Start Meinung DACH-Lawine (Fröhlich am Freitag)

DACH-Lawine (Fröhlich am Freitag)

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Eine DACH-Lawine (Abbildung ähnlich)
Eine DACH-Lawine (Abbildung ähnlich)

Die Stimmung in der Games-Branche bleibt frostig. Die Industrie in der DACH-Region wärmt sich am Gedanken auf gemütlichere Zeiten.

Verehrter GamesWirtschaft-Leser,
verehrte GamesWirtschaft-Leserin,

mir fällt es wahnsinnig schwer, längere Telefonate still sitzend im Büro zu führen. Ich muss den Gedanken freien Lauf lassen – weshalb man mich üblicherweise mit gezücktem Telefonhörer oder Smartphone durch die Flure mäandern sieht.

Als ich am Mittwoch-Nachmittags während eines Gesprächs durch das Fenster im Nordflügel auf die Winterlandschaft starrte, ging anlasslos eine gewaltige Dachlawine nieder. Sekundenlang folgte ein Schnee-Flöz auf den anderen.

Im Vorgarten türmte sich der Schnee – kubikmeterweise. Und man mochte sich lieber nicht vorstellen, es hätte sich diesem Augenblick jemand auch nur in der Nähe aufgehalten. Auf dem Video der Türkamera war zu sehen, wie die 20 Jahre alte Robinie unter der Wucht fast kollabiert.

Fröhlich am Freitag - die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft
Fröhlich am Freitag – die wöchentliche Kolumne bei GamesWirtschaft

Der Niedergang kam nicht unüberraschend: Über Nacht waren 25 cm Pulverschnee in sich zusammengefallen. Einsetzendes Tauwetter und leichter Regen hatten die Schneebretter auf den glatten PV-Platten abrutschen lassen und einen immer größeren Matsch-Wulst an der Dachrinne erzeugt. Jeder Blaumeisen-Landeanflug hätte die Lawine ins Rollen bringen können.

Ein flugs gebasteltes ‚Obacht, Schneebruch‘-Warnschild hatte Passanten und Lieferanten auf potenzielle Gefahren für Leib und Leben hingewiesen. Aus gutem Grund, wie sich herausstellen sollte. Es ist unglaublich, welches Gewicht so ein nasser Schneeklumpen entwickelt: Eine gut gefüllte Schippe lässt sich kaum anheben.

In Momenten wie diesen stellt sich ein Gefühl des Ausgeliefert-Seins ein. Mal schüttet es tagelang durch, mal suchen ‚Monster-Wellen‘ die Küsten heim, mal sorgt über Wochen anhaltende Hitze für Ernte-Ausfälle. Irgendwas ist immer. Und derzeit sind es eben unfassbare Schneemassen, wie man sie zumindest in unserer Region seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Wie auf’s Stichwort sahen sich die üblichen Verdächtigen veranlasst, den Klimawandel per Social-Media-Rant abzusagen.

Dabei war man ja schon fast der Versuchung erlegen, den obligatorischen Winterreifenwechsel zu überspringen, weil erfahrungsgemäß spätestens Ende Januar wieder frühlingshafte Temperaturen einsetzen. Pustekuchen.

Nun ist es natürlich eine Illusion zu glauben, Naturgewalten dieser Art ließen sich irgendwie bändigen – man kann sich allenfalls wappnen.

Eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber solchen Is-halt-so-Phänomenen ist derzeit in ganz vielen Branchen zu spüren – im Maschinenbau, im Handwerk, im Einzelhandel, wo kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo eine Traditions-Marke in die Insolvenz schlittert. Ob Spielwaren, Möbel, Bekleidung – überall ist der eisige Wind aus Zoll-Unsicherheiten, galoppierenden Energie-Kosten, brutalem Verdrängungswettbewerb und dem Abebben des konjunkturellen Jetstreams zu spüren.

Analog zum Schnee auf Fröhlichs Dachziegeln ahnt auch der Laie: Da ist etwas ins Rutschen geraten. Nicht alles kommt über Nacht (siehe die Unwucht beim Kaufhaus-Konzern Galeria), aber die Probleme verdichten sich eben zuweilen zu einem fiesen Schneeklumpen.

In der Games-Industrie sind es insbesondere die Kosten-Lawinen, unter denen Kleine wie Große ächzen; Personalabbau, Ausgaben-Disziplin und KI sollen die Wucht dämpfen.

Doch das alleine wird nicht reichen. In der Branche ist daher die gar nicht mal so neue Erkenntnis eingesickert, dass schier endlose Entwicklungs-Zyklen monströse Risiken bergen. Wer weiß schon, wie die Welt in zwei, drei Jahren aussieht? Wer die Nachrichten verfolgt, hat ja zuweilen schon Mühe, den Folgetag ansatzweise zu antizipieren.

Also lautet ein Beschluss, dass es schneller gehen muss. In der Konsequenz gehen Spiele asap in den Early Access beziehungsweise Softlaunch und bleiben dort über viele Monate, oft über Jahre hinweg. Unterwegs generieren sie wertvolles Feedback und im Idealfall noch wertvollere Umsätze.

Das Geschäftsmodell ähnelt jenem von Bananen – die werden ja grundsätzlich grün geerntet und reifen beim Kunden. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Alle wissen, worauf sie sich einlassen. Dem Gaming-Kunden mangelt es nicht an Informationen, um eine stabile Entscheidung treffen zu können.

Mehr Tempo, überschaubarere Budgets, kleinere Teams – und in der Folge zügigere Ergebnisse: Auf dieses Konzept setzen nicht nur Startups und Indies, sondern auch etablierte Publisher und Studios. Die es sich vielfach nicht mehr leisten wollen (oder können), den Ausgang einmal platzierter Wetten erst bei Release zu erfahren.

Im jüngsten Geschäftsbericht der Berliner Ubisoft-Tochter Kolibri Games heißt es beispielsweise, man habe sich die schnellere Entwicklung der Mobilegames vorgenommen. Gleichzeitig will man sich „von riskanten und unvorhersehbaren Unternehmungen fernhalten.“

Weniger risk – more fun. Und zwar möglichst pronto.

Ähnliches hört man aus ganz vielen Ecken des Landes. Dass wir schon in den kommenden Monaten eine regelrechte DACH-Lawine – also Spiele aus dem deutschsprachigen Raum – erwarten können, liegt auch an einem weiteren Effekt, der jetzt reinkickt: Überdurchschnittlich viele Games-Projekte, die 2022, 2023 oder 2024 gestartet und teils mit Millionen-Zuwendungen von Bund und Ländern gefördert wurden, erreichen allmählich die Marktreife – wenn auch mit teils massiver Verspätung.

Die Zeit drängt: Der nächste Winter kommt bestimmt. Und er hat auch ein sehr konkretes Datum: 19. November. An diesem Tag soll Grand Theft Auto 6 niedergehen. Für weite Teile der Industrie heißt das: Wer kann, wird diesem Monstrum tunlichst aus dem Weg gehen.

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Petra Fröhlich
Chefredakteurin GamesWirtschaft


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