
Gefährdet KI ganze Geschäftsmodelle der Spielehersteller? Ein Zwei-Minuten-Video zum Google-Tool Project Genie setzt Branche und Aktien unter Druck.
Take-Two – minus 9 Prozent. Roblox – minus 10 Prozent. CD Projekt – minus 10 Prozent. Nintendo – minus 5 Prozent. Die Aktie des Software-Baukastens Unity hat fast 30 Prozent verloren. Und würde Electronic Arts nicht zum Festpreis von Saudi-Arabien übernommen, hätte es sicher auch den Battlefield-Hersteller ‚erwischt‘.
Zum Wochenausklang sind die Aktien der weltgrößten Spielehersteller und Plattformbetreiber fast im Gleichmarsch dramatisch eingebrochen. Zum Start in die neue Börsenwoche haben sich einzelne Werte an den US-Börsen wieder leicht erholt – dennoch wird es ein weiter Weg, bis die vorherigen Kursstände ansatzweise wieder erreicht werden. Immerhin wurden innerhalb von 24 Stunden mehrere Milliarden Dollar an Buchwert vernichtet.
Auslöser des Crashs war und ist Project Genie – ein experimentelles, kostenpflichtiges KI-Tool der Google Labs. Analog zu ChatGPT, Copilot oder Gemini lassen sich Spielwelten ‚prompten‘: Je präziser die Beschreibung von Spielmechanik, Grafikstil, Umgebung und Figuren, desto überzeugender und individueller das Ergebnis – das sich natürlich noch nachträglich beliebig formen lässt. Der Wechsel von First- zu Third-Person-Perspektive ist beispielsweise nur einen Befehl entfernt.
‚Richtige‘ Spiele purzeln natürlich (noch?) nicht aus dem Generator: Vielmehr handelt es sich derzeit um interaktive Umgebungen, die sich laufend, krabbelnd, hopsend oder fahrend erkunden lassen. Die Beispiele aus dem kurzen, knapp zweiminütigen Video lassen indes erahnen, welche Optionen sich mit künftigen Versionen ergeben könnten.
Google Project Genie: KI-Tool löst Crash von Spiele-Aktien aus
Nun braucht es kein Insider-Wissen, um zu erahnen, dass zu einem vermarktbaren Videospiel noch deutlich mehr gehört als eine auf Knopfdruck generierte Spielwelt mit umher wandelnden Figuren. Doch denkt man sich dedizierte KI-Anwendungen für andere Gewerke – Dialoge, Steuerung, Quests, Inventar, Gegner, Musik, Effekte etc. – hinzu, dann werden mögliche Chancen, Risiken und Nebenwirkungen deutlich.
Das Kalkül der Investoren geht sehr offenkundig in mehrere Richtungen:
- Spiele-Hersteller könnten neue und zusätzliche Inhalte schneller und günstiger produzieren. Dies gilt insbesondere für aufwändige Open-World-Games oder Online-Rollenspiele, die mit Inhalten gefüllt werden wollen.
- Auf Basis der KI-Engines könnten komplett neue Start-Ups entstehen, die ohne den ‚Ballast‘ klassischer Studios oder Publisher auskommen und etablierte Anbieter unter Druck setzen. Lauffähige Prototypen und einzelne Levels dürften sich deutlich schneller erschaffen lassen.
- Laien werden in die Lage versetzt, ohne jedwede Coding-Kenntnisse und mit vergleichsweise geringem Aufwand professionelle Ergebnisse zu produzieren – was massive Auswirkungen auf das Geschäftsmodell von User-Generated-Content-Plattformen wie Roblox hätte.
- In der Folge gäbe es zwangsläufig ein größeres Spiele-Angebot am Markt, das um Zeit und Budget der Kundschaft buhlt. Vergleichbare Entwicklungen sind zunehmend auch in anderen Kreativ-Bereichen (Film, Musik, Literatur, Werbung …) zu besichtigen.
Die Verkaufs-Panik ist daher auch weniger dem Status Quo des Machbaren geschuldet, sondern dem mittel- und langfristigen Potenzial.
Die kommenden Tage dürften spannend werden, denn die Quartalszahlen großer Publisher stehen an: Analysten werden noch genauer hinschauen als sonst – und die Schaltkonferenzen zum Anlass nehmen, um die Einschätzung der CEOs einzuholen. Die Nervosität am Markt ist weiterhin spürbar, wie die Aktienkurse zeigen. (pf)












