Weil die Landeswährung Bolivar kaum noch etwas wert ist, steigen immer mehr Venezolaner auf Ingame-Währung um. Besonders populär: das Regensburger Browsergame Tibia.

Venezuela steht kurz vor der Pleite und droht im Chaos zu versinken. Die Hyperinflation und der anhaltend niedrige Ölpreis trifft die Wirtschaft des sozialistischen Landes und die 31 Millionen Bewohner gleichermaßen, die unter Hunger und zunehmender Kriminalität leiden. Jetzt hat Staatschef Maduro angekündigt, eine komplett neue Krypto-Währung einzuführen: Der „Petro“ soll den Bolivar ersetzen.

Laut einem Bloomberg-Bericht sind Venezolaner längst dazu übergegangen, ihre eigene Ersatz-Währung zu etablieren: In chronisch überfüllten Internet-Cafés verbringen sie den Tag vor schäbbigen Röhrenmonitoren und verdingen sich als „Goldfarmer“. In Online-Rollenspielen übernehmen sie Quests, erledigen Botengänge und erleichtern Monster und Gegner um Habseligkeiten und Waffen. In stundenlanger Routine-Arbeit steigern sie die Fähigkeiten ihrer Spielfiguren, die sie wiederum auf Marktplätzen gegen US-Dollar oder Bitcoin anbieten und verkaufen.

Weil immer mehr venezolanische Spieler auf diese Idee kommen, führt das Überangebot an Spiel-Währung und Gegenständen wiederum zu einer Art virtueller Inflation: Die Preise fallen ins Bodenlose. Laut Bloomberg springen pro Tag nur wenige Dollars heraus, was allerdings einer deutlich besseren Bezahlung als einem traditionellen Job entspricht, der mit dem faktisch wertlosen Bolivar entlohnt wird.

In der Gildenhalle hält die Gilde ihre Besprechungen ab.
In der Gildenhalle hält die Gilde ihre Besprechungen ab.

Hyperinflation in Venezuela: Bevölkerung steigt auf Games-Währung um

Zu den beliebtesten Titeln der Goldfarmer in Venezuela zählen Fantasy-Rollenspiele wie „Runescape“ und das PC-Browsergame „Tibia“, das vom Regensburger 90-Mann-Studio CipSoft stammt. „Tibia“ ist gerade im südamerikanischen Raum besonders populär – jetzt sorgt es dafür, dass gelernte Programmierer, Maurer, Ingenieure und Grafikdesigner Teile ihres Lebensunterhalts bestreiten.

Mittlerweile haben sich Startups etabliert, die als Zwischenhändler fungieren und die Tibia Coins und das Tibia Gold auf eBay-ähnlichen Marktplätzen wie Mercadolibre.com anbieten.

Vorteil von „Tibia“: Aufgrund seiner 20jährigen Betriebszeit läuft das Spiel auch auf älteren Rechnern und mit der schwachen Netz-Infrastruktur Venezuelas – zudem gibt es eine große Community. Regelmäßige Internet-Ausfälle führen allerdings dazu, dass vorübergehend das Einkommen ganzer Familien wegbricht.

Den Spiele-Herstellern ist dieser Schwarzmarkt ein Dorn im Auge: Anbieter wie Blizzard untersagen in den Geschäftsbedingungen den Weiterverkauf von Spielehelden, Währung und Ausrüstung, weil dadurch das Ökosystem der Spiele-Wirtschaft ausgehebelt und das Spielerlebnis letztlich zerstört wird. Um diese illegalen Angebote einzudämmen, löscht beispielsweise „Runescape“-Entwickler Jagex rund 10.000 Spielerkonten – pro Tag.

Alive and kicking: Tibia ist das älteste der noch aktiven Online-Spiele aus Deutschland.
Alive and kicking: Tibia ist das älteste der noch aktiven Online-Spiele aus Deutschland.

 

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