Start Meinung Computerspiele-Förderung: Das Nölen der Löwen (Fröhlich am Freitag)

Computerspiele-Förderung: Das Nölen der Löwen (Fröhlich am Freitag)

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Die 'Löwen' der VOX-Gründer-Show ließen kein gutes Haar an Gründer und Computerspiele-Förderung (Abbildung ähnlich).
Die 'Löwen' der VOX-Gründer-Show ließen kein gutes Haar an Gründer und Computerspiele-Förderung (Abbildung ähnlich).

Harte Kritik musste ein Berliner Games-Entwickler im VOX-Format Die Höhle der Löwen einstecken – inklusive Rudelhaft für die Games-Förderung.

Verehrte GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

als im Zweiten Weltkrieg die Bomber der US Navy zu ihren Stützpunkten zurückkehrten, wurden die Maschinen umgehend untersucht und von Mechanikern für den nächsten Einsatz instand gesetzt. Manches Tragwerk glich einem Schweizer Käse – durchsiebt von Flak- und Bord-Geschützen der Konkurrenz.

Konstrukteure und Ingenieure fragten sich: Wie lassen sich die Überlebens-Chancen der Piloten erhöhen? Als Laie würde man im ersten Moment womöglich dazu tendieren, jene Flächen stärker zu panzern, die besonders viele Einschusslöcher aufweisen.

Erst ein Mathematiker lieferte den entscheidenden Hinweis, dass man sich vielmehr auf das komplette Gegenteil fokussieren sollte, nämlich auf Bauteile, die ohne Blessuren geblieben waren. Die Überlegung: Treffer an diesen neuralgischen Stellen hatten offenkundig zum Absturz der Maschine und damit zum Verlust von Mensch und Maschine geführt.

Der Survivorship Bias (‚Überlebenden-Denkfehler‘) war geboren. Das Meme vom durchlöcherten Flieger wird regelmäßig im Netz herangezogen, um auf die unzureichende Datenlage vermeintlicher Erfolgsgeschichten zu verweisen.

In dieser Disziplin ist die Games-Industrie traditionell ziemlich gut. An einer im Januar vorgestellten Standort-Studie von Verband und Forschungs-Ministerium hatten sich im vergangenen Frühjahr 343 Firmen beteiligt. Es handelt sich so gesehen um Piloten, die sanft gelandet sind oder sich noch in der Luft befinden.

Überraschenderweise geben 93 Prozent dieser befragten Survivor zu Protokoll, die Games-Förderung habe voll eingeschlagen und Produkte mit höherer Qualität ermöglicht. Wären Sie sehr verblüfft, wenn diese Studie auf fast 100 Seiten exakt keine Informationen enthält, zu welchem Prozentsatz geförderte Spiele überhaupt fertiggestellt und veröffentlicht wurden, wie sie performt haben und ob es die dazugehörigen Firmen noch gibt? Wär ja mal spannend.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Vor dem Bescheid erfolgt eine Art Wahrscheinlichkeitsprüfung. Wer a) die (nachgeschärften) Voraussetzungen erfüllt und b) nicht wenig Geld mitbringt, bekommt als Spiele-Startup die Hälfte der veranschlagten Produktionskosten erstattet.

Der Staat nimmt glücklicherweise nicht für sich in Anspruch, der bessere Game-Designer zu sein. Heißt aber auch: Der Steuerzahler geht voll ins unternehmerische Risiko – indem er bis zu 50 Prozent der Kosten trägt, unabhängig vom kommerziellen Erfolg des Spiels. Ab diesem Zeitpunkt hilft nur noch Daumendrücken.

Just diese Gemengelage kam mir am Ostermontag in den Sinn, als die neueste Folge der VOX-Show Die Höhle der Löwen lief. Der Berliner Gründer Andreas Schneid pitchte sein Schlagzeug-Lernspiel Drum Revolution. Für 15 Prozent der Anteile wollte er 150.000 €, woraus sich eine Firmenbewertung von ziemlich astronomischen 1,9 Mio. € errechnet.

Der ‚Deal‘ kam nicht zustande – in erster Linie deshalb, weil ein gewaltiges Delta zwischen Nischen-Produkt-Umsatzpotenzial und aufgerufener Bewertung klaffte. „Frechheit“, „Realitätsverlust“, „Wirklich bescheuert“ waren noch die freundlichsten Urteile der ‚Löwen‘.

Andreas Schneid ließ sich den Schneid nicht abkaufen: Tapfer lächelnd nahm er das Trommelfeuer hin – inklusive dem freundlichen Hinweis von Frank Thelen, ein Spiel wie Drum Revolution ließe sich per KI an einem Wochenende hinprompten.

Auf seinem LinkedIn-Profil teilte der Games-Entwickler im Nachgang ein Foto, das ihn an den Oster-Feiertagen am Rechner zeigt, um den Online-Shop aufzumöbeln. Schon eineinhalb Jahre zuvor sei das Geld ausgegangen, räumt er ein. Seitdem habe er „ein paar Monate allein weitergekämpft“. Ohne die Doch-noch-Ausstrahlung hätte Andreas sein Business längst abgewickelt – mittlerweile hat er einen neuen Job.

Für besonders hitzige Debatten in der Show sorgte der Umstand, dass die Entwicklung des Rhythmus-Jump & Runs 400.000 € gekostet haben soll. Knapp die Hälfte dieser Summe stammt aus Förderprogrammen des Bundes und vom Land Berlin. Venture-Capital-Investorin Janna Ensthaler war außer sich, dass Computerspiele überhaupt staatliche Zuschüsse erhalten: “An alle öffentlichen Fördertöpfe-Leute: Hört auf mit dem Scheiß!“. Das Geld werde für „so viel wichtigere Dinge“ gebraucht.

Im Nachgang legte Co-Löwe Thelen bei LinkedIn nach: „Wofür nutzen wir diese Mittel? Entwickle ich mit Fördergeldern neue Lösungen gegen Krebs oder investiere ich sie, um ein neues Videospiel zu produzieren?“

Die Argumentations-Linie verläuft zwar haarscharf an der What-about-Abbruchkante peruanischer Fahrradwege, doch am Ende hat Thelen natürlich einen Punkt: Selbstverständlich muss auch Deutschlands Games-Branche die Debatte aushalten, ob man mit 125 Mio. € per anno frische Games oder die Carola-Brücke in Dresden neu baut. Daran ist nichts Ehrenrühriges, denn die Kohle lässt sich natürlich nur einmal ausgeben – auch Mütterrenten, Gastro-Steuern, Industrie-Strompreise, Agrar-Diesel-Rückvergütung und Intel-Chipfabriken müssen sich der Sinnfrage stellen.

Das Hochamt des Survivorship Bias wird in knapp drei Wochen gefeiert, nämlich beim Deutschen Computerspielpreis 2026 in München. In den nominierten Titeln ist ein deutlich zweistelliger Millionen-Betrag an Subventionen verbaut, mit denen die Tragflächen der Überflieger verstärkt wurden – auch, um den Auftrieb trotz internationalem Gegenwind zu erhöhen. Das Preisgeld von 800.000 € verfolgt das gleiche Ziel.

CSU-Tech-Ministerin Dorothee Bär setzt schon mal das Narrativ: „Die diesjährigen Nominierungen zeigen, dass die Bundesförderung wirkt und mehr als je zuvor qualitativ hochwertige Games in Deutschland entwickelt werden.“

Mehr Geld – mehr Studios – mehr Spiele: So weit, so gut, so erwartbar. Nur: Sechs Jahre und eine Viertelmilliarde Euro später wäre es möglicherweise mal an der Zeit zu hinterfragen, warum so viele Steam-Pages, Websites, Social-Kanäle und Studio-Büros von geförderten Titeln verwaist sind. Und was sich tun lässt, um die immens hohe Zahl an Abstürzen zu reduzieren – und stattdessen die eigenen Trefferquoten zu erhöhen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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1 Kommentar

  1. Deutschland ist nicht dafür gemacht erfolgreich zu werden… man muss es halt einfach schon sein.
    Leider hat sich diese Philosophie in den letzten Jahren verstetigt. Die hohen Einstiegshürden bei der Computerspielförderung auf Bundesebene zeigen das sehr uneindrucksvoll. Wer bereits reichlich Geld (erfolgreich) mitbringt, hat gute Chancen. Im Umkehrschluss bedeutet das, wer klein ist oder anfängt, hat kaum eine Chance, auf eine organische Weise groß zu werden… außer mit ungeahntem wirtschaftlichem Erfolg, den wohl eher der Zufall als Können oder unternehmerische Verlässlichkeit in diesem Staat bestimmt. Die meisten beständig laufenden Fördermöglichkeiten setzen enormen bürokratischen Aufwand und im Falle der Bundesländer spezifischen Förderungen, eine starke örtliche Nähe zu den Standorten der Förderinstitutionen voraus, zumindest fühlt es sich so an und die geförderten Projekte weisen diese örtliche Nähe signifikant auf. Also noch mehr Hürden für die Landeier und Kleinstädter.
    Und nun der klassische Rant für die Zeit um/ab 2020 (Sch** Covid Jahre). Eine Zeit, in der nicht nur angehende Computerspieleentwickler, sondern auch viele andere die Ohnmacht, Unfähigkeit und Inkompetenz unserer Politik und Gesellschaft kennengelernt haben. Sprüche wie „Das ist halt unternehmerisches Risiko“, „Hättest du/ihr das mal so oder so gemacht“ bekommt man auch heute noch geistlos zu hören. Wenn alles Kämpfen, unzählige Ideen, viel Mühe und Aufopferung sich in phänomenalem gegen die Wand fahren äußern und die Sprüche verlässlich reinprasseln wie das Amen in der Kirche oder die CDU/CSU, die in der Politik zuverlässig fachliche Inkompetenz und Kurzsichtigkeit an den Tag legt und nicht ein Stück dafür gerade steht oder das Ganze mal aufarbeitet, dann ist es kein Wunder, dass die Menschen Burnouts und Depressionen bekommen… nun wohl auch inklusive der Psychotherapeuten dank 4,5 Prozent weniger Honorar. Das erinnert mich stark an die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 17 oder 18 Prozent… also 19! Worauf will ich hinaus? Die erste Computerspielförderung im Jahr 2020 ist ein Paradebeispiel wie unflexibel wenig zielführend das ganze System war und ist. Förderzusage gut und schön, Einschränkungen und Gängelungen durch die Pandemie Handhabung… unternehmerisches Risiko. Massiv steigende Bürokratische Auflagen, Aufwände und massive Kosten… unternehmerisches Risiko. Massiv steigende Energiekosten… unternehmerisches Risiko. Gesellschaftlicher Unsicherheiten und politisches Rumgeeiere… unternehmerisches Risiko.
    Dazu noch etliche erschreckende Vorgänge der letzten Zeit in der Computerspielindustrie mit unzähligen Entlassungen, Rückzug aus diversen Ländern usw., was das Vertrauen in die Zukunft der Computerspieleindustrie nicht wirklich stärkt, vor allem nicht in Deutschland. Außerdem ist das ja für Viele ohnehin auch keine richtige Arbeit… Industrieregionen lassen grüßen. Geh halt mal richtig Arbeiten, am Band oder so, optimalerweise in der Automobilbranche iks Deh.
    In den letzten Jahren ist so dermaßen viel schief und durcheinandergelaufen und die Einstiegshürden so stark gestiegen, dass ich mich frage, ob es sich wirklich um „Förderung“ oder nicht eher um „Verhinderung“ handelt. Das kann und muss anders gehen, nicht nur in der Computerspielentwicklung, sondern auch in vielen anderen Bereichen!

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