft passen würden, etwa Bethesda (Fallout 4, Doom) oder Take Two (GTA 5, Bioshock). Ein solcher Zusammenschluss wurde in den vergangenen Jahren immer wieder von Analysten ins Spiel gebracht – auch, um mit Activision Blizzard und Electronic Arts mithalten zu können.

Vivendi wird die Ubisoft-Belagerung nicht aufgeben

„Wir werden nicht eher ruhen, bis sie (= Vivendi) ihre Aktien verkaufen“, sagte Yves Guillemot gegenüber dem Wall Street Journal. Guillemot hofft also, dass es ähnlich läuft wie einst bei Electronic Arts: 2004 hatte EA in in einem „feindlichen Akt“ mehr als 20 Prozent der Ubi-Aktien erworben – nur um sie sechs Jahre entnervt wieder zu verkaufen.

Doch Guillemot ist auch klug genug, um zu wissen, dass Vivendi einen Plan verfolgt und keine Ruhe geben wird. Vivendi wird die Belagerung nicht kampflos aufgeben und bringt zweierlei mit: Zeit – und hinreichend Barreserven.

Allen Charme-Offensiven, PR-Aktionen und Aktienrückkäufen zum Trotz: Dem Gegner fehlen nur noch rund 9 Millionen Ubi-Aktien bis zum Erreichen der 30-Prozent-Marke. Das entspricht bei heutigem Aktienkurs etwa 300 Millionen Euro – für einen 10-Milliarden-Euro-Umsatz-Gorilla wie Vivendi ein Leichtes.

Keine Frage: Wenn sich Guillemot Anfang 2017 nicht in derselben Situation wiederfinden will wie zuletzt bei Gameloft, dann braucht er schnellstmöglich einen Gandalf.

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1 Kommentar

  1. Der Schwenk zu Herr der Ringe ist treffend, einen kleinen Gandalf konnte man ja noch mit einem Shareholder kurz vor der Hauptversammlung stricken, doch das reicht nicht für die nächste. Erschwerend hinzu kommt das komplizierte französische Aktienrecht, sollte es Ubisoft nicht gelingen seinen Anteil entscheidend aufzustocken, könnte die nächste Hauptversammlung zum Fiasko für Yves Guillemot und seine Mitstreiter werden.

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