Hardware, Spiele, Preis, Marketing: Ist Microsoft zuzutrauen, Marktanteile im Konsolenmarkt zurückzuerobern? Die große Xbox One X Analyse zum Verkaufsstart!

Eine Videospiel-Welt ohne die Xbox? Stand heute erscheint das kaum vorstellbar, aber auch nicht ausgeschlossen: Es wäre nicht der erste Geschäftsbereich, aus dem sich Microsoft verabschiedet. Zuletzt hat der Konzern die Entwicklung eigener Smartphones und Mobile-Betriebssysteme eingestellt. Man kann nicht behaupten, dass Microsoft nicht Vieles ausprobiert hätte, inklusive einer milliarden-schweren Nokia-Übernahme.

Die Videospielkonsole Xbox One X, die ab 7. November für 499 Euro/Dollar verkauft wird, ist mutmaßlich die letzte Patrone im Colt. Bleibt die Nachfrage hinter den Planzahlen zurück, verbleiben abgesehen von raschen Preissenkungen kaum Optionen, um dem Abverkauf in den kommenden Monaten Impulse zu verleihen.

Zur Markteinführung demonstriert die Xbox-Abteilung naturgemäß Frohsinn und Zuversicht. Klar ist aber auch, dass Microsoft dringend punkten muss, um im 100-Milliarden-Dollar-Videospielmarkt künftig eine wahrnehmbare Rolle zu spielen. Die schiere Größe einer der wertvollsten Marken der Welt war zumindest bislang kein Garant dafür, auf Augenhöhe mit dem Erzrivalen Sony zu agieren – zumal es inzwischen auch noch Druck von unerwarteter Seite gibt: Nintendo kommt mit der Produktion der nicht gerade billigen Nintendo Switch kaum hinterher.

Die Markteinführung findet zudem in einer Phase statt, in der Microsoft weltweit Jobs streicht und ganze Standorte umstrukturiert. Erst vor wenigen Monaten hat das Unternehmen die Xbox-Vertriebsmannschaften in Österreich und in der Schweiz zusammengestutzt.

Wenige Tage vor der Übergabe der ersten Konsolen an die Vorbesteller bewertet GamesWirtschaft die Markt-Chancen der Microsoft Xbox One X.

Xbox One X Analyse: Die Xbox One Verkaufszahlen im Vergleich

Die Ausgangssituation ist eindeutig: Trotz beinahe zeitgleichem Verkaufsstart Ende 2013 kommen derzeit 30 Millionen Xbox One auf mindestens 60 Millionen PlayStation 4. Die weltweiten Verkaufszahlen der Sony-Konsole 4 liegen also bei mehr als dem Doppelten.

Für den wichtigen deutschen Markt geben weder Sony noch Microsoft konkrete Verkaufszahlen bekannt. In der Branche geht man von deutlich über 6 Millionen PlayStation 4 und rund einer Million Xbox One aus – die Geräte-Ratio liegt also weiterhin bei 6:1.

Das spiegelt sich auch in den Spiele-Verkaufszahlen in Deutschland wider: Fast drei Viertel der 40 meistverkauften Neuheiten der Saison 2016/17 entfallen auf die PlayStation 4 – den Rest teilen sich PC, Nintendo Switch, Nintendo 3DS und die Xbox One.

Electronic Arts belegt in der 2016/17-Auswertung die Plätze 1 bis 3 der schnellstverkauften PC- und Konsolenspiele.

In den vergangenen 20 Monaten gab es drei Xbox-One-Spiele, die mehr als 100.000 Stück erreicht haben: „Battlefield 1“, „FIFA 17“ und „FIFA 18“. „Forza Horizon 3“ hat nach fast einem Jahr als erstes Spiel die 200.000-Stück-Marke geknackt.

Die Verbreitung der Vorgängerkonsole ist deshalb von Relevanz, weil vorhandenes Zubehör wie Gamepads sowie Spiele weiterverwendet werden können. Diese Abwärtskompatibilät liefert den bestehenden Xbox-One-Fans also ein Argument, auf die Xbox One X umzusteigen – und die Altkonsole gebraucht zu verkaufen. 150 Euro aufwärts sind für die 1-TB-Variante derzeit noch drin.

Größenvergleich mit der Xbox One S (rechts): Die Xbox One X im traditionellen Xbox-Schwarz bietet deutlich höhere Leistung bei kompakteren Abmessungen.
Größenvergleich mit der Xbox One S (rechts): Die Xbox One X im traditionellen Xbox-Schwarz bietet deutlich höhere Leistung bei kompakteren Abmessungen.

Xbox One X Analyse: Die Hardware

Natives 4K oder auch: True 4K – so lautet das Heilsversprechen von Microsoft. In Kombination mit einem 4K-Fernseher, die immer preiswerter werden und zu den Rennern im Weihnachtsgeschäft zählen dürften, liefert die Xbox One X beeindruckende Details und eine bemerkenswerte Bildqualität.

Hauptverantwortlich ist die Rechenleistung von 6 Teraflops, die deutlich höher liegt als bei der Xbox One S (1,4 Teraflops) oder bei der PlayStation 4 (4,2 Teraflops). Grafikspeicher, CPU-Takt, Datentransferrate: Mindestens in den technischen Disziplinen ist die Xbox One X das bessere Gerät.

Dieses Plus an Leistung muss sich freilich erkennbar in konkreten Spielen widerspiegeln. Schließlich ist die Geschichte der Unterhaltungselektronik gespickt mit Modellen, die trotz technischer Überlegenheit beim Absatz weit unter ihren Möglichkeiten blieben. Bereits veröffentlichte Vergleichstests zeigen, dass Xbox-One-X-Versionen – etwa von „Mittelerde: Schatten des Krieges“ – der PlayStation-4-Variante überlegen sind. Figuren und Bodenbeläge sind detaillierter, die Animationen geschmeidiger, die Fernsicht größer, die Auflösung höher.

Gleichzeitig hat sich Microsoft von allen anderen Nebenschauplätzen verabschiedet: Weder Virtual Reality noch die Bewegungssteuerung via Kinect noch ein Hybrid-Konzept wie im Falle der Nintendo Switch spielen in der Strategie eine Rolle. Die Xbox One X ist einfach „nur“ eine Hightech-Wohnzimmerkonsole, die dank eingebautem UHD-BluRay-Laufwerk und 1-TB-Festplatte auch als Abspielstation für Filme und Serien taugt.

Xbox One X Analyse: Achillesferse Exklusiv-Spiele

„FIFA 18“, „PES 2018“, „Call of Duty WWII“, „Destiny 2“, „Far Cry 5“, „Assassin’s Creed Origins“, „Grand Theft Auto 5“, „Star Wars: Battlefront 2“, „Red Dead Redemption 2“: Alle aktuellen und demnächst erscheinenden Blockbuster sind auch für die Xbox One erhältlich – mit der Betonung auf „auch“.

Inhaltlich sind die Versionen für PC, PlayStation 4 und Xbox One meist deckungsgleich. In einer Reihe von Fällen werden die Entwickler nachträglich nachhelfen: Ein eigenes „Xbox One X Enhanced“-Logo soll auf Spiele hinweisen, die via Gratis-Update optimiert werden – und dadurch besser aussehen als auf einer gewöhnlichen Xbox One S. Ausgewählte Titel bieten darüber hinaus 4K-Ultra-HD-Auflösung und dank HDR einen besseren Kontrast.

Durch diese Maßnahmen sollen auch ältere Titel wie „Rise of the Tomb Raider“, „Mafia 3“, „Gears of War 4“ oder „F1 2017“ von kürzeren Ladezeiten, mehr Details, höherer Auflösung, zusätzlichen Effekten und/oder besserer Bildqualität profitieren. Auch deutsche Studios wie Piranha Bytes („ELEX“) oder Deck 13 („The Surge“) arbeiten an Upgrades.

Die komplette Liste der optimierten Titel ist auf der offiziellen Website abrufbar.

4K und HDR in der Praxis: Ältere Titel wie "Gears of War 4" profitieren von Gratis-Updates.
4K und HDR in der Praxis: Ältere Titel wie „Gears of War 4“ profitieren von Gratis-Updates.

Aus Sicht von Sony ist das Microsoft-Argument erwartungsgemäß wenig stichhaltig: Demnach würden sich die wenigsten Spielehersteller die Mühe machen werden, allzu viel Zeit und Geld in optimierte Xbox-One-X-Versionen zu stecken, wie sich in vergleichbaren Fällen gezeigt hätte.

Die Achillesferse von Microsoft waren, sind und bleiben indes die Exklusiv-Inhalte – also Spiele, die exklusiv für die Xbox-Welt entwickelt werden. Bis Jahresende wird es nur eine Handvoll an Exklusivspielen geben, darunter das obligatorische Rennspiel „Forza Motorsport 7“, das charmante Geschicklichkeitsspiel „Super Lucky’s Tale“ und die Multiplayer-Sensation „Playerunknown’s Battlegrounds“ (die PS4-Version wird wohl mit Schonfrist folgen).

Für 2018 sind darüber hinaus noch das Zombie-Action-Spiel „State of Decay 2“, das Action-Spiel „Crackdown 3“ und das Piraten-Abenteuer „Sea of Thieves“ aus dem Hause Rare angekündigt.

Keinem dieser Spiele ist das Potenzial zuzutrauen, neue Kundschaft außerhalb der bestehenden Xbox-One-Besitzer von der dringenden Notwendigkeit einer Xbox One X zu überzeugen.

Xbox One X Analyse: Stolzer Preis für stolze Leistung

Mit einem Ticket von 499 Euro reizt Microsoft den branchenüblichen Rahmen voll aus. Zum Vergleich: Zum Start im November 2013 kostete die PlayStation 4 unverbindlich empfohlene 399 Euro – inzwischen ist die PlayStation 4 Slim bereits für die Hälfte zu haben, die leistungsstärkere PlayStation 4 Pro ist für 370 Euro im Handel. Im Vorfeld des Weihnachtsgeschäfts sind 399-Euro-Bundles im Umlauf. Der Preisunterschied beträgt also mindestens 100 Euro.

Der preissensible Markt für Ein- und Umsteiger und Gelegenheitsspieler wird durch die PlayStation 4 Slim und die Xbox One S abgedeckt, deren Basismodelle im Korridor zwischen 200 und 300 Euro angeboten werden.

Analysten, Handel und Dritt-Anbieter hätten sich einen deutlich niedrigeren Tarif gewünscht, damit die Xbox One X schneller auf eine vernünftige Reiseflughöhe kommt. Denn gerade kleinere und mittlere Studios werden nur dann gewillt sein, neue Produkte abseits der großen Blockbuster zu entwickeln, wenn die sogenannte „installed base“, also die Verbreitung einer Plattform, groß genug ist.

Andererseits gibt es gerade zum Start wenig Anlass für Microsoft, mit Kampfpreisen zu agieren. Wie bei früheren Konsolen-Markteinführungen ist den Herstellern mehr daran gelegen, durch knappe Bestände, dosierte Zuteilungen und vereinzelte Ausverkäufe optimistische Signale an den Markt zu senden.

Xbox One X Analyse: Marketing und Markteinführung

Unscharfe Positionierung, grobe Fehler in der Preispolitik, zuletzt das Aus für die ungeliebte Bewegungssteuerung Kinect: In Sachen Marketing war Microsoft in den Vorjahren nicht allzu großes Fortune vergönnt.

Während Sony weiterhin aus allen Marketing-Rohren feuert (unter anderem mit Primetime-TV-Spots oder als Sponsor der Champions League) und zudem unermüdlich Software für das okay laufende Virtual-Reality-System PlayStation VR produziert, laufen die Marketing-Aktivitäten von Microsoft weitgehend unter dem Radar.

Das gebetsmühlenartige 4K-Mantra und der Verweis auf die „leistungsstärkste Konsole aller Zeiten“ sind die zentralen Botschaften in der Microsoft-Kommunikation. Dadurch wird auch klar, welche Hauptzielgruppe im ersten Schritt erreicht werden soll: Intensiv- und Vielspieler, die Games als Hobby begreifen und entsprechend Geld investieren. Das zeigen die bisherigen Messe-Auftritte: Microsoft hat ausschließlich Special-Interest-Veranstaltungen belegt, darunter die Gamescom, die „Game City“ in Wien, die Zurich Game Show und die Berliner IFA.

Gegenüber dem Handelsmagazin IGM hat Microsoft angekündigt, insbesondere via Facebook werben zu wollen, weil sich hier die Internet-affine Kernzielgruppe besonders präzise ansprechen ließe.

Wie zum Beweis setzt Microsoft bei der Launch-Party auf die Reichweite und Strahlkraft der Influencer: So wird Youtuber Felix von der Laden („Dner“) am 3. November die Xbox One X „unboxen“. Am Abend vor dem Xbox One X-Launch trommelt Microsoft außerdem die üblichsten Verdächtigen der Games-Youtuber zusammen: In Berlin treffen sich unter anderem LeFloid, PietSmiet und Gronkh zum Kollektiv-Letsplay.

Das Innenleben der Spielemaschine: Microsoft vermarktet die Xbox One X als "leistungsstärkste Konsole der Welt".
Das Innenleben der Spielemaschine: Microsoft vermarktet die Xbox One X als „leistungsstärkste Konsole der Welt“.

Xbox One X Analyse: Fazit und Prognose

Wie steht es nun um die Erfolgs-Chancen der Xbox One X? Das hängt zunächst vom angelegten Maßstab ab. Die Prognosen der führenden Analysten variieren je nach Vergleichs-Plattform (Xbox One? PS4? PS4 Pro?), Zeitraum (erste Woche? Bis Weihnachten? 2018?) und Absatzmarkt (USA? UK? Europa? Weltweit?).

Microsoft wird natürlich nicht müde, auf die enorme Nachfrage zu verweisen, die dem Gerät spätestens seit der E3 2017 angeblich entgegen schlägt. Weil das Unternehmen noch nicht einmal näherungsweise belastbare Zahlen ausweist, sind Superlativen wie „Erfolgreichster Vorverkauf in der Xbox-Geschichte“ in der Kategorie PR-Nebelkerze zu verorten.

Fest steht: Die Xbox One X ist eine Premium-Konsole zu einem Premium-Preis für ein Publikum mit Premium-Anspruch, dem bis auf Weiteres das Gefühl genügen muss, die aktuellen Blockbuster in der technisch eindrucksvollsten Version spielen zu können.

Xbox One X 1TB Konsole
Preis: EUR 379,00
9 neu von EUR 379,007 gebraucht von EUR 310,90

Gleichzeitig ist der Erwerb einer Konsole grundsätzlich auch ein Bekenntnis und letztlich eine Wette auf die Zukunftsfähigkeit – und darauf, dass sich zu jeder Tageszeit hinreichend angemessene Gegner in Multiplayer-Spielen wie „Playerunknown’s Battlegrounds“ finden. Neben der Konsole investiert der Spieler auch noch in 60-Euro-Spiele, in Zubehör, in kostenpflichtige Abo-Dienste wie Xbox Live Gold oder Xbox Game Pass und natürlich Lebenszeit für Achievements. Wer jetzt eine Xbox One X kauft, muss schlichtweg darauf vertrauen, dass über das Jahr 2018 hinaus genügend Spiele entwickelt werden, die eigens für das Gerät optimiert sind.

Ganz objektiv fehlt es an hinreichend Eigenentwicklungen, die eben ausschließlich für dieses eine System verfügbar sind: Wer preisgekrönte Meisterwerke wie „Uncharted 4“, „The Last of Us“ oder „Horizon: Zero Dawn“ spielen will, braucht zwangsläufig eine PlayStation 4.

Leider hat Microsoft aus den bisherigen Anläufen die falschen Schlüsse gezogen: Anstatt mit Inhalten zu überzeugen, argumentiert der Konzern vorrangig mit Ingenieurskunst und Teraflops. Seit der Ankündigung der Konsole im Sommer 2016 sind eineinhalb Jahre vergangen, ohne dass ein Investment in eine neue Vorzeige-Eigenmarke à la „Halo“ oder „Gears of War“ bekannt geworden wäre. Im Zweifel kauft Microsoft schlichtweg Umsatz und Exklusivität ein – siehe „Minecraft“, siehe „Playerunknown’s Battlegrounds“. Im Gegensatz zu Sony und Nintendo verlässt man sich in Redmond also fast ausschließlich auf die Kreativleistung von Dritten.

In keinem Fall macht die Produktpolitik einen in sich schlüssigen und konsistenten Eindruck: Warum zum Start einer 500-Euro-Konsole ausgerechnet ein Aufbauspiel wie „Zoo Tycoon“ oder die Minispiele-Sammlung „Disneyland Adventures“ zum Aufgebot der Exklusivtitel zählen, bleibt das Geheimnis von Microsoft – zumal Familien mittlerweile tendenziell eher zur Nintendo Switch greifen werden. Die Nintendo-Konsole fährt dank ihres einzigartigen Konzepts und vieler Exklusivtitel ohnehin ein eigenes Rennen.

In einem Punkt hat Microsoft immerhin dazugelernt: Die Xbox One X wird inzwischen als reinrassige Spiekonsole vermarktet – und nicht mehr als eierlegende Wollmilchsau-Multimedia-Zentrale. Der Fokus liegt klar auf den Video-Spielern. Oder um es mit dem Slogan des Konkurrenten Sony zu formulieren: This is for the players.

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